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KWA Hanns-Seidel-Haus
Leben - so wie ich es will im KWA Hanns-Seidel-Haus

Ein Weltmeer dazwischen – und doch nur ein Wimpernschlag

Mehr als 6.000 Kilometer liegen zwischen München und Montreal – und auch zwischen Helga Tusche, die im KWA Hanns-Seidel-Haus lebt, und ihrem Jugendfreund. Und dennoch ist er heute ihr engster Vertrauter.

Ottobrunn, im November 2017 - Helga Tusche ist in Lettland geboren und zusammen mit drei jüngeren Schwestern behütet aufgewachsen: in Kurland, auf dem Gutshof der Eltern. Doch 1939 wurden sie umgesiedelt und so landeten sie im Bezirk Posen, in Gnesen. Dort hat sie den Jugendfreund kennengelernt, in einer „Schülerpension“ – einem Privatinternat. Sie war 15, er 16. Das war im Jahr 1940. Sie saßen am Tisch nebeneinander und fanden rasch Interesse aneinander. „Irgend so ein Gefühl war da. Aber ich konnte das damals nicht einordnen“, sagt die heute 92-Jährige. Als er 18 war, wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, für sie kamen nach dem Abitur Arbeits- und Kriegshilfsdienst.

Natürlich haben sie sich geschrieben und sie hat auch an Weihnachten ein Päckchen geschickt. Doch Anfang 1945 musste die Familie fliehen, nach Eiseskälte bei Tauwetter über die Oder. Das Eis trug gerade noch und sie schafften es dann auch nach Berlin. „Ich kannte die Stadt, erkannte aber nichts mehr. Einfach alles war zerstört.“ Und sie hatten nichts. So folgten sie und ihre um ein Jahr jüngere Schwester kurz vor Kriegsende einer Einladung, die aus Ottobrunn kam, vom Mann der Kusine. Er war Ingenieur in der Luftfahrtforschungsanstalt. Die jungen Frauen konnten dort arbeiten, hatten Essen und Unterkunft.

In Ottobrunn lernte Helga Tusche dann auch ihren Mann kennen. „Da wir mit Null angefangen haben und keine Berufe hatten, mussten wir uns erst einmal durchschlagen.“ Das hat sie zusammengeschweißt. Sie bekamen zwei Töchter, später dann auch Enkel und Urenkel. Dass der Jugendfreund auch geheiratet hatte, hat sie im Nachrichtenblatt „Baltische Briefe“ gelesen. So war erst einmal Funkstille, beide lebten ihr Leben. Helga Tusches Mann arbeitete bei einem Luft- und Raumfahrtunternehmen, sie selbst kümmerte sich um die Kinder und arbeitete im Rahmen der Möglichkeiten. Vor acht Jahren, nach dem Tod des Mannes, zog Helga Tusche ins KWA Hanns-Seidel-Haus.

Zu dieser Zeit hatte sie längst wieder Kontakt zum Jugendfreund. Er war nach Kanada gegangen und lebte dort mit Frau und sieben Kindern auf seiner Farm. Ein mit beiden befreundetes Ehepaar, das ebenfalls in Kanada lebte, lud Helga Tusche ein – und arrangierte ein Treffen bei der Familie. Diese begrüßte die Jugendfreundin herzlich. Fortan wurde telefoniert, die Frauen schrieben einander.

Nachdem die Frau des Jugendfreunds gestorben war, besuchten die Jugendfreunde einander mehrmals diesseits und jenseits des Ozeans. Gerne hätten die beiden den Rest ihres Lebens zusammen verbracht. Doch nach einem Schicksalsschlag wurde sie hier von ihrer Familie gebraucht. Dass er angesichts seiner großen Familie dieses wunderschöne Land Kanada verließ, wollte sie auch nicht.

Trotz der großen räumlichen Entfernung sind sich die beiden näher denn je: dank Internet-Telefonie und PC-Kamera. Sie „skypen“ täglich und sind so einander eng verbunden.

Sieglinde Hankele

Erschienen in: Alternovum 03/2017


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