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50 Jahre KWA Kuratorium Wohnen im Alter
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Die Fachkraftquote auf dem Prüfstand

Auf dem 11. Symposium von KWA Kuratorium Wohnen im Alter diskutierten Experten Alternativen zur Fachkraftquote

Bad Krozingen, 02.02.2013. „Wenn es in der Pflegebranche ein Reizthema gibt, dann ist es zweifelsohne die Fachkraftquote. Schon seit Langem diskutieren Experten darüber, ob die Fachkraftquote wirklich ein Qualitätsindikator ist oder zeitnah einer gründlichen Revision bedarf“, sagte Dr. Stefan Arend, Vorstand von KWA Kuratorium Wohnen im Alter in seiner Einführung auf dem 11. KWA Symposium mit dem Titel „Fachkraftquote –Qualitätsmaßstab oder Sackgasse?“. „Passt die Fachkraftquote zu neuen Konzepten wie Hausgemeinschaften und Wohngruppen? Entspricht sie noch dem modernen Verständnis von professioneller Pflege? Und lässt sie sich angesichts des Fachkräftemangels überhaupt noch halten? Dies sind die zentralen Fragen, die dringend geklärt werden müssen“, so Arend weiter.  Bereits das 1. KWA Symposium im Jahr 2003 habe sich mit der Fachkraftquote auseinandergesetzt und auch Alternativen aufgezeigt, „die aber leider bei den Entscheidungsträgern ungehört blieben“, kritisierte der Vorstand.

Wie brisant die Thematik ist, zeigte auch die hohe Teilnehmerzahl der Veranstaltung. Rund 120 Vertreter der Pflegebranche und der Politik waren am 28. Januar 2013 ins KWA Parkstift St. Ulrich nach Bad Krozingen gekommen, um sich über mögliche Alternativen zur Fachkraftquote zu informieren. Einig waren sich die Referenten darüber, dass man wegkommen muss von der starren 50-Prozent-Regelung, doch über das Wie gingen die Meinungen zum Teil auseinander. 

Sehen Sie sich die Kurzdokumentation des Symposiums auf youtube an.

Schlachten einer heiligen Kuh

Prof. Dr. Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule in Freiburg kritisierte als Jurist schon allein die Tatsache, dass das Heimrecht ein Gewerbesonderrecht sei und nicht regeln könne, wie viel Personal vorgehalten werden müsse. Dies bedeute einen Eingriff in die unternehmerische Freiheit. Die Fachkraftquote folge zudem ausschließlich pragmatischen Kriterien, aber nicht wissenschaftlichen Gütekriterien: „Gefragt ist die Orientierung am individuellen Pflege- und Unterstützungsbedarf, zu dem auch die Teilhabe, d.h. soziale Betreuung gehört. Die Ermittlung dieses funktionsbezogenen Leistungsbedarfs ist aber nicht die Aufgabe des Landesgesetzgebers“, so Klies grundsätzliche Kritik von juristischer Seite. Für die Politik komme das Infragestellen der Fachkraftquote dem Schlachten einer heiligen Kuh gleich – obwohl sich die Quote in der Praxis als viel zu unflexibel erwiesen habe, neue Konzepte (z.B. Wohngruppen) behindere, fachlich nicht begründet werden könne und angesichts der fehlenden Fachkräfte zu einem immer größeren Problem für Einrichtungen werde. Erfreulich sei es daher, dass einige Bundesländer erste Schritte in eine neue Richtung gingen und die starre Quotenregelung etwas gelockert hätten, betonte Klie. In Baden-Württemberg heißt das Stichwort Flexibilisierung (Nachtwache), in Mecklenburg-Vorpommern findet eine Öffnung der Berufsgruppen statt (Einbeziehung der Hauswirtschafts-Fachkräfte), Bremen berücksichtigt neue Konzepte (Hausgemeinschaften) und Hamburg wird den Trägern mehr Verantwortlichkeit übergeben. „Auch wenn wir die heilige Kuh noch nicht angetastet haben, wollen wir die Fachkraftquote lockern“, erklärte Nina Gust von der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration bei der Podiumsdiskussion am Nachmittag. „Wir wollen künftig mehr Wert auf die Ergebnisqualität legen und auf dieser Grundlage weitere Vereinbarungen treffen, um die vielfältigen Wohnformen zu fördern.“

