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Politischer Stammtisch – zum Erhalt einer bedrohten Spezies?

Im KWA Parkstift Hahnhof in Baden-Baden trifft sich einmal im Monat ein Politischer Stammtisch. Und der ist keine reine Männersache.

Baden-Baden, im Herbst 2018. - "Dem Stammtisch wird oft eine vereinfachende, undifferenzierte Argumentationsweise unterstellt", heißt es in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Auf den Politischen Stammtisch im KWA Parkstift Hahnhof trifft dies gewiss nicht zu. Denn dort wird einmal im Monat auf einem Niveau diskutiert, das sich hinter TV-Formaten wie dem "Sonntags-Stammtisch" des Bayerischen Rundfunks nicht verstecken muss.

Die Köpfe und Macher der Diskussionsrunde sind langjährige Bewohner des KWA Hauses in Baden-Baden – Dr. Gerhard Bittner, Prof. Dr. Helmut Determann und Erwin Hochwald. Seit der ersten Ausgabe im November 2013 diskutierte der Stammtisch im Hahnhof in dieser Besetzung bereits über fünfzig Mal. "Die Veranstaltung ist kerngesund, von Verschleißerscheinungen keine Spur", sagt Bittner. Die Initiative kam aus einer Bewohnerversammlung. Man wollte engagiert debattieren und gleichzeitig ein Format etablieren, das Bewohner des Wohnstifts und des betreuten Wohnens gleichermaßen anspricht. Determann und Hochwald erinnern sich: "Unsere einzigen Statuten lauteten: keine Gespräche über den Hahnhof – und über Krankheiten." Das gilt auch heute noch.

In der Diskussionsleitung wechseln sich die drei Herren ab. Mit Parteipolitik hatte und hat keiner etwas am Hut. Bittner und Determann sind Naturwissenschaftler, Hochwald agierte als Bürgermeister im schwäbischen Fellbach. Zur Politik zitiert Determann seinen Vater: "Haltet euch da raus. Politik ist ein schmutziges Geschäft." Trotz dieses energischen Verdikts diskutieren die drei bei ihrem politischen Stammtisch leidenschaftlich gerne über tagesaktuelle Politik. "Das Ganze soll aber nicht zu ernsthaft werden. Unser Stammtisch dient eher dem zwanglosen Informations- und Meinungsaustausch", sagt Bittner. Ein politisches Sendungsbewusstsein liegt ihnen fern.

Wie geht der Stammtisch mit extremeren Meinungen um? "Die sind das Salz in der Suppe, bis heute gab es aber keine Situation, die wir nicht hätten regeln können", sagt Hochwald. Das galt auch für einen Gast in der Runde, der sich dann als AfD-Politiker entpuppte. "Das haben wir schnell abgebügelt", so "Alterspräsident" Determann.

Stammtische sind zwar oft fest in Männerhand, jedoch nicht im Hahnhof. Von einer derartigen Frauenquote können deutsche Vorstandsetagen nur träumen. An diesem Abend diskutieren neun Frauen und drei Männer. Eine Stunde lang, konzentriert, mit Humor und vor allem mit einer gehörigen Portion Sachverstand. Durstige halten sich an Mineralwasser. Bier spielt am Stammtisch im Hahnhof keine Rolle – "wenn überhaupt, dann müsste es in unserer Region Wein sein", sagt Hochwald. 

Am Stammtisch werden aktuelle Medienbeiträge sowie aktuelle Umfrageergebnisse zitiert und die eigene Expertise eingebracht. Die Landtagswahl in Bayern ist ein dankbares Thema. Aber auch über den Brexit, das Wahlrecht in den USA und den Braunkohle-Ausstieg wird engagiert diskutiert. Eines eint die Teilnehmer dieses politischen Stammtisches – die Sorge um die Zukunft der Demokratie. Auch deshalb diskutieren sie hier, denn der Stammtisch als Institution ist nach Meinung Bittners, Determanns und Hochwalds durch Individualisierung und Digitalisierung der Gesellschaft mittlerweile zur bedrohten Spezies geworden. 

Autor: Jörg Peter Urbach
Erschienen in: Alternovum 3/2018

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