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Einge Mitarbeiter von KWA

Der BfS-Vorstandsvorsitzende Schmitz sieht enormen Investitionsbedarf in der Sozialwirtschaft

KWA Symposium 2020. Hier: Warum die Sozialwirtschaft für Investoren und supranationale Unternehmen so attraktiv ist. Und: Auszug aus Podiumsgespräch unter der Moderation von Thomas Klie mit Antworten von: Horst Schmieder (KWA Vorstand), Britta March (Leiterin des Referats Pflege bei der AOK Baden-Württemberg) und Hansgeorg Bauer (Stiftsbeiratsvorsitzender im KWA Stift am Parksee).

München, 6. Februar 2020. – KWA Symposium 2020: Kassensturz in der Pflege.

Prof. Dr. Harald Schmitz ist Vorsitzender des Vorstands der Bank für Sozialwirtschaft (BfS). Die BfS ist beinah hundert Jahre alt, wurde 1923 von sechs Wohlfahrtsverbänden gegründet. Der Fokus der Bankentätigkeit liegt auf Unternehmen, Einrichtungen und Organisationen aus den Bereichen Gesundheit, Soziales und Bildung – darunter sowohl gemeinnützige als auch private. Die Fachbank für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft weist für 2019 eine Bilanzsumme von 8,7 Mrd. Euro aus, bei 6,5 Mrd. Euro Kundeneinlagen und Kundenkrediten in Höhe von insgesamt 5,2 Mrd. Euro. Nachhaltigkeit und die soziale Dimension sind laut Schmitz im Geschäftsmodell tief verankert.

Prof. Dr. Harald Schmitz, Vorstandsvorsitzender der Bank für Sozialwirtschaft, beim KWA Symposium 2020, das unter dem Thema "Kassensturz" stand.Schmitz‘ Aufgabe beim 18. KWA Symposium war, Investments in die Sozialwirtschaft zu betrachten und diese anschaulich zu machen. Zunächst nahm der Finanzexperte aktuelle Marktentwicklungen in den Blick. Schmitz identifizierte dabei einige auffällige Befunde: Binnen zehn Jahren (von 2006 bis 2016) ist die Anzahl der Träger von Krankenhäusern und Rehaeinrichtungen jeweils um rund ein Viertel gesunken. Im Pflegemarkt bedecken die „TOP 5“ – Korian,  Alloheim, Pro Seniore, Orpea und Kursana – in Summe einen Marktanteil in Höhe von 10 Prozent. Ein gemeinnütziger Träger ist nicht unter den TOP 5. Die „großen“ freigemeinnützigen Träger können zwar nicht wie Großkonzerne betrachtet werden. Caritas ist beispielsweise ein eingetragener Verein und Spitzenverband von über 900 einzelnen Organisationseinheiten. Bei „aggregierter Betrachtung“  liegen im deutschen Pflegemarkt in Bezug auf verfügbare stationäre Plätze freilich noch vor den fünf genannten privaten Trägern: die Diakonie mit einem Marktanteil von 14 Prozent, Caritas mit 12 Prozent, die Arbeiterwohlfahrt mit 7 Prozent  und das Deutsche Rote Kreuz mit 4 Prozent Marktanteil – macht in Summe rund 37 Prozent.

Hohe Attraktivität der Sozialwirtschaft für internationale Investoren sowie supranationale Unternehmen

Die Niedrigzinsphase ist mit einer Geldschwemme verbunden. Dies verleitet Inverstoren laut Schmitz zu Investitionen in Wachstumsmärkte. Die starke Marktfragmentierung in der Pflege mit vielen privaten Trägern sei für Investoren reizvoll, sorge für eine hohe Marktdynamik. Dass die freie Wohlfahrtspflege „in ihren Strukturen stehenbleibt“ bewertet der BfS-Vorstandsvorsitzende als großes Risiko. Einen Kapazitätsaufbau in Bezug auf Pflegeheime und Pflegeplätze leisteten in den vergangenen Jahren in erster Linie die privaten Träger. 

