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50. Talk in der Rosenau: Die Grenze immer im Blick – mit Claudius Marx

Stephan Schmutz im Gespräch mit dem Hauptgeschäftsführer der IHK Hochrhein-Bodensee in Konstanz

Konstanz, 19. September 2017. – Herbert Schlecht, Stiftsdirektor im KWA Parkstift Rosenau, begrüßt die gut 130 Gäste im Saal. Der 50. Talk in der Rosenau sei Grund zu Freude und Stolz, zudem Anlass zu einem dankbaren Rückblick auf eine Idee aus dem Spätherbst 2012 und dem folgenden Engagement zweier großartiger Initiatorinnen: Marina Gernard und der unvergessenen Monique Würtz.

„Einige unter Ihnen erinnern sich vielleicht an unseren ersten Talk, an einem kühlen Novemberabend des Jahres 2012, als Monique den Veranstaltungsreigen mit Wolfgang Mettler, dem Leiter des Konstanzer Sinfonischen Chors und Gastdirigenten der Südwestdeutschen Philharmonie, eröffnete.“ Auf Mettler folgten Prominente aus Politik, Kultur und Kunst, aus der Wirtschaft und Wissenschaft, sie kamen aus der Vier-Länder-Region, aber auch aus Stuttgart, Berlin und Brüssel auf die Bühne der Rosenau. „Und wir hatten Gäste, die nicht prominent waren, manche leise und still, aber immer Menschen, die besondere Geschichten oder Schicksale mitbrachten.“  

Als 50. Talk-Gast begrüßt der Stiftsdirektor Professor Dr. Claudius Marx, den Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee. 

Auch Stephan Schmutz, der den Talk in der Rosenau seit dem Juli 2016 moderiert, erinnert an Monique Würtz, erzählt von vielen angenehmen Begegnungen zwischen ihr, der geschätzten Kollegin und Wirtschaftsjournalistin beim SDR in Stuttgart, und ihm, dem Rundfunkjournalisten des damaligen SWF.

Gute Nachbarschaft mit der Schweiz – doch wenig Wissen über die Nachbarn

Doch dann startet Schmutz den 50. Talk, wendet sich seinem Gegenüber Claudius Marx zu: „Die Grenze immer im Blick – so der Titel unseres heutigen Gesprächs. Wie ist Ihre Gemütslage, wenn Sie über den Seerhein nach drüben in die Schweiz schauen?“ – „Anhaltend gut“, antwortet der Gast und fügt hinzu: „Leben wir hier – hüben wie drüben – nicht auf einem der schönsten, wohlhabendsten und lebenswertesten Fleckchen dieser Welt?“ 

Der Moderator nickt, fragt weiter: „Gerade haben wir im Konstanzer Stadtgarten das Deutsch-Schweizer Kinderfest gefeiert, dem das Deutsch-Schweizer Oktoberfest folgt und die Lederhosen und feschen Dirndl aus Engen, Singen und Kreuzlingen wie ein Magnet zu uns nach Klein-Venedig ins große Festzelt zieht. Haben wir es geschafft, als gute Nachbarn zusammenzuleben?“ – Die Replik des Gasts: „Wir sind zwar gute Nachbarn, aber wir leben nebeneinander her. Wir lesen nicht die gleichen Zeitungen, schauen nicht die gleichen Fernsehprogramme an, wissen eigentlich nur sehr wenig voneinander. – Dies“, so Claudius Marx, „scheint mir eine Besonderheit hier in unserem Zusammenleben am See zu sein. Fragen Sie auf der Marktstätte doch mal jemanden, wer in der Schweiz regiert. Sie werden in verlegene Gesichter schauen.“

Schweizer Einkaufstouristen sichern das Überleben von Läden und damit Arbeitsplätze in Deutschland

Aber es gebe auch richtige Grenzprobleme, so Stephan Schmutz, da falle ihm als Erstes der Einkaufstourismus ein. „Die Schweizer Gäscht treibet unsere Preise hoch und das Verkehrschaos isch‘ au‘ mehr als ärgerlich!“ – Das könne er verstehen, er sei selbst immer wieder davon betroffen. Aber wenn man – wozu die Konstanzer laut Marx ein wenig neigen – die Welt nur auf Konstanz oder am Wochenende auf die Bodanstrasse reduziere, dann entgehe einem ganz, dass die Schweizer Nachbarn auch bedeutende Wohlstandsbringer sind, weil sie Nachfrage, Geld und Arbeitsplätze in der Stadt und der Region generieren. Die Grenze entlang des Hochrheins bis Basel sei etwas mehr als 300 Kilometer lang. Auch in den kleinen Städten und Dörfern auf der deutschen Seite des Hochrheins bringe der Einkaufstourismus den Menschen Vorteile: „In manchem Dorf gäbe es keinen Lidl, keinen Aldi oder Metzger mehr, könnte es nicht auf seine Schweizer Kunden zählen.“

