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Talk in der Rosenau mit Dekan Mathias Trennert-Helwig über das Konstanzer Konzil, vier Päpste und zwei Scheiterhaufen - Was bleiben wird

Zum Abschluss des Jubiläums: Rückblick auf das Konstanzer Konzil 1414-1418 auf der Bühne des Konstanzer KWA Wohnstifts. Das Großereignis brachte nach dem Schisma nicht nur einen neuen Papst ins Amt, sondern auch Kirchenkritiker auf den Scheiterhaufen. Das Konzil ist mit der Geschichte von Konstanz untrennbar verbunden.

Konstanz, 22. Februar 2018. – Wow! Die Veranstaltungsmacher in der Rosenau haben sich diesmal echt was getraut. Was für ein Thema! Das Konstanzer Konzil. Und dann der Gast. Wer kennt ihn hier nicht, den „wortgewaltigen Prediger und Dekan am Konstanzer Münster, den Theologen und Historiker, den ausgewiesenen Fachmann für Kirchengeschichte. Und der müsste heute die richtigen Antworten haben: Dr. Mathias Trennert-Helwig.“

Stephan Schmutz, der Moderator, holt zu seiner ersten Frage aus: „Herr Dekan, grad‘ heute Morgen find‘ ich in meinem Südkurier einen nachgedruckten Vermerk aus der Feder des berühmten Konstanzer Chronisten, vielleicht  treffender, des spätmittelalterlichen Lokal-Journalisten Ulrich von Richental, genau von diesem Tag vor 600 Jahren, in dem der Einzug eines weißrussischen Erzbischofs mit großem Gefolge aus Christen und Andersgläubigen beschrieben wird, der mit „exotischem Flair“ zum Konzil angereist sei.“ Ulrich von Richental spekulierte – in seinem Vermerk vor 600 Jahren – weiter: „Hätte das Konzil Erfolg bei den Kirchenreformen erzielt, wären sie sicher zum Christentum übergetreten!“  

Genau 600 Jahre nach dem historischen Großereignis in Konstanz gehen in diesem Frühjahr die Feierlichkeiten mit ihrem Reigen zahlloser kultureller, wissenschaftlicher und erlebnisorientierter Veranstaltungen zu Ende. Hat das Motto der fünf Jahre „Europa zu Gast“ wirklich seine Schuldigkeit getan? Was wird von all dem bleiben? War das mittelalterliche „Mini-Konstanz“ mit seinen 6.000 Einwohnern, das unbestreitbar eine gigantische organisatorische und logistische Leistung auf die Beine gestellt hat, wirklich fünf Jahre Weltstadt und Zentrum der Christenheit? – Und wird die Konzilszeit das bedeutendste Ereignis in der Geschichte unserer Stadt bleiben?“

König Sigismund wollte die bereits 40 Jahre dauende Kirchenspaltung beenden und seine Macht sichern

Dazu der Gast, Dekan Trennert-Helwig: „Konstanz ist damals tatsächlich in den Mittelpunkt des Weltkreises gerückt.“ Und er nennt die Gründe: Der entscheidende Promoter des Konzils war der frisch gekrönte König des deutschen römischen Reiches, Sigismund (1414), dem damit auch der Ehrentitel „Schützer der Kirche“ zugefallen war und der in der Auflösung des inzwischen vierzigjährigen Schismas – der Spaltung der Kirche – eine seiner Hauptaufgaben sah. Und er hatte handfeste politische Interessen. Ein anhaltender kirchlicher Konflikt in dieser Zeit sei immer auch ein politischer gewesen und umgekehrt. Viele Konflikte beherrschten sein Reich. Um diesen Knoten durchtrennen zu können, musste aus Sigismunds Sicht ein Konzil her und das unbedingt auf seinem Reichsgebiet, denn es waren kriegerische Zeiten. 

Für Konstanz sprachen unter anderem logistische Gründe, wie die Stadtlage am Bodensee als wichtige Verkehrsader in Richtung Alpen und Italien – für uns heute ist der Verkehrsweg See schwer vorstellbar – oder das Kaufhaus – heute Konzil genannt – am Hafen, das bei der Papstwahl eine wichtige Rolle spielen sollte. Ein weiterer Grund sei die vorhandene kirchliche Infrastruktur gewesen, mit der großen Kathedralkirche im Zentrum, dem heutigen Münster, das damals – noch unbestuhlt – Platz für bis zu 10.000 dicht gedrängte Gläubige bot; zudem gab es hier mehrere große Klöster, die sich an der Aufnahme der 20-30.000 Konzilsdeputierten aus der ganzen damaligen christlichen Welt beteiligen sollten. Fünf Jahre, in denen eine kleine Stadt fast aus allen Nähten platzte?

