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Ein Hilfeschrei an die Politik: Heimbewohner brauchen Ärzte (Seite 2)

Gegenläufige Interessen verhindern Versorgungsverträge zwischen Heimen, Ärzten und Krankenkassen

Thomas Klie führte durch das Forum – und nannte die Gründe, warum er ohne gesetzliche Verpflichtung keine Unterschriften auf dem Vertrag erwartet: Die Kassenärztliche Vereinigung hat kein strukturelles und ökonomisches Interesse an der Krankenhausvermeidung. An einer effektiveren Versorgung der Patienten in Heimen bestehe zwar Interesse – allerdings nicht ohne zusätzliches Geld. Kassen wiederum haben kein Interesse an der Verbesserung der Versorgung für alle Versicherten, sondern nur für ihre Versicherten. Kassen stehen ja miteinander im Wettbewerb. 

Verschiedene Verträge mit verschiedenen Krankenkassen abzuschließen, sei schlichtweg unmöglich. Man könne nicht – je nach Krankenkasse – unterschiedlich abrechnen. Klies Befund: „Die Komplexität ist auch so schon hoch genug. Keiner der mächtigen Player hat jedoch ein Interesse an einer einheitlichen Lösung. Oder zwar ein Interesse, aber keine Steuerungsmöglichkeiten. Die Kultur zur Kooperation vor Ort, die mich in Aalen immer wieder beeindruckt, das Engagement und auch die Bereitschaft von Ärzten, Zeit einzubringen, um Verbesserungen zu erzielen, widerspricht der Verhandlungskultur, wo Vorsicht regiert.“ Deshalb sei „Governance“, also Lenkung, erforderlich. Doch das gelinge bisher in keinem Bundesland.

Britta March von der AOK wirbt für Selektivvertrag, Rüdiger Kucher von der Kassenärztlichen Vereinigung stellt Musterverträge für Kooperationen in Aussicht

Für das IVP Programm – das Kürzel steht für „Integrierte Versorgung Pflegeheim“ – warb Britta March, die Vertreterin der AOK Baden-Württemberg. Als Vorteile dieses Programms benannte March unter anderem eine attraktive Vergütung für Hausarzt und Pflegeheim, mehr Abstimmung zwischen Pflegeheimmitarbeitern und Ärzten, die Regelung von Urlaubsvertretung und mindestens 14-tägig Visiten. Als Herausforderungen sieht sie die hohe Komplexität und den zeitlichen Extraaufwand. – Das IVP Programm kann nur genutzt werden, wenn eine Mindestzahl der Heimbewohner bei der AOK versichert ist. Und natürlich nur für AOK Versicherte.

Referent Rüdiger Kucher brachte die Position der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg ein. Die Modelle, an denen sie bisher beteiligt waren, hätten gezeigt, dass sie sich nicht baden-württembergweit ausrollen lassen. Als wesentliches Problem sieht er aber die unattraktive Vergütung für Besuche im Pflegeheim. Die KV könne einen Rahmen und Empfehlungen geben, die Ärzte jedoch nicht zwingen, Kooperationsvereinbarungen einzugehen. Derzeit führe man Gespräche mit Trägern der freien Wohlfahrtspflege hinsichtlich einer Musterkooperationsvereinbarung. Diese werde die KV den Ärzten zur Verfügung stellen. Der gesetzgeberische Auftrag, Honorarzuschläge für Arztbesuche im Pflegeheim zu verhandeln, sei bisher an der Forderung der GKV nach einer Honorarumverteilung gescheitert. Das sei schwer durchsetzbar, weil man dazu ja den einen etwas wegnehmen müsse. Dennoch zeigte sich Kucher zuversichtlich, dass es zu einem positiven Abschluss der Verhandlungen auf Bundesebene kommen wird.

