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Talk in der Rosenau: Monique Würtz im Gespräch mit Dominik Gügel

Der Direktor des Napoleon-Museums Arenenberg spricht über die Verbindungen der Bonapartes mit der Bodenseeregion

Konstanz, 10. Dezember 2014: „Herr Gügel“, möchte Monique wissen, „hier bei uns am See kennt jeder Schloss Arenenberg mit seinem weitläufigen, liebevoll restaurierten Park, dem traumhaften Blick hinüber zur Reichenau und auch fast jedes Kind weiß, dass das kleine Schloss in irgendeiner engen Verbindung mit dem Namen Napoleon stehen muss. Könnte in diesem Schlösschen auch ein bisschen Weltgeschichte geschrieben worden sein?“ –  „ Na ja“, so der Gast, „zumindest zwanzig Jahre lang haben die Mächtigen Europas mit Argusaugen auf den Arenenberg geschaut oder durch Spione und Zuträger schauen lassen; sogar einen gescheiterte Mordversuch hat es auf seine zwei berühmtesten Bewohner gegeben.“

Nachdem Kaiser Napoleon I. im Jahr 1815 nach St. Helena ins Exil gegangen sei, habe seine Stieftochter und Schwägerin Hortense de Beauharnais 1817 das Schweizer Schloss am Untersee erworben. Sie ist zusammen mit ihrem kleinen Sohn Louis Napoléon dort eingezogen. Nach einer schwierigen Ehe hatte sie sich von ihrem Mann Louis getrennt – einem Bruder Napoleons I. und König von Holland.

Napoleons Schwägerin Hortense de Beauhernais hielt Hof am Schloss Arenenberg

Hortense und Sohn Louis Napoléon hätten aus ihrem Arenenberger Exil aber das Beste gemacht, das Schloss sei ausgebaut worden und habe sich nach und nach zu einem der bedeutendsten gesellschaftlichen Treffpunkte in der Region entwickelt. Hortense de Beauharnais sei – wie man heute sagen würde – schnell  „intelligent vernetzt“ gewesen durch ihren umfangreichen Briefwechsel und die vielen prominente Gäste, die in Arenenberg ein und aus gegangen seien, darunter Repräsentanten der europäischen Herrscherhäuser, Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst und Kultur sowie der Finanzwelt. Sie sei eine begabte und scharfsinnige Beobachterin der europäischen Politik gewesen, sie habe keine Macht, aber weiterhin Einfluss gehabt und habe – vielleicht nicht zuletzt deshalb – ständig auf der Hut vor Spionen sein müssen.

Der kleine Louis sei ein pfiffiger, unbeschwerter Lausbub gewesen, der im Handumdrehen den Dialekt der Spielkameraden aufschnappt habe, mit denen er an der Konstanzer Schmugglerbucht und im nahen Lorettowald herumtobte. Er sei leutselig und mitfühlend gewesen; so sei es vorgekommen, dass er abends heim kam und Teile seiner Kleider nicht mehr „am Leibe hatte“, weil er sie ärmeren unter seinen Freunden geschenkt hatte. Ein Wesenszug, der ihn durch sein ganzes Leben begleiten sollte und der ihm auch als „jungem Militär“ in der Region viele Sympathien eingebracht habe. Er blieb auch als junger Mann ein fröhlicher Mensch, war ein fleißiger, guter Schüler, der später unter anderem mehrere Fremdsprachen beherrschte. Er war technikbegeistert und schrieb als junger Artillerie-Offizier, der seine Ausbildung im Konstanzer Regiment und der Schweizer Offizierschule absolviert hatte, auch ein vielbeachtetes Handbuch über modernes Artilleriewesen, das er in deutscher und französischer Sprache veröffentlichte.

Ihr Sohn Louis Napoléon schrieb Bücher über das Militärwesen

Nicht nur in Konstanz habe er sich bei den Mädchen als großer Charmeur einen Namen gemacht und sich „jede Menge Backpfeifen“ eingehandelt, wenn er mal wieder durch Konstanzer Läden zog und jungen Mädchen „frech“ unter die Röcke schaute. Noch heute wollen Gerüchte nicht verstummen, wonach es durchaus „illegitime und verschwiegene“ Beziehungen zwischen ehrbaren Konstanzer und Thurgauer Familien und dem Bonaparte-Clan gegeben haben soll.

Dass die Konstanzer und die Reichenauer zu ihren Nachbarn auf dem Arenenberg ein besonderes, großherziges Verhältnis hatten und vielleicht noch heute haben, verdeutlicht der Direktor des Napoleon-Museums mit folgender Anekdote:

Dass ein „Technik-Freak“ wie „ihr“ sympathischer Artillerie-Offizier Louis – wenn er schon Bücher über das Artilleriewesen schreibt – seine Theorien auch mal in der Praxis erproben wollte, dafür hatten vermutlich auch die Menschen in Konstanz Verständnis. So habe er flugs drei Kanonen bei einer Konstanzer Glocken- und Kanonengießerei bauen lassen. Und wie das manchmal mit einer neuen Technik so ist: Bei der einen Kanone sei es schon vor dem ersten Schuss zu einer Explosion gekommen – vor der Stadt, ungefähr bei der heutigen Lutherkirche an der Schützenstrasse – und die Trümmer seien bis auf die Marktstätte geflogen. Die Konstanzer Polizisten seien erst sehr erbost, dann aber nicht nachtragend gewesen. Schon nach drei Monaten habe sich „ihr Louis“ wieder in die Stadt getraut. Mit Probeschüssen aus seiner zweiten Kanone habe er die  Reichenauer zwar kurz in Angst und Schrecken versetzt; aber gerade bei ihnen müsste er vor allem als richtiges „Cleverle“ in Erinnerung geblieben sein, erzählt der Historiker weiter, denn der junge „Technikfreak“ vom Schloss sei es gewesen, der die Initialzündung zum Bau des mit Pappeln aus Arenenberg gesäumten Dammes zwischen Insel und Festland gegeben habe!