Auch Klie sprach sich ganz klar für mehr Verantwortung der Träger aus, kritisierte aber gleichzeitig, dass viele von ihnen nicht in der Lage seien darzulegen, wie und wo sie ihre Fachkräfte einsetzen. Der Jurist und Gerontologe wünschte sich mehr kompetenzbezogenen Einsatz von Mitarbeitern, die Abkehr von klassischen Präsenzvorstellungen, Qualifikationsmix – und mit Blick auf die Wissenschaft die Durchführung von Modellvorhaben zur Flexibilisierung des Fachkräfteeinsatzes.

Qualitative Fachkraftquote als Alternative

Den Aspekt Qualifikationsmix erachtet auch Prof. Hermann Brandenburg von der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar für notwendig, wenngleich er hier das Problem sieht, dass die einzelnen Berufsgruppen oft nicht in ausreichendem Umfang kooperieren. Interdisziplinäre Fallbesprechungen seien eine bisher ungenutzte Chance, um dies zu verbessern. Außerdem seien „Pflegemixkonstellationen“ noch nicht ausreichend erforscht worden. Veränderungsbedarf sieht er zusätzlich in der Rolle der Aufsichtsbehörden: „Wir müssen uns überlegen, wie viel Kontrolle ist für Pflegeeinrichtungen wirklich sinnvoll, und wann treten kontraproduktive Entwicklungen ein? Der Faktor Lebensqualität kann nicht extern überwacht werden!“ Brandenburgs Fazit: „Fachkraftquote ist ein Orientierungsmuster – mehr nicht.“

Doch die 50-Prozent-Quote einfach abzusenken oder Pflegehelfer auf der Basis einer bestimmten Anzahl von Berufsjahren zur Fachkraft zu ernennen, wie es einige in der Branche fordern, seien keine wirkliche Alternativen, sagte Michael Wipp von der Haus Edelberg Dienstleistungsgesellschaft. „Wir steuern sehenden Auges auf ein Desaster zu, denn es ist eine weltfremde Annahme, dass die quantitative Fachkraftquote ein Qualitätsmerkmal ist“, beschrieb Wipp die derzeitige Situation sehr drastisch. Derzeit werde aufgrund des leeren Personalmarkts fast jede Fachkraft eingestellt, um die geforderten 50 Prozent vorhalten zu können. „Damit sinkt die Qualität sogar.“ Er sprach sich in Bezug auf eine erforderliche Neuausrichtung in Anlehnung an die ambulanten Strukturen (Primary Nursing) aus, d.h. für eine qualitative Fachkraftquote. Dazu gehört seiner Auffassung nach ein gezielter tätigkeitsbezogener Einsatz, der sich auch nach den Pflegestufen richten sollte. Die Fachkraftdefinition erfolgt hier in Anlehnung an die Aufgaben und Leistungsdefinitionen heutiger Anforderungen – und nicht mit Hauptblickrichtung „lediglich“ auf Pflege. Als überprüfbare Qualitätsanforderungen nannte Wipp Zusatzqualifikationen und verpflichtende Fortbildungen. Eine qualitative Fachkraftquote könne sofort umgesetzt werden, denn die Ressourcen seien vorhanden, die Attraktivität der Pflegeberufe könne gesteigert werden und ferner sei diese Form nicht von unvorhersehbaren Entwicklungen auf dem Markt abhängig. 