Sonja Laag von der BARMER GEK fordert Verpflichtung zur heimärztlichen Versorgung, schlägt vor, Pflegeheime regional zusammenzufassen

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion richtete Moderator Thomas Klie das Wort zunächst an Sonja Laag von der BARMER GEK Hauptverwaltung in Wuppertal, bat um einen bundesweiten Blick auf die Situation. Ihre Einschätzung: Mit Freiwilligkeit werde man das Strukturproblem nicht lösen können. „Der § 119b braucht ganz klar eine Muss-Regelung.“ Die vielen Modellprojekte solle man bundesweit katalogisieren, damit sie einen Eingang ins System finden. Kooperationen verlangen jedoch viel Koordination, Organisation und Abstimmung. Das können, so Laags Einschätzung, Hausärzte nicht leisten. Sie schlug vor, Pflegeheime regional zusammenzufassen und dann von Ärzteteams versorgen zu lassen, die das machen möchten. Von Selektivverträgen mit Einschreibeprozeduren und hochkomplexen Vertragsgebilden müsse man wegkommen. Das sei hochaltrigen Pflegeheimbewohnern nicht zumutbar. Man müsse Druck auf die KV ausüben und notfalls auch aufsichtsrechtliche Schritte ergreifen, wenn nichts zustande komme.

Arzt Michael Maas fordert funktionierendes Vertragswerk

Diskussionsteilnehmer Michael Maas, ein niedergelassener Hausarzt, der Hausbesuche im KWA Albstift Aalen macht und sich bei den Workshops engagiert hatte, kann sich vorstellen, dass vier Praxisteams das Gros der Albstiftsbewohner versorgen könnten – allerdings ohne Zwang. Für 12,50 Euro pro Stunde mache er zwar keine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft. Doch bei angemessenen Zuschlägen könne „der Löwenanteil der Zeit“ abgedeckt werden. Maas vertritt die Meinung, dass es in den meisten Gegenden „irgendeinen Zwick und irgendeinen Maas“ gibt, die gut kooperieren, weil Verbesserungen ja auch zu mehr Zufriedenheit im Arbeitsalltag führen. Sie bräuchten jedoch „funktionierendes Vertragswerk“. AOK-Referentin Britta March kann sich vorstellen, Insellösungen auszuweiten und auch an anderen Stellen anzubieten. Doch auch Modellen auf der Basis von § 119b steht sie aufgeschlossen gegenüber: „Ich wäre dafür, Lösungen auszuprobieren.“ Genau wie der Arzt sprach March sich gegen Zwang aus.

Die Vertreterin der Hochschule Aalen Birgit Heyden betonte, dass sie gute Erfahrungen gemacht hätte mit der Kooperationsfähigkeit von Ärzten. Doch für junge Ärzte müsse man Anreize schaffen, um sie für die Zusammenarbeit mit Pflegeheimen zu gewinnen. Rüdiger Kucher sieht Diskussionsbedarf auf Bundesebene. Es gebe die Möglichkeit, Zuschläge zu zahlen, doch es müsse geklärt werden, woher das Geld kommt. Er sei jedoch zuversichtlich, dass es eine größere Anzahl von Kooperationsverträgen geben wird – und verwies auf die Musterkooperationsverträge, die in Vorbereitung seien. In einem Punkt pflichtete er Laag bei: Die heimärztliche Versorgung sei keine Spielwiese für Selektivverträge. – Zur Flankierung sinnvoller regionaler Kooperationsmodelle sei auch ein Innovationsfonds denkbar.

Zur Lösungsfindung von Thomas Klie vorgeschlagen: auf der Basis von § 90a, SGB V Einberufung des Landesgremiums; § 119b, SGB V als Arbeitsgrundlage

Alle Teilnehmer signalisierten Gesprächsbereitschaft im Hinblick auf einen Versorgungsvertrag für das KWA Albstift Aalen, und auch im Hinblick auf § 119b. Thomas Klie formulierte zum Abschluss eine Botschaft in Richtung Sozialministerium: Das „90a-Gremium“ – mit Vertretern des Landes, der Kassenärztlichen Vereinigung, der Landesverbände der Krankenkassen sowie der Ersatzkassen und der Landeskrankenhausgesellschaft auf der Basis von SGB V § 90a – könne auch zur Verbesserung der heimärztlichen Versorgung genutzt werden. 

Sieglinde Hankele

 

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