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Kein Lebenslauf ist gleich

Beeindruckende Lebensläufte

In unseren KWA-Häusern lebten und leben zahlreiche Menschen mit beeindruckenden Lebensläufen. Jede Biographie ist anders. Mit einem Blick in die Geschichte von KWA haben wir drei Vitae aus vergangenen Alternovum-Ausgaben herausgesucht, die wir hier vorstellen.

Jutta Ballach, Emil Baumgärtner und Hilde Lölkes (von links nach rechts)

17. August 2026

erstmals erschienen in Alternovum 2/2018, in der Rubrik MENSCHEN

Jutta Ballach: Mit dem Alphorn in Osnabrück

„Musik ist für mich Balsam für die Seele. Auch in schweren Zeiten“, sagt Jutta Ballach. Klänge, Töne und Rhythmen spielten in ihrem Leben bereits früh eine wichtige Rolle – auch wenn sie erst im Alter von 50 Jahren aktiv zu musizieren begann. Die gebürtige Burghauserin wurde von ihren Eltern bereits als Kind zu klassischen Konzerten mitgenommen. „Doch dafür konnte ich mich nicht begeistern“, gibt sie zu. Auch ein Instrument erlernte sie nicht – in Kriegszeiten gab es Wichtigeres. 

Doch nach der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in Mainz lernte sie Ende der 1950er-Jahre in Darmstadt eine andere Musik kennen: den Jazz. „So etwas gab es in meinem Elternhaus nicht. Ich war sofort vom Jazzvirus infiziert.“  Von nun an besuchte Jutta Ballach mit ihrem künftigen Mann die Darmstädter Jazzclubs. Gemeinsam zogen sie auf Pferdewägen durch den Wald, auf denen die Bands jazzten. 

In Osnabrück kamen Jutta Ballachs vier Söhne zur Welt. Sie erhielten eine musikalische Früherziehung und lernten Tuba, Posaune, Waldhorn beziehungsweise Saxofon. „Am Wochenende lief bei uns eine Jazz-Platte nach der anderen. Und es wurde immer viel musiziert.“ Jutta Ballach organisierte Vorspielabende, Workshops und Konzerte. Aber selbst musizierte sie nicht. Noch nicht. 

„Plötzlich wurde es still zu Hause. Die Kinder waren ja ausgezogen.“ Ende der 1980er-Jahre entschloss sich Jutta Ballach dann, in die musikalischen Fußstapfen ihrer Söhne zu treten. Beim Hornisten Adolf Leppich lernte sie Waldhorn. Anfangs zusammen mit sechs- bis zwölfjährigen Kindern. Jutta Ballach lernte „unter Mühen“ Notenlesen und Transponieren, machte jedoch rasch Fortschritte auf ihrem Bass-Waldhorn. Es folgten erfüllende Jahre des Ensemblespiels. Und ein außergewöhnlicher Instrumentenwechsel.

„Adolf Leppich fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, in seiner Alphorngruppe mitzuspielen. Alphorn! In Osnabrück? Spontan habe ich ja gesagt – und es nie bereut.“ Für das Alphorn braucht die Hornistin im wahrsten Sinne des Wortes einen langen Atem. An einen der zahlreichen Auftritte des Ensembles erinnert sich Ballach besonders gerne: „Wir spielten auf einer Geburtstagsfeier, aber heimlich. Die Alphörner wurden vorsichtig unter der Hecke durchgesteckt. Keiner der Gäste merkte etwas. Und dann begannen wir wie aus dem Nichts zu spielen. Ein Heidenspaß!“ Orchesterreisen führten Jutta Ballach und ihr Alphorn bis nach Südafrika.

2000 kehrte sie in ihr geliebtes Bayern zurück. Sie musizierte weiterhin mit großer Freude, unter anderem auch mit dem weltbekannten Tölzer Knabenchor. Ihr Waldhorn erklingt übrigens noch heute in Osnabrück – als Bassfundament der dortigen „Oldie-Gruppe“.

