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23. Talk in der Rosenau

Monique Würtz im Gespräch mit Prof. Dr. Friedrich Breyer, Uni Konstanz

Konstanz, 19. 11. 2014. Diesmal haben sich Marina Gernard und Monique Würtz an einen „echten Brocken“ herangewagt. Sie wollen wissen: Müssen wir uns Sorgen um unser Gesundheitswesen machen?

„Wissenschaft ist, wenn wo einer weiß, wer’s wirklich weiß“, sagt ein alter Kalauer. Wir Konstanzer sind in einer glücklichen Lage, wir haben eine Uni gleich um die Ecke! Und da ist auch der Mann, der’s wissen müsste! Monique Würtz und Marina Gernard haben Prof. Dr. Friedrich Breyer zum „ 23.Talk“ in die Rosenau eingeladen. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Sozialpolitik, sein Forschungsschwerpunkt die Gesundheitsökonomik. Und er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des Bundesministeriums für Wissenschaft und Energie, so hat sein Wort auch in der Politik Gewicht; 2012 hat er an einem Gutachten zur Alters-Armut in Deutschland mitgearbeitet.

„Gesundheitsökonomik, Herr Professor, was ist denn das?“, möchte Monique Würtz wissen. „Ich mache es mal an einem Beispiel deutlich“, so der Professor. "Da werden Fragen gestellt wie: Was muss im Gesundheitswesen geschehen, damit mehr Qualität bei gleichem Geld herauskommt oder anders herum: Was müsste passieren, damit man gleiche Qualität für weniger Geld bekommt.“

Antworten auf zwei Ebenen

Die Moderatorin möchte dann wissen, welche Konsequenzen der Bevölkerungsrückgang für unser Gesundheitssystem haben werde, die längere Lebenserwartung bei steigender Gesundheit der älteren Menschen, dann die Kosten, die der medizinische Fortschritt nach sich ziehe. „Müssen wir uns alle Sorgen um unser System machen?“

„Bei meiner Antwort muss ich zwei Ebenen auseinanderhalten: In der kurzfristigen Betrachtung wird es notwendig, mehr Wirtschaftlichkeit in das System zu bringen. Die erforderliche Schubkraft sollte vom Wettbewerb kommen“. Der Professor weist hin auf das in Deutschland engmaschige System kleinerer und größerer Allgemeinkrankenhäuser neben Häusern, die sich auf qualitativ hochwertige Versorgungsleistungen spezialisiert haben. Und er stellt die Frage, ob unter wirtschaftlichen Aspekten wirklich der Königsweg sein kann, Wohnortnähe und qualitativ hochwertige Versorgung gleichzeitig zu wollen. Er wählt ein Beispiel: Er favorisiere ein System mit weniger Kliniken in der Fläche, die aber qualitativ hochwertigere Versorgungsleistungen erbringen sollten. „Stellen Sie sich vor, Sie werden in ein kleines Allgemeinkrankenhaus mit einem Schlaganfall eingeliefert, der in den nächsten 2-3 Stunden unbedingt behandelt werden muss und die Klinik hat nicht einmal die erforderliche „stroke unit".“

Auf der längerfristigen Planungsebene müsse man auch unsere Nachfolge-Generation im Blick haben, die bereits um ein Drittel kleiner sein werde als unsere heutige. Offen sei auch, ob bereits die Leistungsträger unserer Generation, die  jetzt zwischen 20 und 40 Jahre alt seien, als Rentner noch voll auf unser heutiges Leistungsniveau im Gesundheitssystem zählen könnten.

Monique Würtz fragt als Nächstes, was die Politik dazu sagt. Diese Zusammenhänge seien auch der Politik bekannt, so der Professor; Politiker müssten sich jedoch alle vier Jahre zur Wahl stellen; für die Probleme der Sozialversicherungssyteme müsse in anderen Zeitdimensionen gedacht und gehandelt werden. Da liege das Problem.

Mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen?

Die Moderatorin macht einen Sprung: „Wie wird sich der Wettbewerb zwischen den Privaten und den Kliniken der öffentlichen Hand auswirken?“ – Professor Breyer rechnet mit weiteren Spezialisierungsbemühungen der Privaten; sie seien ja auch nicht schlecht für das System. Insgesamt  erwarte er, dass das Fallpauschalen-System noch einige Klinikopfer in Deutschland fordern werde.

Der Professor kommt noch einmal auf die Versicherten im Gesundheitssystem zurück. Mittelfristig brauche sich heute noch niemand Sorgen zu machen. Im Verhältnis zu ihren Kassen könnten die Versicherten sogar Wettbewerbsvorteile im System nutzen. Seit 1996 habe jeder Kassenpatient jederzeit die Möglichkeit zum Wechsel seiner Kasse. Durch den zwischengeschalteten Gesundheitsfonds gebe es zwar momentan keinen echten Preis- oder Beitragswettbewerb mehr zwischen den Kassen. Aber den werde es ab Januar 2015 wieder geben. Bei den medizinischen Leistungen seien alle Kassen gleich, lediglich beim Service könnten sie sich unterscheiden: durch besondere Kulanz, Beratung der Patienten, gute Schulung der Mitarbeiter oder durch bestimmte Zusatzleistungen (Kuren). Und Professor Breyer empfiehlt: „ Wählen Sie die Kasse mit dem geringsten Beitragssatz, Sie müssen nur ein bisschen Mut haben!“

Monique Würtz: „Herr Professor, ich möchte zum Schluss noch Ihre Antwort zu einem richtig heißen Eisen erbitten: Sind wir Deutschen wirklich so uneinsichtig in Sachen Organspenden und sehen das Leid betroffener Menschen nicht?“ – Professor Breyer: „Ich könnte mir ein Anreizverfahren vorstellen: Wer einen Ausweis erwirbt, erhält im Gegenzug die Zusage, im Falle seines eigenen Organversagens, bevorzugt ein knappes Spenderorgan zu bekommen. Eine Art Versicherung auf Gegenseitigkeit!“ 

Gastbeitrag von Giselher Sommer                       


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