Das französische Unternehmen Korian griff Schmitz als Beispiel heraus. Korian ist seit Jahrzehnten in der Pflege tätig, mit ganzheitlichen Versorgungsangeboten sowie vielfältigen Betreuungs- und Dienstleistungen. In Korian haben unter anderem französische Versicherungsgruppen und ein kanadischer Pensionsfonds investiert. Versicherungen und Pensionsfonds schauen sich weltweit Märkte an, tätigen Investitionen in Pflege als langfristige, strategische Kapitalanlage. Doch auch Finanzinvestoren mit kurzfristigen Interessen – sogenannte Heuschrecken – finden sich im Pflegemarkt.  

Warum Finanzinvestoren in Deutschland Krankenhäuser kaufen, erklärt der Finanzexperte ebenfalls: Wenn an ein Krankenhaus ein Medizinisches Versorgungszentrum angebunden ist, kann der Krankenhauseigner deutschlandweit Arztpraxen aufkaufen. Dies tun Eigner mit kurzfristigen Interessen so lange, bis eine gewisse Größe erreicht ist, um dann gewinnbringend weiterzuverkaufen. 

Der Konsolidierungs- und Konzentrationsprozess schreitet voran und wird, so der BfS-Vorstandsvorsitzende, von supranationalen Unternehmen forciert

Investitionen in Immobilien seien natürlich einfacher für Investoren als Investitionen in den Betreibermarkt – dazu brauche man kein Branchenwissen, sondern nur Mieter. Die Renditeerwartung bei Immobilien liege bei 4-6 Prozent. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland 1,2 Mrd. Euro in Pflegeimmobilien investiert. Neben dem Betreibermarkt sei also auch der Immobilienmarkt sehr attraktiv. Der Investitionsbedarf in der Sozialwirtschaft ist laut Harald Schmitz enorm. Allein für die stationäre Pflege bezifferte der BfS-Chef ihn für die Jahre 2019-2030 mit 62 Mrd. Euro. Eine Befragung zum Stand der Digitalisierung ergab, dass der Investitionsanteil in Innovation und Digitalisierung „erschreckend niedrig“ ist. Neue Software und Hardware allein reichen ja nicht. 

Als Investitionshemmnisse benannte Schmitz den Fachkräftemangel sowie Belegungsdefizite, die zum Teil auf dem Fachkräftemangel beruhen. Die Renditen in der Sozialwirtschaft bewegen sich auf niedrigem Niveau – was immer so sei, wenn das Investitions-Risiko niedrig ist. Schmitz wies explizit darauf hin, dass auch gemeinnützige Träger Rendite erzielen müssen, „schon allein zum Finanzerhalt“. 

Bei gemeinnützigen Sozialunternehmen nehmen seiner Beobachtung nach Insolvenzen und Verkäufe zu. Dies sei teils historisch bedingt. Ein Kapitalaufbau über Zinsen ist ja nicht möglich. Das abschließende Fazit von Schmitz: „Neben dem Fachkräfteengpass ist der Kapitalzugang in der Sozialwirtschaft zu einem kritischen Erfolgsfaktor geworden.“  Dennoch prognostiziert der BfS-Vorstandsvorsitzende: „Der deutsche Pflegemarkt wird bestehen. – Langfristige Investoren können auch Durststrecken überstehen.“

KWA Vorstand Horst Schmieder sagt: Die Renten und Vermögen in Deutschland sind zu niedrig

In der abschließenden Podiumsdiskussion richtete Thomas Klie als Moderator Fragen an: Horst Schmieder (KWA Vorstand), Britta March (Leiterin des Referats Pflege bei der AOK Baden-Württemberg) und Hansgeorg Bauer (Stiftsbeiratsvorsitzender im KWA Stift am Parksee). Hieraus ein Auszug:

Klie: Herr Bauer, wenn Sie hören, welche Ausgaben auf uns zukommen und an ihre Kinder und den Enkel denken: Würden Sie sagen, wir brauchen eine stärkere Beteiligung der jüngeren Generation zur Absicherung der Risiken im Alter?

