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Talk in der Rosenau mit dem Fischer Hans Leib

Als letzter Konstanzer Berufsfischer teilt er sich die Fischrechte im Konstanzer Trichter mit einigen Sportfischern: dort wo sich der Obersee in den Seerhein verjüngt und die kleinen Fische noch eine bessere Nahrungssituation haben.

Konstanz, im Januar 2018. – Eine Stunde vor Sonnenaufgang darf er raus auf den See, der Fischer Hans Leib aus dem „Konschtanzer Paradies", so wollen es jedenfalls die Bestimmungen für den Fischfang auf dem Bodensee, wo es jetzt kalt und zugig ist. Wer ganz früh morgens in Richtung Konstanzer Stadtzentrum muss und über die Seerheinbrücke geht, kann ihn manchmal unten auf dem Wasser sehen, auf seinem grünen Boot mit dem charakteristischen kleinen Aufbau hinter dem Bug. Die Konstanzer wissen, wer so früh raus auf den weiten See muss, der friert jetzt nicht nur, der ist in dieser Zeit auf der weiten Wasserfläche auch sehr allein. Manchmal begleiten ihn zwei oder drei Graureiher. Ob sie wissen, dass er der letzte seiner Zunft in Konstanz ist, der Berufsfischer Hans?

Talk-Moderator Stephan Schmutz begrüßt seinen Gast auf der Talk-Bühne im KWA Parkstift Rosenau: „Gell Hans, mir kennet uns privat und beruflich scho' lang'. Viele Jahre habe' mir beide im Konschtanzer Paradies gelebt, du unten und ich oben, wo du deine vom Vater übernommene Fischerei mit Laden weiterführst und inzwischen auch Catering anbietest. - Für alle, die es noch net wisse: S' Paradies isch net überm Konschtanzer Himmel, sondern ein sehr schöner Konstanzer Stadtteil mit vielen alten, sehr gepflegten Bürgerhäusern mit reichverzierten Fassaden und noch mehr Lebensqualität. Und das alles zwischen der Schweizer Grenze und dem Seerhein." 

Vor 15 Jahren tauschte Hans Leib die Sicherheit eines Büroberufs gegen lange Arbeitstage auf dem Bodensee ein: aus Liebe zur Natur

Die erste Frage an den Gast gilt der Fischerei: Wann er zuletzt Fische aus dem Netz geholt habe. Hans Leib weiß es natürlich noch: "Das war am 23. Dezember. Da hab ich drei Felchen gefangen. Danach nichts mehr, die Schonzeit für Felchen im Obersee läuft ja noch bis zum 10. Januar." - Wie er überhaupt zur Fischerei gekommen ist? Hans Leib berichtet: Viele Jahre habe er als Banker gearbeitet. Dann, vor etwa 15 Jahren, habe er abgewogen, was ihm wichtiger ist: die Sicherheit des Büroberufes oder die Freiheit und Naturnähe auf dem See? Die Lust auf See sei mächtiger gewesen. In einem kleinen Video im Internet beantwortet er die gleiche Frage mit: „Was gibt es Schöneres als die Sonnenaufgänge hier über dem See!“ Manchmal sehe man auch die Kulisse der Alpen auf der Schweizer und der österreichischen Seite. So hat die Liebe zur Natur den Ausschlag gegeben, aus dem Hobby seinen neuen Beruf zu machen und die Fischerei von der Pieke auf zu erlernen; den 14- bis 16-Stundentag nimmt er in Kauf und hat seinen Wechsel bis heute nicht bereut. Fünfzehn Jahre ist er inzwischen auf dem Wasser.

Wie der Arbeitstag eines Bodensee-Fischers abläuft? - Im Juni klingelt etwa um halb vier der Wecker. Dann ein bis zwei Stunden Ausfahrt mit dem Boot und Einholen der Schweb- und Grundnetze – so der Gast –  Schwebnetze für die Felchen und Bodennetze im Flachwasser für die Krätzer. Je nachdem, wo die Netze ausgelegt werden, kann die An- und Rückfahrt im Boot bis zu zwei Stunden dauern. "Dann nix wie ab und nach Hause." Um sieben Uhr gibt es Frühstück daheim im Paradies. Die Verarbeitung des Fanges beanspruche die Zeit bis Mittag. Dann müssen die Netze für den Abend wieder hergerichtet werden. Am späteren Nachmittag wieder Ausfahrt bei Wind und Wetter zum Auslegen der Netze, möglichst noch vor Eintritt der Dunkelheit. Sehr zeitaufwendig seien auch die Dokumentationspflichten der noch etwa einhundert Berufsfischer rund um den See. „So kommt man leicht auf seine 14 bis 16 Arbeitsstunden."