Weitere denkbare ergänzende Maßnahmen sind laut Wipp u.a. Ausbildungsreformen, die Anwerbung ausländischer Mitarbeiter, die Anerkennung aller in der EU erreichten Abschlüsse von Pflegefachkräften oder der Abbau der Bürokratie, die derzeit zu viel Fachkrafteinsatz erfordere. Der Politik fehle der Mut, Neues und Zeitgemäßes zu wagen, das den heutigen vielfältigen Anforderungen an eine professionelle Pflege entspricht. „Die jetzige Fachkraftquote ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Sackgasse“, so Wipp mit Blick auf den Titel der Veranstaltung.

Qualitätssicherung und Sicherung der Fachlichkeit

Instrumente, Verfahren und Erfahrungen aus der Praxis zu Qualitätssicherung und zur Sicherung der Fachlichkeit erläuterten Michael Pfitzer, Stiftsdirektor des KWA Luise-Kiesselbach-Haus in München, und Monika Nirschl, Leiterin Abteilung Qualität, Prozesse, Strukturen bei KWA Kuratorium Wohnen im Alter. Zur Sicherstellung einer wirksamen und wirtschaftlichen Versorgung legen die Landesverbände gemeinsam mit den Trägern die Pflegeschlüssel fest, die die einsetzbaren personellen Ressourcen festlegen, das ist allgemein bekannt. Doch Pfitzers Vergleich der unterschiedlichen Pflegeschlüssel in einzelnen Bundesländern machte das Paradoxon Fachkraftquote deutlich: Während bei der gleichen Anzahl von Bewohnern und Pflegestufen die Quote in Bayern bei 50,67% lag, kamen die Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen auf 57,22% und in Thüringen gar auf 59,62%. Laut Baden-Württembergischem Pflegeschlüssel hingegen ist die Quote dort nicht erreicht (49,61%) und in Sachsen sind es nur 48,37%. 

Dieses Ergebnis zeigt, wie wenig die Fachkraftquote ein zuverlässiges Instrument der Qualitätssicherung ist. Viel eher erreiche man diese mit einer Kombination aus einem strukturierten Einstufungsmanagement, das die ohnehin mageren Personalressourcen ausgleicht, und dem Pflegeschlüssel, erläuterte Pfitzer. Er kritisierte das Verhältnis von Fachkraftquote und Stellenschlüssel an einem Beispiel: „140 Minuten pro Tag für einen Menschen mit Pflegestufe 3 – das macht deutlich, dass die Stellenschlüssel allein nicht dafür geeignet sind, den Bedarf an Begleitung und Pflege mit den ständig steigenden Anforderungen zu sichern.“ Nur den pflegerischen Bedarf zu sehen, widerspreche dem umfassenden Verständnis von Begleitung und Pflege. Nicht die Fachkraftquote sichere eine bedarfs- und bedürfnisgerechte Versorgung, sondern eine Bezugspflegekraft, die alle Dimensionen berücksichtigt, so die Schlussfolgerung des Hausleiters. Dabei müsse unterschieden werden zwischen steuernden und durchführenden Pflegefachkräften, außerdem sollten diese nach ihren Kompetenzen und Präferenzen eingesetzt werden. Voraussetzung dafür sei ein effizientes Dokumentationssystem. Im KWA Luise-Kiesselbach-Haus, das sich am Prinzip der Hausgemeinschaften orientiert, sei zudem das Zusammenwirken aller Professionen erforderlich.

