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Talk in der Rosenau: Schloss Gyrsberg oder Girsberg?

Stephan Schmutz im Gespräch mit dem Schlossherrn Kurt Schmid-Andrist.

Konstanz, 6. April 2017. – Feinschmecker „kultureller Köstlichkeiten" hier am See kennen dieses äußerlich eher schlichte Schlössle auf dem Seerücken über Kreuzlingen schon lange. Der Blick von dort auf den Bodensee und die Insel Reichenau soll einzigartig sein. Urkundlich bestätigt wird die Existenz von Schloss Girsberg zum ersten Mal um 1473 – so steht es im Internet. Und Internet und Schlossherr berichten übereinstimmend, dass die Entscheidung zu seinem Bau oder einem Vorläufer auf die „Gyren“ zurückgehen soll, Zuwanderern aus der Gegend um Stein am Rhein, die sich mit einem Familienzweig hier auf dem Seerücken - Konstanz gegenüber - niedergelassen haben. „Und irgendwann in der Geschichte muss das Ypsilon im Namen wohl einem i Platz gemacht haben. Ich bin jedenfalls nicht dabei gewesen", so der heutige Schlossherr Kurt Schmid-Andrist.

Stephan Schmutz, der Radio-Profi, hat mit Schmid-Andrist an diesem Talk-Abend einen Gesprächspartner, der ihm in Sachen Humor nichts schuldig bleiben wird. Der Moderator schießt seine erste Frage ab: „Sie haben sich vor vielen Jahren entschieden, von Zürich nach Kreuzlingen zu ziehen und wohnen jetzt auf einem Schloss. Geht es Ihnen dort a bissele wie Graf Björn Bernadotte von der Mainau, der kürzlich mit sorgenvollem Blick auf das betagte Dach seines Inselschlosses klagte: ‚Wen der Liebe Gott recht strafen will, dem schenkt er halt ein Schloss'?" – Der Gast pariert: „Uns hat der Liebe Gott kein Schloss geschenkt. Wir mussten uns erst eines kaufen, das wir anfangs gar net wollten. Früher waren wir gut situiert und jetzt haben wir ein Schloss!“ – Damit hat der Talkgast auch schon die ersten Lacher im Saal auf seiner Seite.

Der Moderator fährt fort: „Sie haben das nach dem zweiten Weltkrieg teilrenovierte Schloss dann weiter renoviert und ausgebaut und Sie hatten tolle Ideen für Ihr Haus." – „Ja", bestätigt der Schlossherr, "und beim Renovieren haben wir im Gewölbekeller des Pächterhauses sogar einen Keuschheitsgürtel gefunden. Aus Metall. Der muss beim Tragen ordentlich gescheppert haben. Und fragen Sie mich bitte nicht, was die Handwerker auf unserer Baustelle dazu gesagt haben!“

Sommerfestspiele und Puppenmuseum in der Kulturscheune des Schlosses

Vor etwa zwanzig Jahren ist eines der Nebengebäude zu einer Kulturscheune umgebaut worden, mit Räumen, in denen nun Sommerfestspiele veranstaltet werden. Dies geschehe mit dem Anspruch, Kultur nicht nur für Menschen mit viel Geld, sondern auch für Familien mit Kindern erleb- und bezahlbar zu machen. Sommerfestspiele mit Konzerten, Theater, Ausstellungen und Lesungen für alle!

„Sie haben aber noch weitere Schmankerl auf Ihrem Schloss Girsberg", merkt der Moderator an. – Und der Talkgast bestätigt das: Ja, da befinde sich auch das größte und älteste Puppenmuseum der Schweiz, mit Puppen, die noch nichts mit Plastik als Werkstoff ‚am Hut' haben und aus mehreren Jahrhunderten stammen. Etwa fünfhundert Exponate präsentiert das Museum, darunter - aus dem 19. Jahrhundert - auch eine Sammlung alter mechanischer Spieluhren und anderer beweglicher Automaten. Auch das Museum ist in der Kulturscheune untergebracht.

Der bis dato bekannteste Bewohner von Schloss Girsberg: Graf von Zeppelin

Zudem ist in der Kulturscheune das Arbeitszimmer des großen Grafen Ferdinand von Zeppelin ausgestellt, mit dem Original seines wuchtigen, alten Schreibtisches, an dem er über Plänen und technischen Zeichnungen zu seinen Visionen zu brüten pflegte, zunächst die „Ballons Dirigeables“ und später seine lenkbaren Luftschiffe; ebenfalls im Zimmer: die alten, nicht sehr attraktiven, schwarzen Möbel aus Zeppelins früherem Girsberger Arbeitszimmer, an denen sich nach dem Krieg nicht einmal die einquartierten Militärs vergriffen haben. Und schließlich wird dort auch die weiße Schirmmütze aufbewahrt - das Markenzeichen, mit dem sich der Graf später als berühmter und hoch dekorierter Luftschiff-Konstrukteur der Öffentlichkeit präsentierte.

Kurt Schmid-Andrist kommt dann auf das bewegte Leben dieses bedeutendsten Bewohners des Girsbergs zu sprechen. Ein Visionär der Luftfahrt sei er gewesen und ein tollkühner Teufelskerl. Berühmt wurde er mit seinem Beobachtungs-Ritt hinter die feindlichen Linien im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und als Abenteurer, der sich nach seiner Teilnahme amerikanischen Sezessionskrieg mit seinen Kameraden bis zu den Quellen des Mississippis vorwagen wollte; und aus allem, was er in seinem bewegten Leben anpackte, nahm er immer Impulse und Anregungen für seine große Vision, die Luftschiff-Fahrt, mit. Nach seinem Ausscheiden aus dem württembergischen Militärdienst im Rang eines Generalleutnants verbrachte der Graf viel Zeit auf seinem Schloss Girsberg.

