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28. Talk im KWA Parkstift Rosenau in Konstanz

Monique Würtz im Gespräch mit Andreas Netzle, Stadtammann in Kreuzlingen, Kanton Thurgau

Konstanz, 15. April 2015. - Groß ist er und schlank, ja, er macht schon was her, der Herr Netzle, und mit federnden Sprüngen nimmt er die paar Stufen zur Bühne im Festsaal der Konstanzer Rosenau. Sportlich – sportlich, der Herr aus der Schweiz! Später verrät er, dass er in seiner Jugend  und im Studium leidenschaftlicher Ruderer im Vierer war „und da braucht man gute Kameraden".

„Stadtmanager hat ihn erst kürzlich der Konstanzer Südkurier genannt. Für die Kreuzlinger ist er ihr Stadtammann. Und für Monique, die Publizistin, ist er auch noch „ihr journalistischer Kollege". Und was ist er denn nun - eins oder alle drei?
„Grüeziiiii, Herr Netzle!", begrüßt Monique ihren 28. Talk-Gast. Wenn sie „Schwizer Dütsch" spreche, so sei das gar nicht „aufgepappt", sondern sie habe es schon als Kind drüben bei ihren Verwandten im Thurgau gelernt. Dass sie wie die Konstanzer und wie die Thurgauer sprechen könne, da sei sie sogar ein bisschen stolz drauf.
Monique: „Herr Netzle, ich glaube, wir müssen für unsere Gäste einiges ein bisschen ordnen. Was ist ein Schweizer Stadtammann?" – Das sei eine ältere Schweizer Bezeichnung für den Bürgermeister einer Gemeinde, und habe nichts mit einem Amtmann zu tun. „Er schreibt sich mit zwei m und mit zwei n.“ - Und ab dem 1. Juni dieses Jahres sei er Kreuzlinger Stadtpräsident.

Aus der Chefredaktion ins Kreuzlinger Rathaus
„Was führt einen parteilosen, gelernten Medienprofi, mehrfachen Chefredakteur verschiedener Schweizer Zeitungen in die Kommunalpolitik, wo er dann gleich Bürgermeister wird? Erzählen Sie uns davon."

Nach 22 Jahren journalistischer Tätigkeit – in den letzten Jahren als Chefredakteur bei mehreren Schweizer Zeitungen – habe er den Wechsel gesucht, berichtet Netzle. Aber das Schreiben sei für ihn – auch über den Wechsel hinaus – Passion geblieben. Den Beruf habe er noch zu „Bleisatzzeiten, mit Redaktionsschluss morgens um drei von „der Pieke“ auf gelernt. In der Schule waren Aufsätze seine leidenschaftlichste Beschäftigung, hieraus habe sich seine Neigung zum Journalismus entwickelt. Das praktische Lernen des Zeitungsmachens habe er durch ein Studium der Germanistik, der Philosophie und Publizistik in Zürich abgerundet.

Monique möchte von ihm wissen, ob er das Fach Publizistik heute als unbedingte Voraussetzung für eine erfolgreiche Journalistenkarriere ansehe. – Netzles Antwort: Nicht Publizistik sei der Schlüssel zum Erfolg. Ein Journalist recherchiere und schreibe für andere, "den guten Journalisten machten analytische Fähigkeiten, eine schnelle Auffassungsgabe aus, dazu komme Fachwissen, Neugier, der Spürsinn für die wichtige Aspekte eines Themas, Intuition, Leidenschaft und eine ganze Portion Ehrgeiz, gepaart mit dem unbedingten Willen, an einer Sache dranzubleiben".

Die ersten journalistischen Sporen hat er sich bei den Schaffhauser Nachrichten verdient. Später hat er für verschiedene Schweizer Blätter aus dem Bundeshaus in Bern berichtet. Vom Chef-Sessel der Thurgauer Zeitung sei er dann in die Kreuzlinger Kommunalpolitik gewechselt. – Im Übrigen sei für ihn „Schreiben kein Job, es ist eine Bestimmung."

Kreuzlinger Befindlichkeiten
„Sie können uns heute", so Monique, „sicher einiges über Kreuzlingen, seine exponierte Lage so hautnah neben Konstanz und die Befindlichkeiten seiner Einwohner erzählen." Nicht zuletzt durch die massiven Wechselkursverschiebungen zwischen Schweizer Franken und Euro wird insbesondere an den Wochenenden in den Konstanzer Geschäften, der Gastronomie und an den Kinokassen immer mehr Schwizer Dütsch gesprochen; Kreuzlingens Einzelhandel geht dadurch sehr viel Umsatz verloren; während es in Kreuzlingens Innenstadt still werde, stöhne man in Konstanz über überfüllte Parkplätze, das Gedränge auf Straßen und Plätzen im Zentrum, beim Warten an den Ladenkassen nerven die grünen Zettel.

