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Transnationale Pflegekräfte – Wer pflegt Deutschland? (Seite 2)

München / Unterhaching, 17. Februar 2016.

Die Erfahrungen von KWA mit der Rekrutierung spanischer Arbeitskräfte beschrieb der Geschäftsführer des Unternehmens „Strategy for People“ Axel Klopprogge. Das sei keine „Sunshine-Story“. Trotz vorgelagerter Assessments ist es nicht gelungen, eine größere Anzahl von Pflegekräften zu finden, die dann auch in Deutschland blieben. Einzelne seien sogar vor der vereinbarten Zeit in die Heimat zurückgekehrt. Klopprogge erklärte dies zum einen mit der in Spanien traditionell starken familiären Verwurzelung. Zum anderen sei die einzige Motivation, nach Deutschland zu kommen, die Arbeitslosigkeit gewesen. Überdies wurde die lange Anerkennungsphase in Deutschland als demütigend empfunden.

Großbritannien ist in Spanien ein starker Wettbewerber, der aufgrund der räumlichen Nähe und der leichteren Sprache bevorzugt wird. Negative Berichte in der spanischen Presse über angeblich schlechte Arbeitsbedingungen in Deutschland taten ein Übriges. Als größtes Problem sieht der Personalmanager jedoch das berufliche Selbstbild der spanischen Pflegekräfte: Sie haben eine akademische Ausbildung, sind es nicht gewohnt, gemeinsam mit Hilfskräften am Pflegebett zu arbeiten. Die „Enfermas“ sehen sich näher am Arzt, aufgrund der starken klinischen Ausrichtung in der Ausbildung. Die Altenpflege kommt in der Ausbildung nicht vor. 

Klopprogge empfiehlt, eine Anwerbung im Ausland nur dann zu starten, wenn die Motivation ernsthaft und langfristig ist. Der Frage „Was kostet es, Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren?“ sei allerdings gegenüberzustellen: „Was kostet es, keine Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren?“ Der Recruiting-Experte sagt:

„Es reicht nicht, zu hoffen, dass jemand kommt, oder, dass man Arbeitslose abgreifen kann. Man muss strukturelle Lösungen suchen. Das wird in der Regel ein Mix aus ganz unterschiedlichen Dingen sein – von der Erhöhung der Eigenausbildung, über eine Reduzierung der Fluktuation und des Krankenstandes, bis hin zur gezielten Akquise im Ausland.“

Im KWA Forum ebenfalls beleuchtet wurde die Situation von ausländischen Haushaltshilfen, die laut Thomas Klie gekennzeichnet ist von geringer Entlohnung, dem Pendeln zwischen Arbeits- und Lebensort, dem Risiko fachlicher Überforderung und familienähnlichen Konstellationen am Arbeitsplatz, jedoch mit asymmetrischen, feudalen Strukturen. Der Bundesverband Seniorenbetreuung nimmt an, dass bis zu 90 Prozent der osteuropäischen Helferinnen „schwarz“ in deutschen Haushalten arbeiten. Die Überzeugung von KWA Vorstand Dr. Stefan Arend: „Es fehlen innovative und gerechte Regelungen für den Sektor der Pflege im Privathaushalt durch Haushaltshilfen. Soll ambulant vor stationär tatsächlich funktionieren, kann der Gesetzgeber vor dieser Aufgabe nicht weiter die Augen verschließen.“ 

