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KWA Stift Rottal
Leben - so wie ich es will im KWA Stift Rottal

Das menschliche Gehirn – eine Entdeckungsreise durch unsere Schaltzentrale

Zum Vortrag des renommierten Müchner Neurologen und Psychiaters Professor Dr. Hans Förstl anlässlich der 50-Jahre-KWA-Feier im KWA Stift Rottal.

„Teilen wir eine Weltseele und ist unser Gehirn ein Empfänger? Oder wird unser Bewusstsein im eigenen Gehirn produziert?“ – Diese Frage hat Dr. Christoph Garner, Chefarzt der KWA Klinik für neurologische und geriatrische Rehabilitation in Bad Griesbach, seinem einstigen Studienkollegen Professor Dr. Hans Förstl vor dem Vortrag gestellt. Die Frage nach der Herkunft des Bewusstseins könne er – Förstl – zwar nicht beantworten. Einiges andere jedoch schon. Nach Förstls Ansicht dient das Gehirn seit Adam und Eva zwei Zwecken: Zum einen brauchen wir es, um den Weg durchs Leben zu finden; zum anderen dazu, uns diesen Weg zu erleichtern, indem wir uns mit anderen verständigen.

Im Internet finde man beeindruckende Zahlen zum menschlichen Gehirn – zur Anzahl der Nervenzellen und zur riesigen Oberfläche des Organs. Doch ihm sage das eigentlich recht wenig.
Auch wenn der Mensch am Tag angeblich 70.000 Gedanken habe: Das meiste rausche einfach durch. „Ich bin froh, wenn ich zwei, drei vernünftige Gedanken am Tag habe“, so Förstl. Erstaunlich ist für ihn, dass das Gehirn verhältnismäßig leicht ist, aber relativ viel Energie benötigt im Vergleich mit dem ökonomisch angelegten menschlichen Körper. Über 30 Prozent der Energie wird beim alten Menschen im Gehirn verbraucht.

Was im Gehirn abläuft? Bis zum 18. Jahrhundert habe man gedacht, dass im vorderen Bereich des Gehirns die Eindrücke ankommen und im hinteren Bereich erinnert wird. Eine hohe Stirn wurde mit Gescheitheit gleichgesetzt. Dazu zeigte der Referent ein Bild von Johann Wolfgang von Goethe, aber – als „Gegenbeweis“ – auch eines von der Zeichentrickfigur Homer Simpson.

Der Lösung des Rätsels, wie das Gehirn tatsächlich funktioniert, kam man durch einen Unfall näher: Ein amerikanischer Eisenbahnarbeiter, dem durch ein Missgeschick eine Eisenstange durch den vorderen Bereich des Gehirns schoss, überlebte die anschließende Operation zwar, er war jedoch in Folge eine völlig anderer Mensch: willenlos und haltlos; die Zukunft interessierte ihn nicht mehr, er wurde „unvorsichtig“. Im vorderen Teil des Gehirns wird laut Förstl vorausgedacht, der hintere hat tatsächlich mehr mit der Vergangenheit zu tun. Heute kann man jedem Bereich des Gehirns bestimmte Arbeitsschwerpunkte zuordnen. Wenn Nervenzellen – beispielsweise durch Krankheit – im
„sozialen Gehirn“ verlorengehen, nimmt das soziale Empfinden stark ab.

Ein gesundes Gehirn zeigt freilich erstaunliche Fähigkeiten: Schon Babys sind in der Lage, die Mimik
ihres Gegenübers zu imitieren: eine herausgestreckte Zunge, hochgezogene Augenbrauen, was auch immer. Dieses Resonanzphänomen ist auf sogenannte Spiegelneuronen zurückzuführen. Auch Erwachsene tragen sie natürlich noch in sich. Wenn sich unser Gegenüber den Arm reibt, sind wir geneigt, es nachzumachen. Doch die meisten Reaktionen unterdrücken wir aus Höflichkeit, entsprechend den anerzogenen Umgangsformen.

Was unser Gehirn wirklich auszeichnet, sei die Fähigkeit, sich vieles vorstellen zu können. Das helfe uns, Fehler zu vermeiden. Somit alles bestens? Und werden wir wirklich immer gescheiter – wie IQ-Tests es nahelegen? Professor Förstls Einschätzung: „Wir stehen an der Schwelle zu einer
Ära, in der Kopfarbeit nur noch wenig Wert besitzt.“ Wissen wird in technische Geräte und Clouds ausgelagert, kann von dort in Echtzeit abgerufen werden. Jeder kann sich ausmalen, wie das Gehirn sich entwickelt, wenn es nicht mehr trainiert wird. Auch fehlende körperliche Arbeit sieht der Nervenarzt kritisch: „Je verkopfter wir werden, desto mehr büßen wir Fähigkeiten ein, die wir brauchen, um ganz einfach zu überleben.“ – Vergleichsweise komplette Menschen seien noch die Landwirte oder die Handwerksmeister: Sie können Aufträge an Land ziehen, verantwortlich planen,
Theorie in die Praxis umsetzen, also körperlich zupacken und am Ende sogar davon leben.

Erschienen in alternovum. Das KWA Journal | 3/2016
Autorin: Sieglinde Hankele


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