Wie Kreuzlingen damit fertig werde, möchte Monique wissen. Mit diesen Problemen müssen auch andere Grenzstädte fertig werden, entgegnet Netzle. Konstanz habe auch noch „das Eisen" seiner attraktiven Altstadt, seine Geschichte als Konzilsstadt und die gerade laufenden Konzils-Feierlichkeiten als Touristen-Magnete „im Feuer“. Kreuzlingen müsse dem ein modernes Stadtbild entgegensetzen, und die Kreativität der Kreuzlinger Wirtschaft sei hier gefordert. Es gebe aber auch noch „andere Dynamiken“, die Kreuzlingen entgegenkommen, so der Gast. So sei seit den 80er Jahren der Anteil der deutschen Neubürger in Kreuzlingen auf etwa 25 Prozent angestiegen und habe der Stadt einen beachtlichen Bauboom beschert. Und es sei sehr erfreulich, wie positiv sich die deutschen Neubürger in das Gesellschaftsleben der Stadt integriert hätten.

Schweizer Pragmatismus?
„Haben Sie denn ein richtiges Stadtmarketing?“, möchte Monique wissen. – Aus dem verbindlichen Schweizer Stadtammann wird plötzlich der ernste „Stadtmanager“ und er zählt auf: In den vier Ländern am See habe sich längst ein gemeinsames Regionenbewußtsein herausgebildet. Er erinnert an das im Jahr 2011 erfolgreich initiierte Agglomerationsprogramm, in dem neben Kreuzlingen und Konstanz weitere 11 deutsche und Schweizer Gemeinden mitwirken, um gemeinsame Verkehrs- und Infrastrukturprobleme grenzüberschreitend zu „stemmen“. Das Programm umfasse circa 100 Einzelmaßnahmen, die bis 2018 umgesetzt werden sollen.

Eine Hürde seien die unterschiedlichen Genehmigungsverfahren und Dienstwege in der Schweiz und in Deutschland, um zugesagte Fördermittel abzurufen, aber ein ganz großes Plus sei die konstruktive und partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Entscheidern in den deutschen und Schweizer Rathäusern und Behörden und bei den dort handelnden Personen.

Ein Gast, der zu mehr Gelassenheit rät…
Monique möchte wissen, was denn noch geschehen könnte, um auch die Menschen in Konstanz und im benachbarten Thurgau, in Kreuzlingen in der ganzen Region noch enger zusammenzuführen. Der Gast rät hier zu viel mehr Gelassenheit. Er wisse, die Deutschen schauten gern auch zu ihren Nachbarn herüber, interessierten sich sehr, was dort geschehe. Die Menschen in der Schweiz seien pragmatischer. Sie interessierten sich für das, was in ihrem eigenen kleinen Lande geschehe, das andere werde weitgehend ausgeblendet, interessiere nur am Rand. Im Übrigen wüssten die Schweizer sehr wohl zu schätzen, was sie an ihren guten Nachbarn in Deutschland haben, denn auch das sei „ein Stückchen Schweizer Pragmatismus“.

Das gelte auch für journalistisches Arbeiten in der Schweiz. Journalisten „schreiben für andere“. Was nicht interessiert, habe keine Chance in eine Schweizer Zeitung. So werde auch kaum über die Politik in Konstanz berichtet.
Politik – so der Gast – kann nur Weichen stellen, Menschen aber nicht zusammenzwingen. Kultur, Sport und das Vereinsleben in den benachbarten beiden Städten können das viel besser! So beteilige sich Kreuzlingen über die Grenze hinweg aktiv an den Festlichkeiten zum Konzilsjubiläum, an der Fasnet, an Sportveranstaltungen (Segelregatten).

Er erinnert an die gemeinsame Museumsnacht in beiden Städten oder die große – alle zwei Jahre stattfindende Publikumsmesse – GEWA, die sich zu einem echten Publikumsrenner entwickelt habe und vergessen lasse, dass die Messe genau auf einer EU-Außengrenze stattfinde, die in diesen Tagen kein Mensch vermisst. „Es ist die Leistungsschau unserer Vier-Länder-Region, die sich in diesen Tagen in einer Großstadt mit mehr als einhunderttausend Einwohnern präsentiert!“


Giselher Sommer


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