Und das Alphorn? „Habe ich im Norden gelassen. Aber ich würde auch heute noch garantiert einen sauberen Ton rausbekommen“, ist sie sich sicher. Doch jetzt möchte die 80-Jährige, die 2013 im KWA Stift am Parksee ihre neue Heimat gefunden hat, liebend gerne ein neues Instrument erlernen. Die Mundharmonika liegt schon bereit. Forcieren möchte Jutta Ballach allerdings nichts. „In meinem Leben und in meiner Musik hat sich vieles einfach so entwickelt. So soll es bleiben.“

Anmerkung der Redaktion: Jutta Ballach ist heute 88 Jahre alt und lebt im KWA Stift im Parksee in Unterhaching, das seit nunmehr dreizehn Jahren ihr Zuhause ist. 

erstmals erschienen in Alternovum 3/2019, in der Rubrik MENSCHEN

Emil Baumgärtner: Der Hundertjährige, der auf Gott vertraut

Er hat die Weimarer Republik, die Nazi-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg erlebt, die Gründung von BRD und DDR, die Wiedervereinigung und den Millenniumswechsel, kurz: Emil Baumgärtner ist ein Zeitzeuge zweier Jahrhunderte. Im August 2019 feierte er seinen 100. Geburtstag im KWA Stift Brunneck, wo er seit 2011 mit seiner Frau Ursula lebt. Geboren 1919 in Würzburg, verbrachte der Jubilar seine Kindheit und Jugend im Mittelfränkischen. „Damals gab es noch keine Computer, wir haben Räuber und Gendarm im Wald gespielt“, erinnert sich Baumgärtner an schöne Kindheitstage. Jahrelang war der Fahrschüler in der „Holzklasse“ der Reichsbahn zur Schule nach Rothenburg o. d. Tauber unterwegs und so manches Mal fertigte sein Vater als Bahnhofsvorsteher in Schillingsfürst den Zug erst dann ab, wenn „auch der Emil“ drinsaß.

Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann griff die Weltgeschichte in seinen Lebensplan ein. Auf den Reichsarbeitsdienst in Nördlingen folgte im Dezember 1939 die Einberufung zur Wehrmacht. Kriegseinsätze in Frankreich, Estland und auf der Krim schlossen sich an. Beim Rückzug aus Russland „muss ein Schutzengel bei mir gewesen sein. Den hatten viele Kameraden nicht“, berichtet Baumgärtner mit leiser Stimme. Nach kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft konnte er Ende Mai 1945 in Ansbach seinen Vater in die Arme schließen. Die Mutter war 1937 überraschend verstorben.

Es brachen glücklichere Tage für Baumgärtner an. 1949 heiratete er und setzte seine Laufbahn bei der Bayerischen Staatsbank in München fort. „Unsere 30 -Quadratmeter-Wohnung ohne Bad war kriegsbeschädigt, wir haben dann alles selbst renoviert“. 1951 kam die Tochter zur Welt, 1957 der Sohn. Baumgärtner machte rasch Karriere und erlebte 1971 als Bankrat die Fusion mit der Bayerischen Vereinsbank. Sein Tätigkeitsschwerpunkt, nun als Abteilungsdirektor in der Münchner Zentrale der neuen Bank, war das Kreditgeschäft für Privat- und Firmenkunden. „Dabei wollte ich doch eigentlich immer Ingenieur werden. – Mit Zahlen hatte ich es gar nicht so. Aber was der Vater wollte, hat man damals eben getan.“

Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau 1979 wandte sich Baumgärtner als Pensionär dem Radsport zu. Der Sport, der schon seit früher Jugend seine Leidenschaft war, wurde für ihn nicht nur zum Lebenselixier, sondern führte ihm 1983 auch seine zweite Frau Ursula zu. Die beiden unternahmen ausgedehnte Radreisen im In- und Ausland, erkundeten mehrfach Mallorca, Kreta, Alanya auf ihren Rennrädern. „Und das ohne jeden Unfall“, betont Baumgärtner. Er ist überzeugt, dass sein langes Leben auf zwei Grundsäulen basiert: Sport und Gottvertrauen. „Trotz einiger Schicksalsschläge habe ich nie die Flinte ins Korn geworfen. Mein ganzes Leben lang hat mir mein Gottvertrauen immer Halt gegeben“, erklärt der Hundertjährige und zitiert seinen Konfirmationsspruch, der auch heute noch sein Leitbild ist: „Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Zuversicht der Herr ist.“

Was ist der Sinn des Lebens? Baumgärtners Antwort kommt spontan: „Für andere da zu sein, immer hilfsbereit und freundlich.“ Und wie verbringt ein Hundertjähriger seinen Tag? „Ich kümmere mich heute vor allem um meine Ursula, erfreue mich an Kindern, Enkeln und Urenkeln und genieße meine Zeit hier im Stift.“ Hat er vielleicht eine Marotte? „Aber sicher doch“, ruft Ursula Baumgärtner aus dem Hintergrund, „er muss überall helfen!“ Baumgärtner nickt zustimmend und lächelt.

