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„Dialog“ mit dem Lektor des Secession Verlages Alexander Weidel

Dass der Berliner Secession Verlag so klein ist, erwies sich beim Dialog im KWA Stift im Hohenzollernpark als Glücksfall: Der Verleger Christian Ruzicska hatte krankheitsbedingt abgesagt und seinen Lektor Alexander Weidel geschickt. Das tat dem Reiz des „Dialogs“ aber keinen Abbruch, denn der Secession Verlag wird - wie sich herausstellte - von einem Triumvirat geleitet – zwei Verlegern und eben dem Lektor. Weidel ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und blieb keine Antwort schuldig.

Berlin, im November 2017. – Über Präsenz in den Medien und im Buchhandel kann sich der Secession Verlag derzeit nicht beklagen. Voriges Jahr kam er zufällig an den autobiografischen Bericht von Deborah Feldman, „Unorthodox“, und brachte ihn auf die deutsche Bestsellerliste. Darin beschreibt die inzwischen in Berlin lebende junge Frau die Flucht mit ihrem Sohn aus einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde in New York, wo sie fundamentalistisch erzogen und unterdrückt worden war. Obwohl sich das Buch in den USA millionenfach verkauft hatte, fand sich jahrelang niemand, der es in Europa herausbringen wollte. 

Weidel sieht das in der Angst begründet, Juden könnten sich durch die kritische Schilderung verletzt fühlen. Dabei sei „Unorthodox“ gar nicht antisemitisch, sagt er, „sondern wendet sich gegen jegliche Form extremistischer Religion“. Der Zufall bestand darin, dass Deborah Feldman in einem Neuköllner Café mit einem der Secession-Verleger ins Gespräch kam.

Der saudische Kronprinz macht unfreiwillig Werbung für ein Secession-Buch

Den zweiten großen Erfolg verdanken die Berliner der saudischen Menschenrechtlerin Manal al-Sharif. In „Losfahren“ beschreibt sie ihre Revolte gegen das gefängnisartige Leben in Saudi-Arabien, die darin gipfelte, dass sie verbotenerweise allein Auto fuhr und ein Video davon ins Internet stellte, was weltweit Furore machte. Deborah Feldman lernte Manal al-Sharif kennen und empfahl ihr den Secession Verlag für die deutsche Ausgabe des Buches. Dass der saudische Herrscher den Frauen seines Landes künftig das Autofahren erlaubt, wurde kurz vor der Frankfurter Buchmesse bekannt und war unfreiwillige PR für den Berliner Kleinverlag. Er wurde von Interview-Anfragen überschüttet. „Die Medien sind das A und O für uns“, betont Weidel, „Werbung können wir uns nicht leisten.“

„Wir wollen die Texte für sich sprechen lassen“

Die Berliner Buchmacher sehen bei den großen Verlagen zu viel Oberflächlichkeit. Dort würden neue Autoren danach ausgesucht, ob sie attraktiv aussehen, ihre Geschichte den Massengeschmack trifft und sich ihr Werk optisch gut vermarkten lässt. Der Secession Verlag ziele auf das Gegenteil, sagt Weidel: „Wir wollen die Texte für sich sprechen lassen.“ Dazu gehöre allerdings ein entsprechender Aufwand bei der Gestaltung der Bücher, wie gute Bindung, ein künstlerischer Einband, teures Papier, anspruchsvoller Druck. Es kommen jedes Jahr nur etwa zehn neue Titel heraus, denn es muss Zeit bleiben für die Pflege der Autoren, Kontakte mit Übersetzern und für Lesereisen. Wichtig sind auch Beratungen mit den Vertretern. Sie stellen den Kontakt zum Handel her und haben ein Wort mitzureden, welche Bücher erscheinen. 

Manchmal reichen ein paar Worte zur Ablehnung eines Manuskriptes

Der Verlag bekommt fast täglich Manuskripte von unbekannten Autoren zugeschickt. Wie viel er davon lesen müsse, um sich ein Urteil zu bilden, will der Moderator Reinhard von Struve von dem Lektor wissen. Manchmal reichten ihm wenige Seiten, gelegentlich auch nur ein paar Wörter, ist die Antwort. „Wenn ich schon am Anschreiben merke, dass sich jemand gar nicht mit unserem Verlag auseinandergesetzt hat, nicht weiß, auf wen er sich einlässt, gucke ich mir das Manuskript gar nicht mehr an.“ Dann fehle das für die Zusammenarbeit unerlässliche Vertrauensverhältnis zwischen Verlag und Autor. 

Wer Alexander Weidel von einem Text überzeugen will, muss vor allem gut schreiben können: „Eine tolle Sprache, ein toller Stil ist für mich das Allerwichtigste.“ Danach kommt die Geschichte, die erzählt wird. Manchmal müsse man auch mit einem Autor noch daran feilen, damit klarer werde, „wohin die Reise gehen soll“. 

Angst vor der Zukunft hat Weidel nicht, auch wenn viele Kollegen das Buchgeschäft als untergehenden Dampfer betrachteten. „Gute Bücher wird es immer geben“, sagt er. Er rechnet damit, dass genug Menschen weiter Wert auf Qualität legen, genauso wie etwa bei Bioprodukten. Als Empfehlung für den Weihnachtstisch nennt der Lektor sein Lieblingsbuch aus dem eigenen Haus, einen „Roman über Freundschaft, die Liebe und die Macht der Literatur“:

Juan Gómez Bárcena, Der Himmel von Lima, Secession Verlag, Berlin 2016 – auch bei Ihrem Buchhändler erhältlich. 

 


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