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Seyran Ates - eine außergewöhnliche Frau zu Gast im "Dialog"

Dieser "Dialog" im KWA Stift im Hohenzollernpark war anders. Ein Beamter des Landeskriminalamtes inspizierte Saal, Bühne und Foyer. Externe Gäste mussten sich einen Blick in ihre Tasche gefallen lassen und als Seyran Ates den Saal betrat, eskortierten sie mehrere Personenschützer. Der Grund: Die Berliner Anwältin, Menschenrechtlerin und Gründerin der ersten deutschen liberalen Moschee erhält ständig Morddrohungen aus dem In- und Ausland.

Berlin, im September 2018. - Als Antwort auf die Frage des Moderators Reinhard von Struve, womit sie solchen Hass auf sich ziehe, sagt Seyran Ates, man trachte ihr nach dem Leben, weil sie öffentlich für einen Islam eintrete, der geschlechtergerecht, demokratisch, säkular und liberal sei. Dann schildert sie dem betroffenen Publikum ein Ereignis, das auf den Tag genau 34 Jahre zurücklag. Damals arbeitete die junge Jurastudentin Ates in einer Rechtsberatung für türkische Frauen in Berlin. Als sie mit einer Klientin sprach, stürmte ein bewaffneter Mann das Büro und schoss auf beide.

Jetzt erst recht!

Die Klientin war sofort tot, Seyran Ates überlebte schwerverletzt. "Ich hatte im Koma ein Nahtoderlebnis", erinnert sie sich. "Ich schwebte am Himmel und sah auf mich im Krankenbett herab." Daraus wurde eine Trotzreaktion. "Es hat mich wütend gemacht, dass man mich töten wollte, bloß weil ich mich für Menschen- und Frauenrechte einsetzte. Da habe ich mir gesagt: Jetzt erst recht!" Strahlend fügt Ates hinzu: "Deshalb ist heute mein zweiter Geburtstag."

Sie schloss ihr Jurastudium ab, engagierte sich als Feministin, eröffnete eine Anwaltspraxis und kämpft seitdem für eine liberale Religionsausübung. Als Mitglied der 1. Islamkonferenz bekam Ates aber bald zu spüren, dass sie als Einzelkämpferin neben den organisierten konservativen Islamverbänden kaum Gehör fand.

Eine liberale Moschee

Ihr wurde klar, dass sie einen Ort schaffen wollte, an dem aufgeklärte, fortschrittliche Gläubige miteinander ins Gespräch kommen sollten, eben eine liberale Moschee. Acht Jahre reifte die Idee. 2017 war es soweit: Die Johannisgemeinde in Moabit vermietete Ates und ihren Mitstreitern eine Etage im Gemeindezentrum und es entstand die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, benannt nach dem arabischen Aufklärer und dem deutschen Dichter des West-Östlichen Diwans. Daraus ist inzwischen ein Treffpunkt nicht nur liberaler Muslime geworden, sondern auch andersgläubiger und areligiöser Menschen. "Religionsfreiheit bedeutet, auch an keinen Gott glauben zu können", betont sie. 

Das Hoffen auf einen liberalen muslimischen Gönner 

Viel Geld steht nicht zur Verfügung, wie Ates berichtet. Sie finanziert die Moschee zu zwei Dritteln aus den Einnahmen ihrer Kanzlei und durch Vortragshonorare, ein Drittel sind Spenden. Dann beschreibt sie das Missverhältnis, dass die extremistischen, fundamentalistischen Moscheegemeinden von Staaten und reichen Privatleuten aus dem Ausland finanziert werden, wie der Türkei, Saudi-Arabien und Katar, und fügt hinzu: "Meine Vorstellung von einer guten Welt ist, dass eines Tages ein islamischer Millionär kommt und uns Geld gibt. Denn auch im Islam gibt es Menschen, die Veränderung wollen." Noch sei es aber gefährlich, sich in Deutschland und anderswo öffentlich als reformorientierter Muslim zu bekennen, wie ihr Fall zeige.

Ates lernt Arabisch

Dann fragt Moderator von Struve nach dem Streit über die Auslegung des Korans, zum Beispiel in der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter, mit der Ates ihre Gegner am meisten reizt. "Um mit den Männern diskutieren zu können, habe ich begonnen Arabisch zu lernen", sagt sie. Ihr geht es darum, das heilige Buch der Muslime kritisch vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit vor 1.400 Jahren zu verstehen und die patriarchalische Haltung dahinter zu erkennen. Diese sei übrigens gar nicht dem Propheten Mohammed anzulasten, sondern seinem zweiten Nachfolger Omar, den Ates als "Frauenfeind" bezeichnet. Der habe das gemeinsame Beten von Frauen und Männern verboten, zu Mohammeds Zeit sei das noch üblich gewesen.

Ihre Kritiker ruft sie auf, Vielfalt im Islam zu akzeptieren. Wer gegen Pluralität sei, habe die islamische Welt von Marokko bis Indonesien nicht verstanden. 

Der Besuch von Präsident Erdogan

Aus dem Publikum wird die Imamin gefragt, was sie vom Besuch des türkischen Präsidenten Erdogan in Deutschland hält, der zwei Tage nach dem "Dialog" beginnt. Seyran Ates bekennt ihre Empörung: "Diesem Verbrecher darf man kein Staatsbankett ausrichten. Hätte ich eine Einladung bekommen, hätte ich abgesagt." 

Zum Schluss plädiert sie für ein entspanntes Verhältnis zur Religion und erinnert an ihre Jugend in der Türkei. Damals habe die Familie oft in großem Kreis mit Raki-Schnaps stundenlang um den Esstisch gesessen und gute Gespräche geführt. "Wenn dann der Muezzin zum Abendgebet rief", erzählt Ates, "stellte man das Raki-Glas unter den Tisch und sinnierte ein wenig über seine Spiritualität. Dann holte man das Glas wieder hervor und feierte weiter miteinander."


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