Hans Leib berichtet: Der See sei heute ein wichtiger Wasser-Speicher für die ganze Region. Der Preis für dessen hohe Wasserqualität durch weniger Phosphat-Einträge aus den Kläranlagen und damit weniger Algen- und Planktonwachstum sei der Hunger der Fische. Die bescheidenen Fangquoten, insbesondere bei den drei Felchen-Arten, reichten heute nicht mehr aus, die Nachfrage nach Bodenseefischen voll abzudecken. Das Alleinstellungsmerkmal seiner Fischerei als „Lebensmittel verarbeitender Betrieb" sei aber „Frische und Qualität aus dem See". Seine Kunden, die zu ihm und seiner Frau in die Fischerei im Paradies kommen, wissen, dass Frische und Qualität bei ihm auch heute in guten Händen sind, da er bei Bedarf frische „Ware" nur bei handverlesenen Züchtern im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb zukauft.

Auch Meeresfrüchte und Seefische gehören zum Sortiment im Laden und im Catering. „Meine Frau und ich wir sind uns einig, mit unserer Qualität wollen wir uns bewusst vom Discounter und dem Lebensmittel Markt um die Ecke abheben. Bei uns gibt es keine Massenware! Und weil wir Mehrwert schaffen wollen, investieren wir.“  So verfügt seine Fischerei inzwischen über eine moderne Nass-Rauch-Anlage, mit der man besonders schonend und schadstoffarm Fische räuchern kann.

Die gute Wasserqualität, mehrere Kormorankolonien und riesige Stichlingschwärme führten zu einem kontinuierlichen Rückgang des Felchenbestands im Bodensee

Stephan Schmutz' nächster Punkt: „Kormorane haben seit längerer Zeit den Bodensee für sich als Lebensraum entdeckt und werden oft als fliegende Räuber gescholten. Zu Recht?“. – Das Publikum erfährt: Am See leben in mehreren Kolonien inzwischen etwa 1000 Kormorane. Jeder Vogel verzehre pro Tag zwischen 300 und 500 Gramm Fisch, das entspricht am Tag einer halben Tonne. Die Berufsfischer entnehmen über das Jahr dem See mit Ihren Netzen insgesamt etwa 500 Tonnen Fische, mit fallender Tendenz. Da seien sie schon Konkurrenten. Kormorane seien schlau, erkennen ausgelegte Netze, können bis zu 40 Meter in die Tiefe tauchen und machen sich gern auch an den Netzen der Fischer zu schaffen. Auf die behutsame Bejagung reagieren die Vögel insbesondere am flacheren Untersee sehr flexibel und immer wieder mit Kolonien-Neugründungen, sodass der Kormoranbestand in etwa stabil bleibe.

Der Moderator weißt auf einen weiteren Nahrungskonkurrenten im See hin: die Stichlinge. – Dazu der Talk-Gast: Diese wenigen Zentimeter großen, eigentlich sehr interessanten Fische seien schon sehr lange Seebewohner, haben sich inzwischen - aus Gründen, die bisher niemand kennt - zu riesigen Schwärmen entwickelt. „Und kein Raubfisch, kein Wasservogel vergreift sich gern an den stacheligen kleinen Futterkonkurrenten!“

Stephan Schmutz: „Seit fünfzig Jahren werden jährlich 600 bis 700 Millionen kleine Felchen zur Erhaltung des Bestandes im Bodensee ausgesetzt. Dazu kommen noch Milliarden aus natürlicher Brut. Rettet das den Bestand der Felchen im See auf lange Sicht?" - Insgesamt gingen den Fischern früher bis zu einer Million Felchen in die Netze. In Zeiten von Futterknappheit konnte man – je nach Beginn des Planktonwachstums im See – den Bruterfolg durch Fütterung und späteres Einsetzen der Jungfische in den See steuern. Mit noch 500 Tonnen Fang insgesamt im Jahr bleibt die Berufsfischerei mit ihren etwa 100 Fischern rund um den Obersee inzwischen weit hinter den Mengen früherer Jahrzehnte zurück. Auch wenn man nicht grundsätzlich gegen Aqua-Fischkulturen sei: Die gut gemeinte Idee der Landesregierung, die Aufzucht von Zucht-Felchen im See in Netzgehegen für bis zu 500 Tonnen zu unterstützen, sei aus Sicht der Fischer aufgrund der nicht zu überblickenden Risiken keine Lösung für den Bodensee und seine Fischer. 

Der Moderator bedankt sich beim Gast, der vielen Konstanzern nicht nur als Fischer, sondern von der Konstanzer Bühnenfasnacht als Büttenredner bekannt ist. Mit einem Augenzwinkern stellt Stephan Schmutz deshalb zum Abschluss die Frage: "Was ist schlimmer: ein leeres Netz aus dem See zu ziehen oder mit einer nicht zündenden Pointe einer Büttenrede auf einer Fasnachtsbühne zu stehen?“ Da muss Hans Leib nicht lange nachdenken: „Das leere Netz. Die Pointe kann man immer noch nachjustieren!“ 

Giselher Sommer


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