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Fachtag im KWA Kurstift Bad Dürrheim – zum Thema Demenz

Eine grundlegende Erkenntnis: Mit entsprechendem Wissen und Know-how lassen sich Perspektiven weiten und Möglichkeiten besser ausschöpfen.

Bad Dürrheim, 5. Juni 2019. "Ohne Geist" – so lautet die wörtliche Übersetzung des Begriffs "Demenz" aus dem Lateinischen. Damit ist bereits das wesentliche Merkmal von demenziellen Erkrankungen beschrieben: die Verschlechterung bis hin zum Verlust der geistigen Fähigkeiten. Rund 1,5 Millionen Menschen sind in Deutschland von einer demenziellen Erkrankung betroffen, vor allem über 75-Jährige. Die Abbauerkrankung des Gehirns führt nach und nach zum Verlust des Gedächtnisses und geistiger Fähigkeiten. Damit verbunden ist eine Veränderung der Persönlichkeit der betroffenen Menschen: Sie können ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen und verlieren den Bezug zu der sie umgebenden Welt. Je weiter die Erkrankung fortschreitet, desto mehr sind sie auf Betreuung und Pflege angewiesen. Das bereitet vielen Angst. 

Egal ob in den Medien, in der Politik oder in unserer Gesellschaft: Über Demenz wird auf ganz unterschiedliche Weise diskutiert. Worin man sich einig ist: Diese Krankheit stellt eine Herausforderung dar. Erkrankte im Alltag zu begleiten und bei Bedarf auch zu pflegen, wirft Fragen auf, verunsichert und verlangt neue Wege. Im KWA Kurstift Bad Dürrheim ist bei allen Fragen, die mit Alter und Pflege verbunden sind, eine große Expertise vorhanden. Daher organisiert man alljährlich einen Fachtag – nun bereits zum vierten Mal. Der Fachtag 2019 widmete sich dem Thema „Demenz! Perspektiven weiten. Möglichkeiten ausschöpfen.“ Er richtete sich an haupt- und ehrenamtlich Engagierte, die in ihrem Alltag an Demenz erkrankte Menschen begleiten. Zum Fachtag hatte sich die Leiterin des Kurstifts, Ileana Rupp, themenspezifische zusätzliche Expertise ins Haus geholt.

Sylvia Kern, die Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e.V., führte mit einem Impulsvortrag ins Thema ein. Seit mehr als 20 Jahren leitet die couragierte Expertin die Geschäftsstelle in Stuttgart und setzt sich in der (Fach)Öffentlichkeit sowie bei Politikern und in Medien für eine breit angelegte Aufklärung zum Thema Demenz ein. In Ihrem Vortrag schilderte Sylvia Kern anhand eines bewegenden Beispiels, was Demenz für Betroffene und Angehörige, aber auch für Fachkräfte bedeuten kann.

Die Geschichte „Herr W. wird wunderlich“ hat die Referentin selbst verfasst und mit zwei Enden ausgestattet. Im ersten Teil der Geschichte erfahren Herr W. und seine Frau Erna kaum oder keine Hilfe – beide sind auf ihre eigene Weise überfordert, verzweifelt und alleine. Im zweiten Teil erlebt das Ehepaar fachliche Begleitung und Unterstützung, eine klare Diagnose und Erna W. lernt, wie wichtig es ist, offen über die Erkrankung zu sprechen und sich auch privat Menschen an die Seite zu holen, die einem einen „festen Boden“ unter den Füßen verleihen. 

Zwischen den Geschichten lud die Expertin die Teilnehmer zu einer offenen Diskussion ein und betonte die Wichtigkeit von einem offenen Austausch zwischen allen Beteiligten. „Es kann nicht nur um die Sichtweisen von Pflegenden gehen, und auch nicht nur darum, wie sich ‚Gesunde‘ am besten um ‚Kranke‘ kümmern. Nötig ist ein differenziertes Bild von Menschen mit Demenz, die gerade in der Frühphase als mündige Mitmenschen ein Recht darauf haben, ernst- und wahrgenommen zu werden und Teil unserer Gesellschaft zu sein. Das geht nur, wenn wir ihnen Gehör verschaffen und unsere Helfer- und Profibrille ein wenig zurechtrücken", so die Expertin. 

Im Anschluss an den Impuls-Vortrag verteilten sich die Besucher des Fachtags auf drei Gruppen und nahmen, in Rotation, nacheinander an drei Workshops teil. Die Idee dahinter ist, sich dem Thema Demenz noch einmal intensiver, aber auch kreativer und von unterschiedlichen Richtungen zu nähern. 

In einem der Workshops erklärte Beate Fetzer, die Leiterin der Sozialpflegerischen Ausbildung der Malteser Hilfsdienste e.V. aus  Villingen, die Philosophie von „Silviahemmet“. Diese grundlegende Philosophie wurde 1996 von Königin Silvia von Schweden begründet und geht von einer palliativen Versorgung und Begleitung von Menschen mit Demenz aus. Die Versorgungsleistung orientiert sich dabei nicht an allgemeinen Vorstellungen vom Krankheitsbild Demenz, sondern an den Bedürfnissen des Einzelnen. Mit dieser Philosophie ist verbunden, dass das gesamte Umfeld von Menschen mit Demenz zu schulen ist. Dazu gehören neben den bekannten Heilberufen Familienangehörige, Freunde und Nachbarn, aber auch Außenstehende wie Taxifahrer oder Verkäuferinnen. So sollen Unsicherheiten und Ängste im Umgang mit Demenzkranken abgebaut und eine gesellschaftliche Enttabuisierung des Themas Demenz erreicht werden.

In einem zweiten Workshop zum Thema „Auto fahren, Türe absperren ... alles kein Problem" stellten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter der Leitung des Referenten Florian Wernicke, M.A. Gerontologie, ethischen Fragenstellungen rund um das Thema Demenz. Wohnung absperren oder nicht? Dauermedikation oder nicht? Autoschlüssel wegnehmen oder nicht? Dies und Ähnliches mehr diskutierten die Gruppen. Dabei wurde deutlich, dass in der Praxis eine stetige Gratwanderung zwischen Recht und Verantwortung und der Selbstbestimmung von Betroffenen stattfindet, die immer wieder neu diskutiert werden muss und in jedem Einzelfall abzuwägen ist.

Der dritte Workshop stand unter dem Thema: „Humor als Türöffner“. Hier konnten die Teilnehmer zusammen mit dem Referenten Andreas Weisser, dem Leiter der Clownschule Ravensburg, in die kreative Welt des Humors eintauchen. Was bedeutet Humor in unserer Gesellschaft und welchen Stellenwert hat er? Auf sehr plastische und bewegende Weise zeigte der Experte, wie Humor und Witz einen Zugang zu von Demenz Betroffenen schaffen kann. Zudem lernten die Teilnehmer, was ein Perspektivwechsel möglich machen kann, wenn Situationen im beruflichen Alltag scheinbar ausweglos sind. Am Ende bekam jeder eine Clownsnase geschenkt, um für unerquickliche Alltagssituationen mit einem „emotionalen Airbag“ gerüstet zu sein.

Der Fachtag schloss mit einer Auswertungsrunde und einem Dank  von Stiftsdirektorin Ileana Rupp an Referenten und Teilnehmer – verbunden mit dem Wunsch, dass das Erlernte beziehungsweise Gehörte in den Alltag einfließen möge. 

Autorin und Fotografin: Christina Meckes




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