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Thomas Klie: „Von Pflegeschlüsseln und Fachkraftquoten müssen wir zum Menschen kommen“

KWA Symposium 2019 „Gutes Leben, gute Pflege“ in Berlin – Auszug aus den Beiträgen von Prof. Dr. Thomas Klie von der Ev. Hochschule Freiburg und von Dirk Müller von Unionhilfswerk Berlin

Berlin, 7. Februar 2019. – KWA Symposium unter dem Titel "Gutes Leben. Gute Pflege?"

Der Gerontologe und Jurist Prof. Dr. Thomas Klie wies gleich zu Beginn seiner Ausführungen darauf hin, dass rund 20 Prozent der pflegenden Angehörigen aus finanziellen Gründen gar keine Alternative sehen. „Diese Menschen brauchen Solidarität. Das verlangt das Prinzip der Subsidiarität.“ Auch für die 600.000 Pflegekräfte aus dem osteuropäischen Raum, die in deutschen Haushalten Menschen pflegen, brauchen wir eine Lösung, so Klie.

Derzeit dominieren laut Klie die Perspektive der Einrichtungen und die Perspektive der Finanzierung. Doch die Qualitätssicherungsdebatte alleine reiche nicht aus. Auch die Verpflichtung zur Schaffung von Pflegeplätzen werde nicht eingelöst. Diese Pflicht liege nicht allein bei der Pflegekasse. Umsteuerung und eine andere Politik seien gefragt. „Die Frage der Pflege und der Sorge muss stärker demokratisiert werden“, sagt Klie. Das dürfe nicht allein den großen Stakeholdern überlassen werden.

Als Beispiel für einen guten Ansatz auf kommunaler Ebene nannte Klie das Projekt „Sorgender Bezirk Treptow-Köpenick – Compassionate Community“. Jeder soll adäquate Unterstützung bekommen, nach dem Motto „Miteinander leben – füreinander sorgen“. Die Resonanz darauf sei groß. Thomas Klie denkt, dass die Kompetenzen vor Ort erhöht werden müssen, sodass die jeweils passenden Pflegearrangements da getroffen werden können, wo sie gebraucht werden. In der Realität verhindere oftmals Arroganz gute Lösungen. 

„Von Pflegeschlüsseln und Fachkraftquoten müssen wir zum Menschen kommen“, betont Klie. Derzeit sei es aber noch so, dass Pflegedienste dann wirtschaftlich erfolgreich sind, wenn sie möglichst viele Leistungen erbringen. Der Titel des KWA Symposiums „Gutes Leben, gute Pflege“ ziele nicht auf Wellness. Es gehe vielmehr darum, Bedingungen zu schaffen, die es auch Menschen mit Pflegebedarf ermöglichen, Wesentliches erfahrbar zu machen. Die Philosophin Martha Nussbaum hat dazu 10 Punkte definiert, der Gerontologe Mike Nolan beschreibt ein „Six Senses Framework“. Auch der Soziologe Hartmut Rosa befasst sich in seinem Buch „Resonanz“ damit, was für Menschen wirklich bedeutsam ist – er rückt die Beziehung des Menschen zur Welt und zur Natur in den Mittelpunkt. Klie ist sich sicher: „Es ist wichtig, dass wir uns auf menschliche Wesensmerkmale besinnen. Wenn wir Menschen das Gefühl vermitteln, sie seien nur noch Last, sind das keine guten Bedingungen.“  

Das neue Pflegeberufegesetz formuliert erstmals Vorbehaltsaufgaben für die Pflege. Das sei für alle eine Herausforderung. Pflege müsse sich auf das konzentrieren, was sie auszeichnet. „Eine Hierarchisierung ist völlig falsch, das wird Langzeitpflege nicht gerecht, wir brauchen Durchlässigkeit“, so Klie. Seine These: „So viele Fachkräfte mehr brauchen wir gar nicht. Aber viel mehr Personal, beispielsweise für die Alltagsgestaltung.“ 

Untersuchungen von agp Sozialforschung zeigen, dass die pflegerische Versorgungssituation in Deutschland vom Wohnort, vom Netzwerk und von der regionalen Kultur abhängt. Es gebe in der Pflege Rechtsdurchsetzungs- und Infrastrukturprobleme, die Verantwortungslage sei undurchsichtig. Eine Stärkung der Kommunen sei nicht gelungen, sondern verhindert worden. Er wünsche sich keine neuen Programme, sondern die Durchsetzung des Rechts.

Die Herausforderungen liegen, so Klie, im alltäglichen, häuslichen Bereich. Die Leistungen erreichen nicht alle. Die Pflegeversicherung stelle keine gleichwertige Versorgung sicher. Das Ringen um ein gutes Leben für Pflegende und zu Pflegende sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Politik hat bislang keinen guten Job gemacht“ – Klies Einschätzung. 