Bauer: Ich denke, wir dürfen Belastungen nicht in die nächste oder übernächste Generation schieben. Wir sollten in der notwendigen Weise beteiligt werden. Ich möchte nicht, dass die nachfolgende Generation all das refinanzieren muss, was wir schon in Wohlgefallen verbraucht haben. 

Klie: Wie weit ist das unter den Bewohnerinnen und Bewohnern ein Thema?

Bauer: Bei Gesprächen erfahre ich schon, dass sich viele Bewohner große Sorgen machen. Allerdings vor allem über die persönliche Situation. Ich denke, es ist künftig unsere Aufgabe, den Bewohnern die Wirklichkeit aufzuzeigen. In meiner Rolle als Stiftsbeiratsvorsitzender sehe ich mich in einer Konfliktlage. Einerseits fühle ich mich verpflichtet, die Dinge offen darzulegen, so wie ich sie verstehe. Andererseits will und darf ich auf keinen Fall Ängste auslösen. Ängste führen nicht zu Lösungen, sondern zu Lähmungen. Was ich für notwendig halte, ist, dass wir mit allen Beteiligten im Haus Vertrauen ermöglichen. Vertrauen kann nur dort wachsen, wo Menschen merken, dass man ihnen reinen Wein einschenkt und sie auch nicht im Regen stehen lässt, sondern als Menschen wahrnimmt.

Klie: Frau March, Sie haben Freude am Experiment und am Lernen. Im Maschinenraum der Pflege geht es ständig ums Nachjustieren. Wir brauchen jetzt endlich einen großen Wurf.

March: Wir haben bei der AOK zusammen mit anderen Versicherungen und einem Träger vor drei Jahren ein Modell gestartet, nach dem Konzept der Initiative Pro-Pflegereform. Damit haben wir Erfahrungen gesammelt, können hier und da noch ergänzen oder streichen. Jetzt müssen wir aber noch drei Jahre evaluieren. Klar ist: Wir wollen in kein Risiko gehen. Qualität ist wichtig, die Versorgung muss gesichert sein. Wir haben keinen Personalschlüssel im Modell, aber einen Fachkraftmix. Es immer eine Fachkraft da, auch in der Nacht. Für alle Eventualitäten ist gesorgt. Es gibt aber viele Bremsen. Ordnungs- und Leistungsrecht passen nicht zusammen. Es gibt Bürgermeister, die Einrichtungen eröffnen möchten, wenn sie diese nach dem neuen Konzept betreiben können. Doch das ist noch nicht erlaubt. Wir stecken in Projektitis. Es kann aber nicht sein, dass wir uns von Projekt zu Projekt hangeln.

Klie: Sehen Sie Ergänzungsbedarf beim Sockel-Spitze-Tausch?

March: Die AOK ist in der Sachwalterfunktion. Wir sind in der Verantwortung, Gelder sinnvoll auszugeben. Wir sind ausdrücklich dafür, dass die Kommune eine wichtige Rolle bekommt. Wir sind alle an Qualität interessiert. Und wir sind für den Sockel-Spitze-Tausch. Nichtpflegerische Leistungen könnten solidarisch über Steuermittel finanziert werden.