Anmerkung der Redaktion: Ursula Baumgärtner verstarb im November 2020. Emil Baumgärtner lebt auch heute noch im KWA Stift Brunneck und feiert Ende August seinen 107. Geburtstag.

erstmals erschienen in Alternovum 3/2020, in der Rubrik MENSCHEN

Hilde Lölkes: die Rekordhalterin

Hilde Lölkes ist Rekordhalterin im KWA Hanns-Seidel-Haus. Nicht, weil sie in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiern konnte, sondern weil sie seit 1988 und damit seit 32 Jahren im Ottobrunner Wohnstift lebt – länger als jeder andere Bewohner. „Ich bin hier vom ersten Tag an glücklich gewesen“, betont die Seniorin. 1920 in Berlin geboren, besuchte sie in Schmargendorf das Lyzeum. „Das Jungengymnasium lag direkt gegenüber, auf der anderen Seite der Spree. Gegenseitige Besuche gab es natürlich nicht“, berichtet Lölkes. Das Lyzeum empfand sie eher als „Strafe, denn in Englisch und Mathematik war ich nie gut.“ Doch die sich daran anschließende Zeit an der Hauswirtschaftsschule war dann für sie ein großes Glück.

Bereits mit 19 Jahren heiratete sie, die beiden Kinder kamen während des Krieges zur Welt. Diese Zeit in Berlin war für Lölkes vor allem von den Bombennächten geprägt. „Der Vermieter hatte einen Bunker gebaut, in dem man eng zusammenstand. Doch eines nachts war ich mit den kleinen Kindern zu spät und stand vor der Tür – da hat keiner aufgemacht. Wir müssen einen Schutzengel gehabt haben.“ Nach Kriegsende verließ Lölkes mit den Kindern Berlin und lebte bis 1948 bei den Schwiegereltern in Hessen während ihr Mann eine neue Arbeitsstelle in München fand. 1948 zog die Familie dann nach Baierbrunn ins Isartal. Dort widmete sich Hilde Lölkes neben dem Haushalt und der Pflege ihres großen Gartens erstmals intensiv dem Ehrenamt: Über viele Jahre unterstützte sie die Pflege in einem Altenheim in Ebenhausen.

Nach dem Tod ihres Mannes 1980 lebte Hilde Lölkes noch einige Jahre allein, bevor sie im Hanns-Seidel-Haus eine neue Heimat fand. „Ich war recht einsam und habe nach einer Einrichtung gesucht, in der es gesellig und fröhlich zugeht. Die habe ich hier gefunden.“ Schnell fand die agile und auch körperlich fitte 67-Jährige Anschluss im Haus und verbrachte den Großteil ihrer Zeit im Kreis neuer Freunde – darunter Musiker und Akademiker. Gemeinsam kochte und buk man, ging in klassische Konzerte und Ausstellungen, besuchte Feste und Feierlichkeiten im Haus. „Wenn alle anderen schon weg waren, haben wir in der Bibliothek oder auch an der Kegelbahn weitergefeiert. Das durfte natürlich niemand wissen. Gerne getanzt habe ich auch – wenn es den richtigen Partner gab.“ 

Doch auch das Ehrenamt ließ Lölkes nicht ruhen. Höchst engagiert betreute sie in den ersten Jahren im Stift viele Mitbewohner, mit Worten und Taten. Drei ihrer engsten Freunde hat Lölkes empathisch und engagiert bis zum Ende begleitet. „Da bin ich auch nachts aufgestanden und habe sie mit allem versorgt, was nötig war. Wenn ich es körperlich könnte, würde ich auch heute noch gerne helfen.“ 

1990 lockte dann die weite Welt und zusammen mit zwei Freundinnen aus dem Stift flog Hilde Lölkes über den großen Teich nach Seattle. Dort machte sich das Trio im Auto auf eine Fahrt von Kanada bis nach Mexico. „Ich konnte kein Wort Englisch! Aber die Weite und das Meer waren natürlich ein Erlebnis. Das amerikanische Essen hingegen – eine Katastrophe!“

Nach einem Sturz vor einigen Jahren musste Hilde Lölkes alles ein wenig ruhiger angehen. Trotzdem ist sie noch jeden Morgen an ihrem Lieblingsplatz im Café und trifft dort beim Stammtisch ihre Bekannten. Nach dem Mittagessen in der Wohnung genießt sie die Nachmittage und Abende: „Ich schaue entweder Fernsehen oder sitze – wann immer möglich – auf dem Balkon, lese die Zeitung und erfreue mich an den Farben und der Ruhe der Natur. Mit meinem Leben bin ich rundum glücklich und zufrieden. Ich habe es genommen, wie es kam.“ 

Anmerkung der Redaktion: Hilde Lölkes ist im Oktober 2022 nach 34 Jahren Leben im KWA Hanns-Seidel-Haus verstorben.

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