„Und wie schaut’s mit dem lästigen Monster grüne Ausfuhrscheine aus, das die Warteschlangen an den Supermarktkassen bei uns immer länger werden lässt?“, bohrt der Moderator weiter. – Claudius Marx ist sich sicher: Nicht die Umsatzsteuer-Erstattung, sondern das umständliche Abwicklungsverfahren sei das wirkliche Problem. Seit zwei Jahren sei eine in Hamburg angesiedelte Task-Force am Werk, die das Problem digital lösen soll: Auch er warte ungeduldig auf das Ergebnis. 

Auspendler bringen der Schweiz Mehrwert und Deutschland Wohlstand

„Wie halten Sie es mit der Abwanderung von Arbeitskräften in die Schweiz, insbesondere bei den besonders betroffenen Gesundheitsberufen?“ – Auch dieses Problem hat laut Marx zwei Seiten. „Die Schweizer Wirtschaft, salopp formuliert, ist größer als die Schweiz!“ Das Land verkaufe – trotz seiner Wechselkursprobleme – Waren und Dienstleistungen in die ganze Welt. Darum brauche es auch in Zukunft Zuwanderung. Und: Wie die Deutschen werden auch die Schweizer immer älter. Darum werde der Sog von drüben noch lange anhalten. Die Zahl der täglichen Pendler in die Schweiz liege bei etwa 50.000 und werde weiter steigen. 

„Aber sie bleiben weiter bei uns mit ihren Familien wohnen, transferieren ihre Einkommen nach Hause, konsumieren hier, buchen hier ihre Ferienreisen, bauen bei uns ihre Häusle, und gehen bei uns zum Zahnarzt. So bringen die Pendler weiteren Wohlstand in unsere Region und schaffen mit ihrer Arbeit Mehrwert, der der Schweiz zugutekommt.“ 

Der Talkgast macht eine einfache Rechnung auf: Der jährliche Einkommenstransfer der Pendler „spült“ etwa 3 Mrd. Euro nach Südbaden, noch einmal so viel wie der Einkaufstourismus nach Konstanz und in die ganze Grenzregion. Letzterer macht aber nur etwa 4 bis 5 Prozent der einzelhandelsrelevanten Kaufkraft der Schweizer aus, 95 Prozent bleiben also in der Schweiz. Unter dem Strich profitieren beide Länder vom Austausch – die Schweiz von den deutschen Arbeitskräften, Deutschland von den Schweizer Kunden und vom Einkommenstransfer der Pendler. 

Dem hohen Lohnniveau in der Schweiz stehen dort auch hohe Lebenshaltungskosten gegenüber 

Damit ist Stephan Schmutz noch nicht zufriedengestellt. „Aber wie kann unsere regionale Wirtschaft diese Abwanderungs-Verluste nach drüben kompensieren?“ – „Menschen sind grundsätzlich frei“, konstatiert Marx. „Dazu gehört auch das Recht, den Arbeitsplatz frei dort zu wählen, wo es den Arbeitnehmer hinzieht. Deshalb kann die Antwort nur lauten: Wir müssen unsere Region für Menschen aus anderen Regionen so attraktiv machen, dass Zuzug zumindest gleich Abfluss ist“, empfiehlt Marx. „Und es gibt Pfunde, mit denen wir hier wuchern können.“ – Das mit dem höheren Einkommen in der Schweiz sei auch so eine Sache: Die Schweiz hat zwar ein vergleichsweise hohes Lohnniveau, aber auch ein anderes System der staatlichen Vorsorge. Und die Kosten der Kinderbetreuung, der Kranken-und Altersvorsorge sowie die Mieten sind hoch. Da könne der Einkommensvorteil schnell dahinschmelzen. Auch sei aufgrund eines anderen Arbeitsrechtes der Schweizer Arbeitsplatz sehr viel volatiler als bei uns. 

