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Blickwinkel: Gutes Leben im Alter

Die Siebte Altenberichtskommission der Bundesregierung hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, was denn gutes Leben im Alter heißt. Die Bundeskanzlerin und das Bundeskanzleramt haben in weit über hundert Städten und Gemeinden in Deutschland Bürgerinnen und Bürger danach gefragt, was für sie denn gutes Leben ausmacht. Ein Beitrag von Prof. Dr. Thomas Klie, erschienen in der zweiten Ausgabe 2017 des KWA Journals alternovum.

In einem modernen Verständnis von Daseinsvorsorge fragt man nach den Bedingungen guten Lebens: Sind sie vor Ort gegeben oder nicht – Wohnen, Infrastruktur, Bildung, Kultur, Natur? Was kann und muss getan werden, um Städte und Dörfer, Quartiere und Ortsteile so auszugestalten, dass der Mensch sein Leben entfalten kann? Als Referenz für die Debatte über Bedingungen guten Lebens dient die Konzeption von Martha Nussbaum, eine der wichtigsten Philosophinnen unserer Zeit. Sie hat zehn Punkte zusammengestellt, in der die Bereiche menschlichen Lebens beschrieben und die Befähigungen abgeleitet werden, über die ein Mensch verfügen muss, damit er die Möglichkeiten für ein gelingendes Leben hat.

Befähigungen nach Nussbaum
1. (Lebenswertes) Leben
2. Körperliche Integrität
3. Gefühlserfahrung
4. Kognitive Fähigkeiten
5. Vertrauen
6. Vorstellung des Guten
7. Sozialität
8. Verbundenheit mit der Natur
9. Freizeitgestaltung (Spiel, Lachen …)
10. Vereinzelung/Privatheit

Die Liste beansprucht Geltung für alle Menschen auf dieser Welt, wobei sie nicht als abschließend
formuliert wurde, sondern offen ist für andere kulturelle Interpretationen und sich mit der Zeit verändernden Bedürfnisse des Menschen. Wichtig ist für Martha Nussbaum die Unterscheidung zwischen den Wesensmerkmalen des Menschen, etwa der Sterblichkeit, der Körperlichkeit, Freude und Schmerz, praktische Vernunft, Verbundenheit mit anderen Menschen, aber auch mit der Natur,
Humor und Spiel sowie Privatheit. Diesen Wesensmerkmalen stellt sie die Grundbefähigungen gegenüber, die sich als Liste der Bedingungen guten Lebens lesen lässt. Habe ich die Möglichkeit, mich zurückzuziehen, die Fähigkeit zu lachen, zu spielen und mich zu erholen? Die Fähigkeit
miteinander zusammen zu sein und sich mit anderen zu identifizieren, gehört genauso dazu wie die Vorstellung des Guten und Vertrauen als Fähigkeit zur Bindung an Dinge oder Personen, zur Liebe, Trauer, Dankbarkeit oder Sehnsucht. Die Wesensmerkmale des Menschen und die Grundbefähigung, in diesem Sinne sein eigenes Menschsein entfalten zu können, gilt für alle Lebensphasen, auch und gerade im Alter.

KWA nimmt für sich in Anspruch, Bedingungen guten Lebens zu fördern. Nutzen muss man sie nicht, darauf legt Martha Nussbaum Wert. Was von den Möglichkeiten, die die Gesellschaft, die ein Ort, die ein Wohnstift bietet, genutzt wird, das bleibt Angelegenheit des Einzelnen. Nur die Möglichkeiten müssen eben offenstehen und Angebote zur Befähigung.

In der letzten Kundenbefragung von KWA wurden erstmals Fragen zum guten Leben im Wohnstift gestellt, einige davon sind aus der Liste von Martha Nussbaum übernommen. Sie zeichnen ein interessantes Bild von den Vorstellungen und Möglichkeiten eines guten Lebens in den KWA Wohnstiften. Am sozialen Leben teilzunehmen ist den meisten Stiftsbewohnerinnen und -bewohnern
ausgesprochen wichtig. Die Möglichkeiten, die sie in den KWA Wohnstiften finden, werden als ausgesprochen gut bewertet: Es gibt offenbar mehr Möglichkeiten am Sozialen teilzunehmen als individuell genutzt und gewünscht. Eingeschränkt gilt dies auch für die Freizeitgestaltung, die Möglichkeit, um mit Nussbaum zu sprechen, zu lachen, zu spielen und sich zu erholen. Interessen,
Hobbys und eigene Pläne zu verfolgen, ist den Stiftsbewohnern über alle Einrichtungen hinweg ausgesprochen wichtig. Sie finden in ihrem Wohnstift auch gute Möglichkeiten, die nur leicht hinter dem zurückbleiben, was sie sich wünschen.

Für die seelische Gesundheit ist es von zentraler Bedeutung, für andere bedeutsam zu sein, gebraucht zu werden und Aufgaben im Leben zu haben. Das gilt auch im Alter, auch im hohen Alter. Dies sehen auch die Bewohnerinnen und Bewohner der KWA Wohnstifte so. 85 % sind der Meinung: Es ist wichtig, Aufgaben im Leben zu haben. Sich für andere, sich für eine gute Welt im Kleinen, für die Gemeinschaft zu engagieren, auch dies gehört für Martha Nussbaum zu einem guten Leben. KWA fördert das Engagement der Stiftsbewohnerinnen und -bewohner, aber auch das von Bürgerinnen und Bürgern für sie, insbesondere für die vulnerablen und auf Pflege angewiesenen Bewohner. Immerhin
betonen über 60 %, dass ihnen das freiwillige Engagement wichtig ist.

Besonders ausgeprägt ist bei den Stiftsbewohnerinnen und -bewohnern das Interesse an aktuellen Entwicklungen, an Politik, Kultur und Gesellschaft. Groß ist das Bedürfnis, ein selbstbestimmtes, autonomes Leben zu führen. Auch die Möglichkeiten, diese für die modernen Menschen so wichtigen Bedingungen des Lebens bis ins hohe Alter verfolgen zu können, werden in den Wohnstiften von KWA als besonders günstig eingeschätzt. Ein gutes Feedback. Das Ergebnis enthält aber auch Aufträge für
die KWA Wohnstifte. Guter Service ist Pflicht, er ist vertraglich geschuldet. Das aber, was Wohnorte im Alter zu Orten guten Lebens macht, das hängt von weit mehr ab. Martha Nussbaum hat es in kluger Weise herausdestilliert.

Erschienen in alternovum | 2/2017
Autor: Prof. Dr. Thomas Klie

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