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Autorin Thea Dorn zu Gast beim "Dialog"

Letzter Gast des Jahres 2018 beim „Dialog im Stift“ im KWA Stift im Hohenzollernpark war die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Thea Dorn. Die Berlinerin ist bekannt aus dem „Literarischen Quartett“, als Krimiautorin und als Autorin der Kulturgeschichte "Die deutsche Seele" oder ihres aktuellen politisches Buches "Deutsch, nicht dumpf".

Berlin, im Dezember 2018. – Thea Dorn beginnt mit einem Stoßseufzer: "Schriftsteller zu sein, ist heute einerseits wunderbar, andererseits furchtbar." Die Zeiten, in denen man vom Bücherschreiben allein leben konnte, seien vorbei, erklärt sie Moderator Reinhard von Struve. Man müsse vielmehr hinausgehen, sich auf Dutzenden Veranstaltungen zeigen, in den Medien für seine Werke werben und mit Lesungen durchs Land ziehen, auch wenn man - wie sie - gut für sich allein sein könne. 

Lesungen als "Erntezeit"

Thea Dorn räumt ein, dass sie das Touren aber nicht nur als notwendige Pflicht betrachte, sondern auch als eine Phase, die sie für ihre Arbeit brauche. Sie nennt es die "Erntezeit". Sie wolle ja wissen, ob sie Menschen mit ihrem Werk erreiche und ob ihr Anliegen verstanden werde.

Woher stammt die Idee für ihr jüngstes Buch "Deutsch, nicht dumpf" möchte von Struve von seinem Gast wissen. "Ich habe das politische Tier in mir entdeckt", erwidert Dorn. Sie hielt sich zu Beginn der Amtszeit Präsident Trumps vor zwei Jahren länger in den USA auf und erlebte dort eine Art Spaltung der Gesellschaft. Nach der Rückkehr nahm sie auch in Teilen ihres deutschen Freundeskreises eine veränderte Stimmung wahr, die sie als Radikalisierung empfand, bis hin zur Sympathie für Trump oder die AfD. In dieser politischen Ecke sei aber keine Antwort auf die Fragen der Gegenwart zu finden, war Dorn überzeugt, und nahm sich vor aufzuklären. 

Heimat und Nation

Ihr Buch trägt den Untertitel "Leitfaden für aufgeklärte Patrioten". Sie ruft dazu auf, Begriffe wie Heimat und Nation nicht den falschen politischen Kräften zu überlassen. Sie wendet sich gegen schematisches Freund-Feind-Denken und setzt sich dafür ein, auch mit politischen Gegnern im Gespräch zu bleiben - damit die deutsche Gesellschaft nicht auseinanderdrifte, wie sie es in Amerika erlebt habe.

Für die beschriebene Entwicklung trage auch Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Mitverantwortung, sagt Thea Dorn. Am Anfang sei sie neugierig auf Merkel gewesen und habe deren Weg mit Sympathie begleitet. Daraus sei zunächst Ratlosigkeit und dann Ernüchterung geworden: "Ich kann überhaupt nicht mehr ausmachen, wofür sie steht, welche Überzeugung sie hat." Dorn wünscht sich eine Regierungschefin, die ihre Entscheidungen immer wieder erklärt, dafür wirbt und kämpft. So funktioniere eine repräsentative Demokratie. Merkel aber komme aus ihrer Rolle als Naturwissenschaftlerin nicht heraus, die sich an Meinungsumfragen orientiere statt an Grundsätzen und Wahlversprechen.

Der Künstlername Thea Dorn

Ihren Künstlernamen hat sich die als Christiane Scherer geborene Autorin in einer Studentinnenlaune gegeben. Zum einen wollte sie beim Erscheinen ihres ersten Buches, eines Kriminalromans über den Mord an einem Berliner Philosophieprofessor, die Familie aus dem Scheinwerferlicht heraushalten; zum anderen wollte sie sich öffentlich zu ihrem Lieblings-Philosophen Theodor W. Adorno bekennen. In der ersten Zeit sei ihr das Pseudonym  noch "peinlich spätpubertär" vorgekommen, inzwischen lebe sie sehr gut damit. 

Schwieriger ist es für Thea Dorn, dass sie von vielen vor allem als Literaturkritikerin wahrgenommen wird. Schließlich sei sie in erster Linie Schriftstellerin: "Wenn ich über andere Autoren rede, tue ich das, weil ich vom Selber-Schreiben komme und nicht vom Über-Bücher-Schreiben." Dass ihr Urteil über das Werk eines Kollegen auch mal streng ausfallen kann, ist ihr bewusst: "Ich weiß doch, wie ich mich bis aufs Blut schinde beim Schreiben. Das erwarte ich auch von anderen. Und ich werde natürlich wütend, wenn jemand einen halbgaren und nicht durchdachten Roman abliefert."

Kollegenkritik mit drei Grundsätzen

Damit macht Thea Dorn klar, dass Literaturkritik ohne Argumente, krawallartig vorgetragen nur aus dem Bauch heraus, wie das gelegentlich auch im "Literarischen Quartett" passiere, nicht ihre Sache ist. Sie orientiert sich nach eigenen Worten an drei Grundsätzen: Erstens liest sie jedes zu beurteilende Buch bis zur letzten Seite. Manche Kritiker täten das nicht, was sie am eigenen Leibe erfahren habe. Zweitens versucht sie, in der Sprache nicht beleidigend zu werden. Drittens argumentiert sie nicht auf die Person des Autors hin. Wie derjenige sich sonst verhalte, spiele für das Urteil über das Werk keine Rolle. 

Thea Dorns "Buch des Jahres" 2018

Als ihr Buch des Jahres nennt Dorn "Lincoln im Bardo", den ersten Roman des Amerikaners George Saunders. Ein formal kühnes und inhaltlich anrührendes Werk, wie sie sagt, eine Art Geisterchor von Stimmen auf einem Friedhof: "Das hat für mich die Wucht eines Oratoriums."

Bei von Struves Frage nach ihrem Lieblingsklassiker muss Thea Dorn nicht lange überlegen: Gustave Flauberts "Madame Bovary". Mit jedem neuen Lesen verstehe sie die Geschichte anders. Ein anderer Säulenheiliger ist für sie Albert Camus, auch Thomas Mann fasziniere sie zunehmend. Andere große Autoren haben in ihren Augen bei der Wiedervorlage verloren: Elias Canetti oder Thomas Bernhard.

Zum Schluss empfiehlt der "Dialog"-Gast, wieder mehr Gedichte zu lesen. Ihre aktuellen Lieblinge sind Andreas Gryphius und Joseph von Eichendorff. Zur Freude des begeisterten Publikums und zur Abrundung dieses "Dialogs" rezitiert Thea Dorn dann noch einige Zeilen aus Eichendorffs "Mondnacht".

Text: Reinhard von Struve


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