Stephan Schmutz eröffnet ein neues Thema: „Die Einflugschneisen zum Flughafen Zürich – ist da inzwischen Ruhe eingekehrt?“ – Sogar Hotels im Südschwarzwald, die in ihren Internetpräsentationen gerne mit der Ruhe ihrer Umgebung werben, geben Hinweise zum nahen Flughafens Zürich, so Claudius Marx. Es sei jedoch ruhiger um das Thema geworden. – „Und Hand aufs Herz, fliegen wir nicht alle irgendwann mit dem Flugzeug irgendwohin in den Urlaub?“  Eine Stadt ohne Flughafennähe habe einen Standortnachteil. Ideal, so der Gast, sei eine Autostunde zum nächsten Airport, weil dies den Fluglärm um fast 90 Prozent reduziere. – „So sind wir Konstanzer mit unserem Flughafen Zürich optimal positioniert.“

Weg mit alten Zöpfen in der Ausbildung – her mit den I-Pads und neuen Ideen!

Wie es mit der wirtschaftlichen Situation in der Region Hochrhein-Bodensee aussieht? – Die 36.000 Mitglieder des Kammerbezirks melden über alle Branchen hinweg positive Geschäftszahlen. Die Auftragseingänge seien hoch, der Fachkräftemangel aber real. Sei man vor Jahren in die Unternehmen gepilgert, um für Schulabgänger händeringend Lehrstellen „loszueisen“, renne man heute „bettelnd“ in die Schulen, um Schüler für freie Lehrstellen zu gewinnen. „Und wir können da etwas tun: Wenn die Unternehmen der Attraktivität der Hoch- und Fachschulen etwas entgegensetzen wollen, muss das Lernen in den Betrieben attraktiver und interessanter werden!“ 

Ein Beispiel für einen „alten Zopf“ sei ein imageschädigendes Relikt: das alte, hausbackene Berichtsheft, mit dem der Auszubildende immer noch von Hand seine Tätigkeitsnachweise erbringen muss. Das könne durch ein zeitgemäßes, schickes i-Pad abgelöst werden, das der Arbeitgeber dem Auszubildenden an die Hand gibt. „Über die Attraktivität eines Berufsbildes entscheidet auch die visuelle Wahrnehmung. – Der Markt hat sich gedreht, die Phantasie der Arbeitgeber ist gefordert! Das Image vieler Lehrberufe muss aufpoliert werden.“

Claudius Marx vermisst in Deutschland ein Einwanderungsgesetz und empfiehlt Verständnis für Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen

Ob integrierte Flüchtlinge fehlende Arbeitskräfte ersetzen können? „Langfristig ja, kurzfristig aber nicht“, sagt Marx. Wer bei uns aufgrund von Krieg oder Verfolgung Hilfe und Schutz sucht, bei dem geht es nach unserem Asylrecht um seinen Schutz. – „Wer aber zu uns kommt, weil er Arbeit sucht, muss akzeptieren, dass nicht der Migrant, sondern die Belange unseres Landes Vorrang haben und unser Land frei sein muss, zu entscheiden, wer bei uns bleiben kann und wer nicht. Das haben andere Länder in ihren Einwanderungsgesetzen geregelt. Unser Land hat das bis heute nicht geschafft.“

In Bezug auf Flüchtlinge hat Claudius Marx noch eine Geschichte: „Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der von einem engagierten deutschen Kümmerer beim Einleben bei uns begleitet wurde. Nach dem Erlernen unserer Sprache und nach Abschluss der Schule konnte auch eine passende Lehrstelle für den jungen Mann gefunden werden. Aber plötzlich war er spurlos verschwunden. Wochen später meldete er sich aus Hamburg. Er habe dort den Bruder ausfindig gemacht und wolle sich lieber ihm anvertrauen.“ – Wie erklärt sich dieses Verhalten? Dazu Marx: „Wir hier bei uns leben in einer Gesellschaft, in der das Vertrauen in die öffentlichen Institutionen ein hohes Gut ist. Wir vertrauen unserer Stadtverwaltung, unseren Gerichten, unseren Polizisten. – Menschen aus Kriegsgebieten kommen aus Ländern, wo man dieses Vertrauen in den Staat und seine Institutionen nicht hat; Sie kommen aus einem Kulturraum, wo man nur einer Institution wirklich vertraut, das ist die Familie.“ – Insofern hat sich der junge Mann seinem persönlichen Erfahrungshorizont entsprechend verhalten.   

Es sei ein richtiger „Clash“, ein Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen, den Flüchtlinge hier bei uns jetzt auch noch verkraften müssen. „Daran sollten wir denken, wenn wir bei diesen Menschen hin und wieder über Verhalten stolpern, das uns unverständlich ist!“ 

Giselher Sommer   

Impressionen vom Talk – mit Bildern von Beate Steg-Bayer – klick on!

Claudius Marx, Hauptgeschäftsführer der IHK Hochrhein-Bodensee in Konstanz

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