Dirk Müller von Unionhilfswerk Senioreneinrichtungen referierte für das Kompetenzzentrum KPG über Palliative Geriatrie. Er forderte dazu auf, zu überlegen, wie wir selbst versorgt werden wollen, wenn wir Unterstützung und Pflege brauchen. Mit Palliativpflege ist aus seiner Sicht auch der Auftrag verbunden, „dass Menschen sterben dürfen und wir sie begleiten“. Dazu zeigte er eine Stofftasche mit dem Aufdruck „Leben können – sterben dürfen“. In unserer Gesellschaft wird das Wort „sterben“ nur selten in den Mund genommen. Sie hingegen sagen bereits beim Einzug „Bei uns kann man auch sterben.“ Bei manchen spüre man eine Erleichterung. Anderen müsse man „übersetzen“, was damit gemeint ist.

Eine Untersuchung belege, dass die Trägerschaft einer Einrichtung keinen Einfluss hat auf die Sterbekultur. Es gebe Pflegeberater und –kräfte, die sich leicht tun, über Sterben zu reden, aber auch solche, die sich schwer tun. Dabei müsse man auch im Blick haben, dass manche neue Pflegekräfte viel Wissen und Erfahrungen mit Sterbebegleitung mitbringen, andere nur ganz wenig. Dirk Müller empfiehlt, dass sich immer ein, zwei Personen in einer Einrichtung des Themas Sterbebegleitung annehmen sollten.

Betreuung und Begleitung am Lebensende ist für Dirk Müller ein Grundthema von Altenpflege. Seine Erfahrung ist: Für den einen ist in der letzten Lebensphase seine Katze auf dem Stuhl wichtig, für den anderen ein Gläschen Eierlikör. Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die viel Versorgung und Hilfe und einen regelmäßigen Arztbesuch brauchen. Es müsse aber auch die Frage erlaubt sein, ob multimorbide Hochbetagte wirklich in jedem Fall Hospizarbeit und Palliative Care benötigen oder im Einzelfall die Grundidee „Leben bis zuletzt“ nicht Vorrang haben sollte. Dabei dürfe nicht verschwiegen werden, dass manche alte Menschen in der letzten Lebensphase das Problem extremer Langeweile haben.

Einrichtungen sollten sich fragen: Wie wird bei uns eigentlich gestorben? Einrichtungsleiter sähen das oft anders als Mitarbeiter. Auch die Frage, ab wann Menschen palliative Betreuung brauchen, ist für Dirk Müller eine Grundsatzfrage, insbesondere in der Kooperation mit dem Hospizdienst und Ärzten. Er selbst denkt nicht, dass man das einer Schmerzpumpe festmachen kann. Dirk Müller ist ein Fan des gesundheitlichen Versorgungsplans, der gemeinsam mit dem Patienten erarbeitet wird.

Der Sterbeort sage nichts über die Sterbequalität. Unionhilfswerk hat in seinen Einrichtungen 2017 Sterbeforschung betrieben, um sich über Verschiedenes klar zu werden. Dabei wurden unter anderem Beschwerden bzw. Symptome des letzten Lebensmonats erfasst. Das Resultat stellte Dirk Müller vor. 46 Prozent waren von Schmerzen betroffen, 33 Prozent von Bewusstseinseintrübung, 33 Prozent von Desorientiertheit. 

Laut Dirk Müller denken heute viele, dass sie eine Patientenverfügung, eine Vorsorgevollmacht oder eine Gesundheitliche Versorgungsplanung mitbringen müssten. Er hingegen denkt, dass erst einmal Gespräche wichtig sind. Es gebe Menschen, die mit großem Leiden relativ gut umgehen können, aber auch Menschen, die mit vergleichsweise kleinem Leiden schlecht umgehen können. Für Dirk Müller besteht Palliative Geriatrie zu 50 Prozent aus Wissen und zu 50 Prozent aus Haltung. 

Ein Kernproblem ist aus seiner Sicht in manchen Einrichtungen fehlende Koordination. Nicht nur die Behandlung sei in den Fokus zu nehmen, sondern auch Kommunikation, Integration und Krisenintervention. Gute Erfahrungen habe er gemacht mit Notfallindikationskoffern, multiprofessionellen Teams, vorausschauendem Handeln sowie einer fest etablierten Besprechungskultur, auch mit Angehörigen.

Autor: Sieglinde Hankele

Zum Bericht über die Beiträge der Referenten Andreas Büscher und Bianca Jendrzej sowie Auszügen aus der Talkrunde


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