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50 Jahre KWA Kuratorium Wohnen im Alter
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Dialog im Stift mit Franz Müntefering

Heute Senioren-Lobbyist, ehemals SPD-Vorsitzender, Minister und Vizekanzler

Berlin, im März 2017. – „Pass auf, dass du nicht austrocknest“ – so mahnte der damalige SPD-Fraktionschef Herbert Wehner den Abgeordnetenneuling Franz Müntefering beim Einzug in den Bundestag. Die Worte wurden ihm in den fast 40 Jahren Politik eine Richtschnur. Im „Dialog im KWA Stift im Hohenzollernpark“ mit dem Journalisten Reinhard von Struve erinnert sich Müntefering an frühe politische Gehversuche und schildert seine heutige Arbeit als Senioren-Lobbyist. Mit Wehners Mahnung konnte der junge SPD-Abgeordnete zunächst nichts anfangen, denn er war doch voller Ideen zur Veränderung der Welt. Wie der 77-Jährige jetzt erzählt, merkte er viel später, dass die Gefahr des „Austrocknens" jedem Politiker droht, wenn der Idealismus des Anfangs schwindet, er sich nur noch als Teil eines übermächtigen Apparats erlebt und mehr verwaltet als gestaltet. 

„Es geht den Alten nur gut, wenn es allen gut geht"

Müntefering ist froh, dass er im Gegensatz zu vielen anderen älteren Männern den richtigen Zeitpunkt erwischte zum Ausstieg aus der Politik. Das bedeute aber keine Abkehr von der Verantwortung für die Gesellschaft. Jedes Engagement sei in einer demokratischen Gesellschaft wichtig und jeder könne überall anpacken beim Gestalten der Zukunft des Landes. Dabei seien Jung und Alt aufeinander angewiesen und könnten voneinander profitieren: „Es geht den Alten nur gut, wenn es allen gut geht.“

Der SPD-Politiker ist seit November 2015 Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO). Sie vertritt 13 Millionen Menschen und mehr als 110 Verbände, darunter auch KWA Kuratorium Wohnen im Alter. Die BAGSO macht es sich zur Aufgabe, auf allen gesellschaftlichen Ebenen die Interessen alter Menschen zu vertreten, Gesundheitsaufklärung zu betreiben, das Selbstbewusstsein der älteren Generation zu stärken und die Zusammenarbeit mit den anderen Teilen der Gesellschaft zu fördern. 

Einen Vizekanzler gibt es eigentlich gar nicht

Bei der Frage von Struves nach der Macht des Vizekanzlers verweist Müntefering auf das Grundgesetz. Das sehe einen Vizekanzler eigentlich gar nicht vor. Deshalb habe er sich auch in den Wochen, als er in der Großen Koalition Bundeskanzlerin Merkel vertrat, nicht als mächtiger empfunden als andere. 

Kritik an der angeblich seit vielen Jahren sinkenden Kultur politischer Debatten lässt Müntefering nicht gelten. Sie habe sich nur zum Teil verlagert, etwa in Talkshows. Außerdem dürfe man die heutige Zeit nicht mit den ersten Nachkriegsjahrzehnten vergleichen. Damals sei es um existenzielle Fragen wie Krieg und Frieden, Kommunismus oder soziale Marktwirtschaft und die neue Ostpolitik gegangen. Diese Fragen seien jetzt beantwortet. Aber neben den spannenden Rededuellen zwischen Wehner/Brandt/Schmidt einerseits und Adenauer/Strauß/Barzel andererseits fanden damals auch langweilige Debatten statt. Nur wurde das nach Münteferings Erinnerung anders wahrgenommen. Heute gebe es durch die vielen Medien Ablenkung aller Art, damals habe er als junger Kerl atemlos im Radio Bundestagsdebatten verfolgt, weil es nichts anderes gab. 

„Opposition ist Mist" – „SPD-Chef ist das schönste Amt neben Papst"

Ja, sagt Müntefering, als von Struve einige knallige Sätze zitiert, die zu seinem Markenzeichen wurden: Er habe immer lange nach dem passenden Wort gesucht und den ersten Entwurf einer Rede nie akzeptiert. Sprache mache ihm einfach Spaß, sagt Müntefering, und es gehe im öffentlichen Diskurs darum, Klartext zu sprechen. 

Rückschläge in der politischen Karriere gab es auch, etwa die zweimalige Aufgabe des Amtes des SPD-Vorsitzenden nach der verlorenen Bundestagswahl 2009 und nach dem Scheitern seines Personalvorschlags für den Partei-Generalsekretär 2005. Aber Müntefering beruft sich auf seine Lieblingsfigur Charlie Chaplin: Der fiel in seinen Filmen oft hin und scheiterte, aber er stand wieder auf, glaubte an sich und begann von vorn.

Die drei „L" beherzigen: Laufen, Lernen, Lachen

Der Begriff des Neuanfangs zieht sich wie ein roter Faden durch Münteferings Leben. Auch das Alter halte für jeden mehr bereit „als Kreuzworträtsel im Schaukelstuhl". Er ruft dazu auf, die „drei L" hoch zu halten: Laufen, Lernen, Lachen. Damit meint er tägliche körperliche Bewegung, was damit beginne, im Bahnhof die Stufen statt die Rolltreppe zu nehmen. Dann gehe es um Offenheit für Neues und schließlich um das Gemeinschaftserlebnis mit anderen. Er empfiehlt alle Arten von Sport. Münteferings Mantra: „Lieber mit komischen Menschen im Sportverein etwas tun, als einsam sein." Sein Ideal ist das Tanzen: Bewegung für Körper und Geist, Kontakt mit anderen, gemeinsame Lebensfreude. 

Vernachlässigte Regionen müssen wieder attraktiver für Frauen werden

Die aus dem Publikum geäußerte Sorge über eine Auszehrung ländlicher Gebiete in Deutschland ist Müntefering vertraut. Er sagt, Ähnliches lasse sich sogar in Teilen von Großstädten beobachten. Als Gegenmittel mahnt er Hilfe vor allem für akademisch gebildete Frauen an: Arbeitsplätze, Kitas, Ärztezentren, Freizeitangebote. Denn die Frauen machten oft den ersten Schritt zum Wegzug aus einer unattraktiven Gegend. Dann könne auch die jährliche Zahl der Geburten wieder steigen, die sich seit den 60er Jahren auf zuletzt etwas mehr als 700.000 halbierte. - Auch für diesen Blick in Richtung der nachfolgenden Generationen bekam Franz Müntefering großen Applaus.

 


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