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Begib dich gleich hinaus aufs Feld, fang an zu hacken und zu graben!

Festvortrag von Professor Dr. Martin Halle zu 30 Jahre KWA Stift am Parksee: "Das Bewegte Haus"

Unterhaching, 16. Mai 2014.

„Mann, was war das für ein Auftakt zu meinem Vortrag!“, stieg Professor Dr. Martin Halle in seinen Festvortrag ein. – Halle ist Ordinarius und Ärztlicher Direktor des Lehrstuhls für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin an der Medizinischen Universitätsklinik in München sowie Ärztlicher Direktor des Medizinischen Präventionszentrums am Klinikum rechts der Isar, zudem Principle Investigator der Munich Heart Alliance. 

Halles Kompliment galt einem Musikstück von Evelyn Huber und Mulo Francel. Mit Harfe und Saxophon beziehungsweise Harfe und Klarinette begeisterten die beiden sowohl Redner als auch Festgäste. „Roter Mohn“ von Michael Jary, „Cäsar“ von Peter Ludwig, „El Choclo-Tango“ von Angel Villoldo und „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ von Friedrich Hollaender trafen den Geschmack des Publikums – Instrumentalmusik vom Feinsten.

Der Buchautor von "Zellen fahren gerne Fahrrad" hat Senioren im Fokus

Halle hat sich laut eigener Aussage in den letzten zehn Jahren damit beschäftigt, wie man Bewegung und Sport in der Prävention und bei Erkrankungen einsetzen kann. Zunächst ging er jedoch auf den demografischen Wandel ein. In Bayern sei die Zahl der über 65-Jährigen zwischen 1990 und 2009 um über 45 Prozent gestiegen, in Brandenburg sogar um 80 Prozent. Die über 85-Jährigen machten im Jahr 2009 in Deutschland 2 Prozent der Bevölkerung aus, im Jahr 2060 geht man von 9 Prozent aus. In Schweden und Japan habe sich zwischen den 70er und den 90er Jahren die Zahl der Hundertjährigen verdoppelt – und seitdem verzehnfacht. 

„Wir haben also insgesamt eine Veränderung in der Gesellschaft und eine Verbesserung der medizinischen Möglichkeiten, auf der anderen Seite das Problem, dass fast die Hälfte der Kosten im medizinischen Gesundheitssystem von den über 65-Jährigen in Anspruch genommen werden“, führte Halle aus. Er benannte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Demenz und Stürze mit Brüchen als Krankheiten älterer Menschen. „Wie kann da Bewegung günstig wirken?“, stellte Halle in den Raum. Er beschrieb es anhand von Beispielen.  „In meine Ambulanz kommen immer wieder auch 75-Jährige oder Ältere, die aussehen wie 55-Jährige, braungebrannt, in Fahrradkleidung. Und wenn man sich die Spitzenzeiten der über 50-Jährigen bei Marathonläufen anschaut, dann sind die heute so schnell wie 1936 ein Olympiasieger.“ 

Auf der anderen Seite habe man Übergewicht im Kindesalter, verminderte Bewegung und Krankheiten, die damit vergesellschaftet sind. Übergewicht gehe mit Diabetes einher, mit erhöhtem Blutdruck sowie mit Herz-Kreislauf-Risikofaktoren. Auch zu einigen Krebsarten gebe es Verbindungen. Während die Festgäste nun negative Beispiele erwarteten, überraschte Halle mit einem positiven: Ein Inder, der jetzt in London lebt, sei als Hundertjähriger in seiner Altersklasse Marathon-Weltmeister geworden – obwohl er erst im 89. Lebensjahr mit Marathon-Training begonnen habe. 

Übergewicht und fehlende Bewegung bringen den Körper aus dem Gleichgewicht

Man habe verstanden, dass all die Krankheiten, die er beschrieben hat, chronische Erkrankungen sind, die mit einer erhöhten Entzündungsreaktion einhergehen. Das seien unterschwellige Entzündungsreaktionen, die durch entsprechende Laboranalysen nachgewiesen werden können. Diese seien „getriggert“ durch zwei wesentliche Faktoren: erstens durch Übergewicht und zweitens durch fehlende körperliche Bewegung. Durch Gewichtsreduktion sei das Gleichgewicht wieder herzustellen, vor allem jedoch durch das Gegengewicht regelmäßiger körperlicher Bewegung. 

Die Bedeutung körperlicher Betätigung wolle er an drei konkreten Beispielen darstellen: an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei Demenz und bei der Problematik Sturz und Fallen. Zunächst ging er auf das Thema Herz-Kreislauf-Risikofaktoren ein. Übergewicht sei bei verminderter Aktivität ganz eng mit diesem Risikofaktor verbunden: Nicht nur Diabetes, sondern auch erhöhter Blutdruck und erhöhte Cholesterinwerte spielen laut Halle ganz eng zusammen. Und wenn man sich vergegenwärtige, dass diese Risikofaktoren die Funktion des Gehirns ganz entscheidend beeinflussen, bereits ab dem 30. Lebensjahr, werde verständlich, warum man auch auf die Kinder achten muss. 