Fachlicher Rahmen zur Bewältigung der Anforderungen

„Das KWA Rahmenkonzept ,Pflege und Begleitung’ bietet für unser Unternehmen den fachlichen Rahmen zur Bewältigung der künftigen Anforderungen“, erklärte die Leiterin der Qualitätsabteilung bei KWA. Für eine dauerhafte Sicherung der Versorgungsqualität sei demnach die Unterscheidung von planenden und durchführenden Aufgaben vonnöten, was wiederum zu dem von Pfitzer bereits genannten Bezugspflegesystem führe. Weiterhin werde im Rahmenkonzept klarer unterschieden zwischen den Funktionen des Pflegemanagements (PDL-Funktionen) und der verantwortlichen Pflegefachkraft (mit Verantwortung für Prozessgestaltung). Während die Managementfunktionen der Pflege zentralisiert werde, sollen verantwortliche Pflegefachkräfte in allen Teilbereichen wie Wohnbereich, Tages- oder Nachtpflege, Ambulantem Dienst eingesetzt werden, erläuterte Nirschl das Konzept. „Der Pflegeprozess muss dabei konsequent durch ein entsprechendes EDV-System unterstützt werden, denn es ermöglicht den Einsatz einer gemeinsamen Fachsprache und das Arbeiten mit gleicher Datengrundlage, bietet zudem ein ressourcenschonendes Arbeiten und optimiert die Arbeitsprozesse“, sagte Nirschl. Es ist an die Arbeitsprozesse in der Praxis angepasst und reduziert die Planung und Dokumentation auf sinnvolle Arbeitsschritte. Aus der Veränderung des Pflegeprozesses resultierten veränderte pflegefachliche und wirtschaftliche Gestaltungsfelder. So werde man bei KWA die Personalentwicklung und das Schulungskonzept der Pflegefachkräfte am Anforderungsprofil Primary Nurse orientieren. „Es geht uns bei all dem nicht darum, die Fachkraftquote abzuschaffen, aber sie muss dazu beitragen, dass wir gute Pflege anbieten können“, so Nirschls Fazit.

„Fachkraftquote als Auslaufmodell?“

Diese Frage wurde abschließend unter der Moderation von Thomas Klie auf dem Podium diskutiert. Anja Schilling, Stiftsdirektorin des KWA Parkstift St. Ulrich wünschte sich von der Politik „eine Flexibilisierung der Quote, damit wir gute Arbeit leisten können.“ Flexibilisierung war das Stichwort für Andreas Christian von der Vincentz von Paul gGmbH, wo derzeit ein Rotationsmodell für die Nachtschicht mit wissenschaftlicher Begleitung erprobt wird. „Es kommt darauf an, der Heimaufsicht darzulegen, dass wir alles im Blick haben – auch wenn wir die Fachkraftquote nicht erfüllen.“ Die beiden Vertreter der Politik aus Baden-Württemberg, Bärbl Mielich, MdL, und Ulrich Schmolz vom Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren, waren sich einig darüber, dass die Fachkraftquote zu Recht im Fokus der Diskussion steht, aber sie sei auch „nicht so schlecht wie sie dargestellt wird“, sagte Schmolz. Es fehle ein gutes Personalbemessungssystem, dann würde es die Quote vielleicht nicht mehr geben. Aber ganz ohne Ersatz könne man sie nicht abschaffen. „Der Pflegemix wird künftig sicherlich wichtig sein“, äußerte Mielich, „denn Pflegebedürftige brauchen eine vielschichtige Begleitung über den Tag verteilt. Wir werden prüfen, wo es neue Konzepte gibt, denn wir müssen das Rad in Baden-Württemberg ja nicht neu erfinden.“ „Wäre es nicht ein interessantes Signal zu sagen, wir geben der Fachkraftquote eine Restlaufzeit von zehn Jahren?“, fragte Klie in Richtung der beiden Politiker. Worauf Mielich unter großem Applaus entgegnete: „Ich halte nichts von Restlaufzeiten. Wir werden eine Initiative daraus machen und uns heute vorgestellte Konzepte anschauen, aber nicht erst in zehn Jahren!“

KWA Vorstand Horst Schmieder nahm in seinem Schlusswort auch die Träger in die Pflicht. Sie hätten eine große Verantwortung, auch ihren Mitarbeitern gegenüber. Vielleicht seien sie es ja, die der Politik neue Wege aufzeigen, die funktionieren. Auf jeden Fall dürfe eines nicht passieren – dass die geführte Diskussion allein unter ökonomischen Gesichtspunkten gelöst werde. Eine nicht ganz ernst zu nehmende Frage stellte Schmieder abschließend in den Raum: „Wie wird wohl in Zukunft ein Pflegeroboter gerechnet: als Fach- oder Hilfskraft?“ Wer weiß ...


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