Theologen von Europas bedeutendsten Universitäten nahmen Einfluss auf das Konzilsgeschehen

Der Moderator fragt nach der Bedeutung dieses vier Jahre tagenden "Großkongresses" für die Stadtgeschichte. – Der Dekan versucht, es einzuordnen: „Es war das größte Konzil der Kirchengeschichte und das einzige, das es geschafft hat, über vier Jahre trotz all der Probleme, der Aufs und Abs unterwegs, durchgehend zu tagen. Und es war das erste in der Kirchengeschichte, bei dem die bedeutendsten Theologen als Deputierte der großen Universitäten Europas zum Zuge kamen, eine eigene Beratungsschicht bildeten, Entscheidungen beeinflussten und großen Einfluss auf den König bekamen.“

Und – was noch bedeutsamer war: Mit dem Konzil in Konstanz sei das vierzigjährige Schisma im päpstlichen Amt tatsächlich überwunden worden: „Aus drei mach Eins!“ Drei konkurrierende Päpste mussten dem vom Konzil im Jahre 1417 gewählten neuen Papst Martin V weichen. „Die katholische Christenheit“, so der Dekan, „die Klammer Europas hatte endlich wieder eine anerkannte Führung!“ 

Die Feuertode von Jan Hus und Hieronymus von Prag: Vorboten der Reformation?

Allerdings waren laut Trennert-Helwig „die vorreformatorischen Auseinandersetzungen um das Kirchenbild“, die mit John Wyclif, Jan Hus und Hieronymus von Prag und den Hussiten verschiedenster Richtungen schon vor dem Konzil begonnen hatten und „der mangelnde Wille aller Konzils-Parteien“, notwendige Reformansätze beherzt anzupacken, erste Schritte in Richtung der Reformation, die hundert Jahre später Realität wurde. 

Stephan Schmutz verweist auf eine hässliche Seite des an und für sich erfolgreichen Treffens so vieler bedeutender Menschen: „Beide, Jan Hus und sein Freund Hieronymus von Prag, haben das Konzil nicht überlebt; sie wurden Opfer von Prozessen, die sie auf den Scheiterhaufen in Konstanz brachten. Ist dies das dunkelste Kapitel des Konzils?“

„Es ist schwer, uns in die Welt der Menschen von damals hinein zu denken“, so der Konzilsexperte. „Für sie war der Glaube eine bestimmende Kraft für das Leben, individuell wie auch politisch.“ Darum seien religiöse Auseinandersetzungen im spätmittelalterlichen Konstanz als Bedrohung des inneren Friedens der Stadt gesehen und von der Justiz drakonisch bestraft worden. Zum Schicksal von Jan Hus bezieht sich der Dekan dann aber noch auf eine 200 Jahre alte, prominente juristische Quelle. Danach beruhe das Urteil auch unter Berücksichtigung der damaligen Rechtsauffassung auf „einem Justizirrtum und einem Versagen verschiedener beteiligter Kräfte und einem – falschen – Kalkül des Königs“, der sich entgegen seiner früheren Einschätzung von einer Hinrichtung politische Vorteile versprach. „Falsch, wie die späteren jahrzehntelangen Hussitenkriege zeigten!“ 

Stephan Schmutz: „Jetzt bleibt noch eine letzte Frage: Seit 2014 feiern wir die Zeit des Konzils. Warum feiern wir überhaupt Jubiläen? – Die Antwort besteht in einer Gegenfrage des Kirchenhistorikers: „Warum feiern wir unseren Geburtstag? Weil wir die Zeit feiern, die wir gelebt haben, die ein Stück von mir, von uns allen hier im Saal ist. Ich habe nicht nur eine Geschichte, ich bin meine Geschichte!“

Giselher Sommer 

 

Von links: Moderator Stephan Schmutz, Talk-Organisatorin Marina Gernard, Talk-Gast Dekan Mathias Trennert-Helwig, Stiftsdirektor Herbert Schlecht

 

 


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