Das Volumens des Gehirns und die Funktion, also die Vernetzung der Nerven, nehme ab Mitte dreißig ab, auch die Gefäßfunktion sowie die Leistungsfähigkeit der Zellen und Organe. „Herz-Kreislauf-Risikofaktoren beschleunigen diesen Prozess um ein Vielfaches!“, betonte Halle. Für jeden genannten Faktor steige das Risiko um fast 25 Prozent an. Diabetes bewirke zunächst eine milde kognitive Funktionsstörung, später Demenz. Halle empfahl deshalb: „Bringen Sie die Dinge in Ordnung! Bewegen Sie sich! Werden Sie erst gar nicht übergewichtig! Und vor allem: Nehmen Sie Ihre Medikamente ein!“ Wer beispielsweise Blutdrucktabletten über zehn, fünfzehn Jahren nicht 
regelmäßig einnehme, erhöhe dadurch sein Risiko für milde kognitive Funktionsstörungen um ein Vielfaches.  

Durch körperliches Training kann sich die Durchblutung des Gehirns wieder normalisieren

Der Titel seines Vortrags „Das Bewegte Haus“ solle dazu anregen, sich mehr und vor allem gezielt zu bewegen. „Wir wissen, dass Diabetes mit einem Eiweißstoff im Gehirn vergesellschaftet ist. Wenn dieser sich in einer bestimmten Region im Gehirn ansammelt und diese Region geschädigt ist – der Hippocampus – dann kommt es zur Ausprägung der Vorstufe einer Alzheimererkrankung oder von Alzheimer selbst.“ Mit täglicher, etwa dreißigminütiger, körperlich anstrengender Belastung könne man das in den Griff bekommen, auch Entzündungsprozesse. Ein erhöhter Blutdruck führt dazu, dass sich die Gefäße im Gehirn zusammenziehen und damit die Durchblutung des Gehirns eingeschränkt ist. Bei körperlichem Training nehme die Steifigkeit dieser Gefäße ab, damit könne sich die Durchblutung des Gehirns wieder normalisieren. Halle sagt: „Je mehr Vernetzungen Sie haben, desto besser und schneller können Sie denken, und Sie sind mehr Multi-Tasking.“ Deshalb sei es wichtig, diese Funktion aufrechtzuerhalten.

Eine in Finnland bei einer großen Anzahl von Patienten durchgeführte Alzheimer-Erkrankungs-Untersuchung habe gezeigt, dass sich Patienten mit körperlichem Training viel besser gefühlt haben, weil sich ihre Lebensqualität verbessert hat und weniger Stürze zu verzeichnen waren. Zudem konnte eine Einsparung der Krankheitskosten von 30 Prozent registriert werden. 

Auch an der TU München werde eine große Studie mit älteren Menschen durchgeführt: Es werden bestimmte Trainingsprogramme evaluiert, um zu sehen, welches Training das richtige sei. „Jedes Altenheim, jedes Pflegeheim, jedes Krankenhaus, jeder Kindergarten, jedes Rathaus, jedes Landratsamt, jedes Ministerium braucht ein Fitnessstudio!“, forderte Halle, und: „Ein gezieltes Training soll und muss in unseren Alltag eingehen, damit wir die Probleme unserer älter werdenden Gesellschaft auch in der Zukunft bewältigen können.“

Mit gezielten Übungen lässt ich das Sturzrisiko bei alten Menschen deutlich senken

Zum Thema Sturz beschrieb Halle ein konkretes Projekt: In Zusammenarbeit mit bayerischen Hausarztpraxen wurden Personen identifiziert, die im vergangenen Jahr mehr als einmal gestürzt waren. 500 wurden in ein Programm aufgenommen. Die eine Gruppe bekam in Arztpraxen durch Arzthelferinnen gezieltes Training: ein bisschen Ausdauertraining, leichtes Krafttraining und Koordinationsübungen. Die anderen nicht. In letztgenannter Gruppe kam es zu 367 Stürzen, in der Trainingsgruppe zu 191. Somit wurde das Risiko für Sturz durch Training um fast 50 Prozent gesenkt. 

Wenn man Risiken herausfiltere, kann man laut Halle extreme Effekte erzielen, die Betroffenen auch gesundheitlichen Nutzen bieten. Durch einfache Maßnahmen könne man viel erreichen, auch bei Menschen über 70 oder über 80. Allerdings gebe es für die über 65-Jährigen nur ganz wenige Studien. „Ein Fitnessstudio gehört in jedem Fall in eine Einrichtung wie diese, vielleicht auch mit einem Flügel nach draußen: so dass auch andere hier Sport machen können. – Stellen Sie sich nur vor:  Da haben Sie dieses Stift hier, und Unterhaching, und die ganzen anderen Stifte, ganz Bayern, ganz Deutschland.“

Seine Idee mit der Bewegung sei freilich nicht ganz neu. Der Ordinarius zitierte zum Abschluss Mephistos Rat an Faust, der sich Verjüngung wünscht: Begib dich gleich hinaus aufs Feld, fang an zu hacken und zu graben …“ – Das heißt für Professor Dr. Martin Halle: Bewege dich!

Für den engagierten, kurzweiligen Festvortrag wurde der Ordinarius mit großem Applaus belohnt, und mit einem sorgsam gewählten Geschenk. Was er bekam? Einen „Equilibristen“ aus der Künstlerwerkstatt von Peter Frisch – also einen „Gleichgewichtskünstler“.   

 


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