Stephan Schmutz zeigt sich beeindruckt: „Ihr Schloss ist ein echtes ‚Schatzkäschtle‘ voller Lebendigkeit geworden. War das über die Jahrhunderte hinweg immer so?“ - Dazu Schmid-Andrist: Das Schloss habe eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Insbesondere im 16. Jahrhundert, als kaiserliche, königliche und klösterliche Eigentümer sich die Klinke auf dem Girsberg in die Hand gaben. Im 18. Jahrhundert wurde das Schloss abgerissen und nach der neuesten Mode wiederaufgebaut. Erst sehr viel später, über die prominente und einflussreiche Konstanzer Bankier- und Industriellen-Familie Macaire, in die der Vater des späteren Luftschiff-Konstrukteurs einheiratete, kam das Schlössle in ruhigeres Fahrwasser: als Sommersitz der gräflichen Familie von Zeppelin.

Seine dunkelsten Stunden erlebte das Schloss nach Ende des zweiten Weltkrieges, weil es als deutscher Auslandbesitz von den alliierten Truppen enteignet und „liquidiert" werden sollte. Aber die Alliierten hatten die Rechnung ohne die Baronin gemacht, die Enkelin des großen Grafen von Zeppelin. Mutig stemmte sie sich gegen die Pläne der Alliierten, unterstützt von guten Freunden in der Schweiz. Sie konnte beweisen, dass die Familie Brandenstein-Zeppelin Adolf Hitler nie aktiv unterstützt hatte - und so konnte sie das völlig heruntergekommene Anwesen zurückkaufen und mit finanzieller Hilfe der eigenen Familie wieder bewohnbar machen.

Kurt und Jolanda Schmid-Andrist übernahmen das Schloss von Graf Zeppelins Enkelin

Die Baronin - "Tante Alexa" - sei eine richtige Power-Frau gewesen, durchsetzungsstark, aber auch unglaublich liebenswert und den Menschen um sie herum zugewandt. „1981 haben wir von Tante Alexa, Freifrau Wartenhausen-Sommershausen, das Schloss übernommen – und wissen bis heute nicht so recht, ob wir wollten oder mussten. Tante Alexa hatte ein lebenslanges Wohnrecht, blieb bei uns und wurde ein Teil unserer Familie, bis sie im Jahr 1997 starb. Wir vermissen sie noch immer.“

Um Persönlichkeiten der Zeitgeschichte wie den großen Grafen Ferdinand von Zeppelin ranken sich naturgemäß irgendwann auch Legenden. Vom Grafen, der den größten Teil seiner Kindheit auf dem Schloss verbracht habe, werde erzählt, dass er seine erste Experimente zum Thema Thema Fliegen mit Ballons auf dem elterlichen Anwesen gemacht habe. Aber so ganz genau wisse das niemand. Und da gebe es noch so eine Anekdote: Der Graf habe den Durchbruch seiner Ideen mit lenkbaren Luftschiffen und ihre Verwendung im zivilen Luftverkehr und ihren Einsatz im ersten Weltkrieg erlebt.

„Aber auch großen Männern kann das Maß der Dinge mal aus dem Blick geraten“; so soll Graf von Zeppelin angeregt haben, im ersten Weltkrieg London von Luftschiffen aus zu bombardieren, um den Krieg schnell zu beenden. Belegt sei das aber nicht und es sei ja, gottlob, auch nie wahr geworden. Das Ende der Zeppeline nach der Tragödie von Lakehurst im Jahr 1937, vermutlich aufgrund einer elektrostatischen Entladung, musste er nicht mehr erleben. Er verstarb hoch geehrt und mit Orden überhäuft im Jahr 1917 in Berlin und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Stuttgarter Pragfriedhof. Da hakt Stephan Schmutz ein: „Haben Sie eigentlich zur  jüngeren Generation der Familie von Zeppelin noch gute Kontakte?“ – „Ja sogar sehr gute!“, verrät Schmid-Andrist.

Moderne Bauten in der Nähe der Schlossanlage? - Der Schlossherr möchte das verhindern.

„Wir haben jetzt viel von der gräflichen Familie von Zeppelin gehört und ihrem unglaublichen Durchhaltewillen, wie auch bei der Baronin. Wird derzeit nicht auch das Durchhaltevermögen von Ihnen und Ihrer Frau auf eine harte Probe gestellt?“, möchte der Moderator wissen. – Kurt Schmid-Andrist weiß, worauf Stephan Schmutz anspielt und führt aus: „Wir stehen im Clinch mit der Stadt Kreuzlingen und unserem Nachbarn, bei denen es Pläne gibt, zwischen Girsberg und Brunnegg 13 Meter hohe Wohnsilos zu errichten. Das würde die Schönheit der über Jahrhunderte gewachsenen Landschaft völlig zerstören. Jetzt stehen wir kurz vor einer Entscheidung. Sie wissen, das Wort der Bürger in der Schweiz kann Berge versetzen!“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Doch der Talk mit dem Schlossherrn hatte humorvoll begonnen und so endete er dann auch, nämlich mit einem Geplänkel von Stephan Schmutz und Kurt Schmid-Andrist. Stephan Schmutz: „Meine letzte Frage: Habe ich Sie kürzlich mit einem rechts gesteuerten Rolls-Royce auf der Insel Mainau gesehen?“ – Kurt Schmid-Andrist: „Herr Schmutz, jetzt mache ich mir ernsthaft Sorgen. Das ist doch ein Bentley gewesen!“

Giselher Sommer

 

Impressionen vom Talk mit Kurt Schmid-Andrist - mit Bildern von Beate Steg-Bayer.  

 

 

 


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