Klie: Herr Schmieder. Als Vorstand, dem die Finanzen von KWA zugeordnet sind, müssen Sie immer wieder einen Kassensturz machen. Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Schmieder: Vor 25 Jahren hatten wir kaum Eigenkapital. Also mussten wir eine gewisse Rendite erzielen, um Investitionen finanzieren zu können. Finanzierungen für Unternehmen unserer Größe werden immer schwieriger. Wenn wir eine hybride Finanzierung auf die Beine stellen wollten, wäre eine Anleihe oder ein Schuldschein denkbar. Wir erfüllen die Transparenzkriterien, haben gute Zahlen.  Aber entsprechende Finanzierungen fangen bei 50 Millionen an. Die brauchen wir in einem Jahr aber nicht. Und der Aufwand dafür ist sehr groß. Die Idee, dass der Staat einen Part einer Finanzierung wie bei einer Hermes-Bürgschaft absichert, finde ich interessant. Wir bedienen in der Pflege ja beide Sektoren, haben stationäre Pflege sowie Wohnen mit ambulanter Pflege. Nur drei unserer stationären Pflegebereiche tragen sich selbst, die anderen werden querfinanziert. Ob und wann sektorenübergreifende Pflege zugelassen wird, ist unklar. Bei der Umstellung auf ambulante Pflege in der Stiftswohnung muss man gut aufklären. In Bezug auf die finanziellen Belastungen für die Bewohner ist Verlässlichkeit wichtig, man darf keine Sprünge machen ohne guten Grund. Als ich angefangen habe bei KWA, gab es bei Pensionspreiserhöhungen einen Aufschrei. Dann haben wir einen gewissen Korridor aufgezeigt, in dem wir uns bewegen müssen, das kam sehr gut an.

Klie: Mit der neuen Wohnform mit ambulanter Pflege waren Sie Pionier bei KWA. Sie haben heute einige Vorschläge gehört. Finden Sie den Sockel-Spitze-Tausch und sektorenübergreifende Pflege interessant?

Schmieder: Sehr interessant finde ich eine Pflegewelt ohne Sektoren. Und auch die Fachkraftquote muss fallen. Beim Sockel-Spitze-Tausch bin ich etwas skeptisch. 78 Prozent der Menschen haben Sorge, dass sie ihre Ersparnisse verlieren bei stationärer Pflege. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es am Eigenanteil liegt. Es ist ein Grundproblem unserer Gesellschaft, dass die Renten zu niedrig sind. Der sogenannte Gini-Koeffizient beschreibt die Einkommensverteilung. Läge er in Deutschland bei 0, würden alle gleich viel verdienen. Je näher er sich bei 1 befindet, desto ungleicher ist die Einkommensverteilung. Da liegt Deutschland mit einem Wert von etwa 0,3 gar nicht so schlecht. Anders sieht es mit dem Koeffizienten aus, der die Höhe des Vermögens beschreibt. Da liegt Deutschland mit einem Wert von 0,7 in Europa weit hinten. Griechen, Italiener, Spanier haben einen besseren Koeffizienten beim Vermögen als wir Deutschen. 60 Prozent der Deutschen haben ein Vermögen von unter 25.000 Euro. Wenn irgendein Problem auftaucht, ist das schnell weg. Das ist ein riesiges Problem, kommt unter anderem von der Steuerpolitik. Das erste Risiko für Altersarmut ist nicht die Pflegebedürftigkeit, sondern die Entwicklung der Nettoeinkommen. Eine Gesellschaft wie unsere muss die Frage der Vermögensverteilung lösen können. Und auch die Umweltprobleme.

Podiumsdiskussion beim KWA Symposium 2020. von links: Horst Schmieder (KWA Vorstand), Prof. Dr. Thomas Klie (Ev. Hochschule Freiburg), Britta March (Referatsleiterin Pflege bei der AOK Baden-Württemberg), Hansgeorg Bauer (KWA Stiftsbeiratsvorsitzender)

Mit welchen Schwierigkeiten die Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1994 verbunden war, darüber sprach 20 Jahre später Norbert Blüm im KWA-Interview.

Beitrag 1 zum KWA Symposium 2020 "Kassensturz in der Pflege": mit Ausführungen von Bezirkstagspräsident Josef Mederer, Ministerialdirektorin Ruth Nowak und Prof. Dr. Thomas Klie.


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