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Ein zweites Zuhause im Luise-Kiesselbach-Haus (S. 2)

Copyright Renate Wiesent.

Fortsetzung von Seite 1

Inzwischen hatte ich Herbert bei zwei Demenz WG´s angemeldet und fürchtete mich davor, dass ein Platz frei werden würde. Wir fanden eine Tageseinrichtung in Allach für ihn, auf der anderen Seite der Stadt. Ich reduzierte meine Arbeitszeit und er besuchte ab November 2014 von Dienstag bis Donnerstag den Rosengarten. Aber auch da attackierte er die anderen Gäste und brauchte sehr intensive Betreuung. Oft ging einer der Mitarbeiter mit ihm stundenlang spazieren. Zu Hause war die Situation ähnlich.

Er verlor immer wieder die Erinnerung an uns, seine Familie, erkannte seine Söhne oft nicht mehr und sein Zuhause auch nicht. Er driftete ab,  in seine eigene Welt, die ihm Angst machte. Er wollte heim und war daheim. Er verlor sich selbst. Es kam vor, dass er mich fragte, wo denn seine Frau sei. Der Tag-Nacht-Rhythmus kam durcheinander, Dinge und Menschen konnte er nicht mehr unterscheiden. Es müssen große Ängste in ihm da gewesen sein, dass er sich heftig wehrte. Schließlich eskalierte die Situation so, dass er in der Psychiatrie landete. Sieben Monate versuchte man ihn medikamentös so einzustellen, um seine inneren Ängste zu mildern. Oft war er fixiert, weil er alles bekämpfte, was sich ihm näherte. Für mich war diese Zeit sehr schlimm, fast nicht auszuhalten.

Aber ich lernte Pflegerinnen und Pfleger kennen. Und nicht nur das, ich konnte sehen, wie sie mit all den schwierigen Menschen auf der Station umgingen, liebevoll, geduldig und respektvoll. 

Aber wie sollte es weitergehen nach der Entlassung aus der Psychiatrie? Das war unsere Frage. Wieder nach Hause, mit Pflegedienst? Oder Pflegeheim? Ich hatte inzwischen einige Einrichtungen angeschaut, mehr oder weniger intensiv, und war von vielen Zweifeln und Selbstvorwürfen geplagt. Die  Ärzte und Pfleger in Haar sagten mir, dass es zu Hause nicht funktionieren würde, bei dem Pflegeaufwand und dem schwierigen Verlauf der Demenz. Als der Tag kam, an dem mein Mann so weit stabil war, dass man eine Überleitung in ein Heim andenken konnte, war ich völlig überfordert. Es gab einige freie Plätze in verschiedenen Häusern, aber wie sollte ich das entscheiden? 

Zwei der genannten Pflegeeinrichtungen kannte ich schon und so machte ich mich auf und fuhr hier her. Einfach so, ohne Anmeldung, nur reinschauen. Empfohlen wurde mir dieses Haus von Dr. Fuchs, Mitarbeiter des Christophorus Hospiz Vereins. Auch die Worte von Michael Schmieder klangen mit, das Heim zu wählen, wo ich mich zu Hause fühlen könnte. Mir gefiel die Atmosphäre hier. Dieses Offene und Helle, der Garten, die großzügigen breiten Gänge. Ich musste mich entscheiden, meinen jungen, grade mal sechzig Jahre alte Partner ins Pflegeheim für Senioren zu geben, meine Schuldgefühle brauche ich Ihnen nicht zu beschreiben. 

Seit 10. November wohnt mein Mann nun bei KWA. Hier hat er die Chance bekommen, trotz seiner Auffälligkeiten da bleiben zu dürfen. Er lebt nun ganz in seiner Welt. Ab und zu schaut er noch heraus, oder lässt uns hineinschauen, aber ganz selten. Die Pflegerinnen und Pfleger haben es nicht leicht mit ihm. Er ist sehr anstrengend. Ich bin oft hier, kann kommen und gehen, wie ich will. Ich habe meinen eigenen Schlüssel. Das war für mich wichtig, zu fühlen, dass hier nichts versteckt wird. Die Eingewöhnung verlief gut. Das ist nicht selbstverständlich. Ich habe meinen Mann, mit dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe, hier abgegeben, weil ich es nicht mehr schaffte. Ich habe Herbert den Menschen hier anvertraut und lernte, dass ich ihnen trauen kann. Sie achten auf ihn und gehen freundlich und fürsorglich mit ihm um. Und auch für mich nehmen sie sich Zeit! Diese Gespräche sind mir unglaublich wichtig!  

Da geht es den meisten Angehörigen gleich, die einen geliebten Menschen in ein Pflegeheim geben müssen. Dieses Vertrauen und Zutrauen zu gewinnen ist die große Herausforderung und das Ziel. Dabei hat mir auch geholfen, zu sehen, und endlich zu akzeptieren, dass wir, die Angehörigen nur Menschen sind und Grenzen der Belastung haben und diese auch haben dürfen. 

Was Pflegeminuten sind, kannte ich schon von der Zeit, als ich die Pflegestufen beantragt und mit dem MDK gekämpft hatte. Dass auch im Pflegeheim je nach Pflegestufen,  in Minuten gerechnet wird, um den Schlüssel des Pflegepersonals zu errechnen war mir neu.  Was für ein Wahnsinn in unserem Pflegesystem, in diesem Land!!! Mein Vater hat im Akkord gearbeitet. Er war sehr stolz, dass er in einer Stunde 90 Minuten schaffte. Für mich als Kind damals nicht zu begreifen, weil die Stunde nur 60 Minuten hat. In den Pflegeeinrichtungen geht es um Menschen, pflegebedürftige Bewohner, und um pflegende Mitarbeiter, die im Sinn des Akkords gepflegt werden oder pflegen müssen. Unvorstellbar. Menschen sind doch nicht immer gleich, schon gar nicht Demenzkranke, die sich sehr sperren können, nicht mitmachen und trotzdem versorgt werden müssen. Wer ein solches System einführt, sollte erst selbst in diesem System arbeiten. Dass mehr Pflegepersonal Entlastung bringen würde, brauche ich nicht zu erwähnen. Das weiß jeder.

Und was erlebe ich hier, trotz dieser Situation? Die Mitarbeiter auf der Station geben in Ruhe und Gelassenheit den Pflegenden das Essen ein. Sie fragen, ob der Kaffee mit Milch und oder Zucker gewünscht wird. Sie beantworten Fragen! Sie bringen einen Bewohner zum 10. Mal an seinen Platz, ganz in Ruhe. Es wird gelacht. Sie freuen sich, wenn einem Bewohner etwas alleine gelingt. Wenn mein Mann anstrengend ist, sagt keiner er sei aggressiv, nein, er ist aktiv. Das macht einen Unterschied. Dafür haben sie mehr als meine Bewunderung. 

Mein Mann und ich wurden und werden von Anfang der Erkrankung bis heute begleitet von vielen Menschen, die uns unterstützen und für uns da sind. Allen voran unsere Kinder, die diesen Weg sehr eng und verbunden mit uns gemeinsam gegangen sind, die Mitarbeiter der Alzheimergesellschaft München, meine Familie, unsere sehr guten Freunde und jetzt kommen die Mitarbeiter dieses Hauses noch dazu. All denen möchte ich ganz herzlich danke sagen. 

Wir, mein Mann und ich sind hier angekommen in unserem zweiten Zuhause! 

Copyright Renate Wiesent Juni 2016

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