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Ein „Dialog“ über Fußball-WM, Bundesliga und Fankrawalle

Das historische Scheitern der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM stand im Mittelpunkt des aktuellen "Dialogs" im KWA Stift im Hohenzollernpark. Zu Gast bei Moderator Reinhard von Struve war Birger Schmidt, Gründer des Fußball-Filmfestivals "11mm" und ehemaliger Dozent an der Humboldt-Universität zum Thema Fußballkulturen.

Berlin, im August 2018. – Auf dem Weg in den Saal fragt eine Bewohnerin den Gast, ob er zu Beginn kurz die wichtigsten Regeln zusammenfassen könne, denn ein Teil des Fußballgeschehens sei ihr immer noch ein Rätsel. Birger Schmidt kommt der Bitte gern nach und zeigt dabei auch, wie viel er von der Geschichte dieses Sports weiß. So erfährt das Publikum, dass die Spieler noch Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Hand zu Hilfe nehmen durften und dass Frauenfußball bis 1970 in Deutschland verboten war.

Begeisterung und Leidenschaft der Spieler - Fehlanzeige

Schnell geht es dann um das Debakel der Nationalelf in Russland, die Ursachen und die Folgen. Birger Schmidt sagt, er habe schon nach der Niederlage gegen Mexiko nur noch wenig Hoffnung gehabt: "Ich hatte von Anfang an das Gefühl, diesmal zündet da etwas nicht."

Der Modebegriff "Körpersprache" treffe es ganz gut: Keiner habe auf dem Platz Begeisterung und Leidenschaft ausgestrahlt. "Was mir gefehlt hat, war jemand, der die anderen mitgerissen hat." Schmidt verweist auf Mesut Özil. Dieser sei zwar wahnsinnig talentiert, aber keine Führungsperson. Also brauche er einen Spieler neben sich wie Schweinsteiger, Lahm oder Mertesacker aus der Generation der Weltmeister von 2014, die ihn mitreißen, um auftrumpfen zu können. "Aber solche Spielerpersönlichkeiten wachsen nicht auf Bäumen", ist die Bilanz des Fußballexperten, momentan fehlten sie.

Löw und der DFB hätten den Umbruch thematisieren müssen

Da sieht Schmidt den DFB und Nationaltrainer Jogi Löw in der Verantwortung. Sie hätten den aktuellen Umbruch thematisieren und "ein ehrliches Wort an der richtigen Stelle sprechen müssen", statt die Erwartung zu schüren, dass es mit dem tollen Fußball wie seit 2006 immer weiter gehe. Dazu habe man sich mit dem Label "Die Mannschaft" arrogant präsentiert und sei wie ein Unternehmen aufgetreten, kritisiert Schmidt.

Die Frage des Moderators von Struve, ob Löw nicht den Fehler gemacht habe, bestimmte gute Spieler zu Hause zu lassen, die als schwierig gelten, verneint Schmidt: "Ich glaube nicht, dass sich das ein Trainer leisten kann. Jeder versucht doch, die besten Spieler mitzunehmen. Es ist aber auch nicht einfach, aus hochbezahlten Profis ein funktionierendes Ensemble zusammenzustellen." Daran sei Löw zwar gescheitert, er brauche deswegen aber nicht zurückzutreten solange er seine Spieler noch erreiche. Schmidt traut dem Bundestrainer einen Neuanfang zu. Im übrigen sehe er auch keinen Nachfolger weit und breit. Schließlich hätten die nach seiner Ansicht drei besten deutschen Trainer, Tuchel, Klopp und Nagelsmann, erkennen lassen, dass sie keine Lust auf den Job des Nationaltrainers haben.

„Auch im Europapokal hat Deutschland den Anschluss verloren“

Dass der deutsche Fußball ein wenig den Anschluss verloren habe, zeige sich auch in den Europapokal-Wettbewerben der Vereine. Bis auf Bayern München, das sicher wieder Deutscher Meister werde, seien dort vom Viertelfinale an seit längerem Klubs aus England, Spanien und Italien unter sich. Als Beispiel erfolgreicher Arbeit nennt Schmidt Real Madrid. Dort sei es mit dem entsprechenden finanziellen Background gelungen, in der Mannschaft Mentalität und Qualität zusammen zu bringen.

Dass Geld allein aber keinen Erfolg garantiert, zeigt nach Schmidts Worten Paris Saint-Germain. Den dortigen Weltklassespielern fehle in der Champions League auf dem Platz erstaunlicherweise seit Jahren die notwendige Stimmung und Begeisterung für den ganz großen Erfolg. Er sei gespannt, ob der deutsche Trainer Thomas Tuchel das jetzt ändern könne.

Das KWA-Publikum lässt den Gast nach der verabredeten Stunde nicht gehen und bekommt von Schmidt Antworten noch auf zahlreiche Fragen.

  • Wie wichtig ist Fantasie im Fußball?

Ganz wichtig, aber selten geworden. Lukas Podolski ist einer der letzten Straßenfußballer, der mit unheimlicher Lust und Fantasie auf den Platz ging. In seinen Fanprojekten versucht Schmidt das Thema Fantasie in den Fußball zurückzuholen, indem er die Jugendlichen mit Musikern, Malern, Fotografen und Autoren zusammenbringt.

  • Hat der Videobeweis Zukunft?

Ja. Vor der WM lehnte Schmidt den Videobeweis ab. Bei der WM sei er aber souverän eingesetzt worden und habe in 90 Prozent der Fälle geholfen.

  • Was kann man gegen die Gewalt auf den Plätzen tun?

In den beiden obersten Ligen wurde durch Polizeipräsenz, Videoüberwachung und Präventionsarbeit mit Fans viel erreicht. Gegen die wachsende Gewalt auf Tribünen und zum Teil auch auf den Plätzen in den unteren Klassen wisse er aber auch kein Mittel, sagt Schmidt. Gewalttätige Fans weichen inzwischen auf untere Klassen aus, weil sie in der Bundesliga nicht mehr zum Ziel kommen. Man könne aber nicht jeden Amateurplatz überwachen.

  • Wie sind die Chancen des Berliner Fußballs?

Hertha in der Bundesliga und Union in der Zweiten Liga sieht Schmidt auf einem guten Weg, aber mehr als ein Platz im oberen Mittelfeld springe dabei kaum heraus. Hertha betreibe eine gute Jugendarbeit und habe die Skandaljahre hinter sich gelassen. Die Pläne für den Bau eines reinen Fußballstadions neben dem Olympiastadion begrüßt Schmidt und fügt süffisant hinzu: "2025 soll es fertig sein – noch vor dem neuen Flughafen."


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