Wie man in einem Nachbarland damit umgeht, erläuterte Referent Mag. Walter Marschitz, Geschäftsführer von „Hilfswerk Österreich“ – einem der größten gemeinnützigen Anbieter gesundheitlicher, sozialer und familiärer Dienste in Österreich. Er stellte das Modell „24-Stunden-Pflege“ vor. Grundsätzlich gibt es in Österreich für Betreuungskräfte, die im Haushalt arbeiten, drei Möglichkeiten: die Anstellung bei einem Träger, die Anstellung im Haushalt oder die selbstständige Personenbetreuung. Letztgenanntes hat sich laut Marschitz durchgesetzt. Die Betreuungskraft trägt somit das Auslastungsrisiko, hat keinen Mindestlohn, ist jedoch versichert, auch Pensionsvorsorge ist möglich. Der Werkvertrag kann entweder direkt zwischen dem Personenbetreuer und dem Kunden geschlossen werden. Oder zwischen einer Agentur – wie Hilfswerk Österreich – und dem Kunden. In diesem Fall rekrutiert Hilfswerk den Personenbetreuer, erstellt ein Profil, kümmert sich um Schulung, Erstanmeldung, Vertragsgestaltung und leistet kontinuierliche Begleitung. Mindestens 400 Agenturen seien auf dem Markt.

In Österreich gibt es 457.000 Pflegegeldbezieher (Stand: Ende 2014), 14 % davon leben im Heim, 86 % werden zu Hause betreut – 6 % davon durch Personenbetreuer.  Die Personenbetreuer kommen in erster Linie aus der Slowakei und Rumänien. Sie erhalten eine öffentliche Förderung von 275 Euro pro Monat, das deckt den Sozialversicherungsbeitrag ab. Marschitz sagt: „Das System funktioniert“, aber auch: „Das ganze System lebt vom Lohngefälle in Richtung Osten.“ 

Bei Hilfswerk fallen für eine Betreuung 2.500-2.800 Euro im Monat an, nach dem Abzug von Förderungen verbleiben etwa 1.300-1.600 Euro für die zu pflegende Person. Bei einer Umfrage haben 65 Prozent das System der 24-h-Betreuung als sehr gut oder gut bewertet. – Seit 2015 gibt es Standesregeln für Personenbetreuer und Agenturen, die unter anderem Transparenz und Dokumentation vorsehen. Als Herausforderungen für die Agenturen nannte Marschitz die Qualitätssicherung, die Weiterbildung, sowie den Umstand, dass die Betreuungsfälle tendenziell schwerer werden.

Der Geschäftsführer von pflegeo Hauspflege, Dr. Alexander Kostrzewski aus München, hat nachgerechnet: Die 24-h-Betreuung mit ausschließlich deutschen Pflegekräften würde in Deutschland zumindest 15.000 Euro pro Monat kosten. Er denkt, dass dieses Betreuungsmodell angesichts der in Deutschland festgelegten Merkmale auch nicht als selbstständige Tätigkeit darstellbar wäre: Man muss mehrere Auftraggeber haben und auf eigene Rechnung arbeiten.

Kostrzewski hat sich mit seinem Unternehmen für Vermittlung nach dem Entsendegesetz entschieden. Europäisches Recht steht über deutschem Recht. Es lässt zu, dass nicht die Arbeitszeit, sondern die Dienstleistung angeboten und als solche verrechnet wird. Deshalb muss kein Mindestlohn gezahlt werden. Im Alltag schwierig sei, dass die Familie der Betreuungskraft aus rechtlichen Gründen keine Weisung erteilen darf, sondern diese über das Entsendeunternehmen erfolgen muss. Das erhöht die Kosten.

Etwa 3.200 Euro sind pro Monat an das Entsendeunternehmen zu entrichten. Doch die Kosten mindern sich für den Kunden durch Pflegegeld, Leistungen der Verhinderungspflege und steuerliche Absetzbarkeit als haushaltsnahe Dienstleistung. Mindestlohn bezeichnete Kostrzewski als „faire Angelegenheit“, doch das Gesetz (MiLoG) biete wenig Hilfe, weil beispielsweise nicht geklärt ist, was als Arbeitszeit zu werten ist, und was als Bereitschaft. Bei einer engen Auslegung des MiLoG würden für eine Betreuung pro Monat mindestens 6.324 Euro anfallen. Kostrzewski sieht seine Branche als drittes Standbein neben ambulanter und stationärer Pflege.

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