Louis wurde nach einem Staatsstreich 1852 Kaiser der Franzosen: Napoleon III.

Hortense de Beauharnais blieb Eigentümerin ihres geliebten Schlosses bis zu ihrem Tod im Jahre 1837. Sie fand ihre letzte Ruhestätte in der Kirche von Rueil-Malmaison bei Paris, an der Seite ihrer Mutter Josephine, der ersten Frau Napoleons I.. Ihrem Sohn Louis gelang tatsächlich das „Kunststück“, sich nach mehreren tollkühnen Putschversuchen, einem längeren Gefängnisaufenthalt, einer Flucht ins Ausland und einem schließlich erfolgreichen Staatsstreich als Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen ausrufen zu lassen: am 2. Dezember 1852. 

Louis Napoléon hat es in seinem späteren Leben nur noch einmal geschafft, Konstanz und Schloss Arenenberg einen kurzen Besuch abzustatten: Am 4. August 1865. Es wurden denkwürdige Tage für „sein“ Schloss, „sein“ Konstanz und „seine“ Thurgauer. Alle seine Freunde wollte er wiedersehen, sogar ihren Dialekt habe er sich bewahrt. Und  für die, die nicht selbst kommen konnten, habe er großzügige Geschenke mitgebracht.

Der "Sozialist auf dem Kaiserthron" sanierte Paris und ließ Parkanlagen bauen

Arenenberg und die Weltgeschichte? Sicher scheint nur, dass die Zeit auf Schloss Arenenberg und das Leben am See Louis Napoléon nachhaltig geprägt haben. So habe er als Kaiser im Bois de Boulogne bei Paris eine Miniatur des Bodensees anlegen lassen, sogar mit dem Spaten habe er selbst Hand angelegt. Wie allen Bonapartes habe auch ihm die Liebe zur Natur und zur Gartenarbeit im Blut gelegen. Frankreich verdanke – so Gast Dominik Gügel – diesem Kaiser viele seiner Parks, die großzügige Sanierung der Stadt Paris sowie viele soziale Einrichtungen. Und er habe dem technischen Fortschritt Brücken ins Land gebaut. Wie nannte ihn der Talk-Gast aus Arenenberg? Einen "Sozialisten auf dem Kaiserthron“, der aber letztlich doch zu einer tragischen Figur der Geschichte geworden sei; den Krieg von 1870 gegen Preußen habe er nicht gewollt, ihn aber auch nicht verhindern können. Verloren habe ihn aber nicht der Kaiser, sondern die auf ihn folgende dritte Republik. Napoleon III. starb im englischen Exil, wo er seine letzte Ruhestätte in der St. Michaels Abbey in Farnborough (Hampshire) gefunden hat.

Einer Überlieferung zufolge soll "Louis Napoleon in seinen letzten Stunden neben dem Abschiedsbrief seiner Mutter noch einen Pass bei sich getragen haben, der ihn als Schweizer Bürger ausgewiesen habe.“ So stellt sich wieder die Frage: Weltgeschichte? Oder ganz einfach Liebe nach dorthin, wo er wirklich daheim gewesen ist?

Heute ist das Schloss Arenenberg mit seiner wissenschaftlichen Bibliothek eine bedeutende Forschungseinrichtung

Monique: „Gestatten Sie mir bitte eine allerletzte Frage: Sie sind einer der bedeutendsten Napoleon-Experten in Deutschland. Was hat den Konstanzer Bub Dominik Gügel schließlich auf den Arenenberg geführt?“ –  „Ein ganzes Paket von Ereignissen, die zusammengewirkt haben!“ Nach dem Abitur die Ausbildung zum Bundeswehr-Offizier, der er sich als Dozent für Militärgeschichte der Region sehr verbunden fühle, dann das Studium der Geschichte und der politischen Wissenschaften in Konstanz und oben drauf habe er noch ein Zusatzstudium in Kunstgeschichte „gesattelt“ und eine „große Portion Glück“ gehabt. Denn Schloss Arenenberg sei mehr als ein Ort der Erinnerung, eine bedeutende historische Forschungseinrichtung mit einer großen wissenschaftlichen Bibliothek und einer umfangreichen Sammlung von Briefen aus der Zeit der Bonapartes. Er nennt als Beispiel der Fragestellungen, denen man auch auf dem Arenenberg nachgeht, dass die Forschung im Begriff sei, ihr Bild von der Persönlichkeit Napoleons III. und seiner Mutter Hortense neu zu schreiben. Das Schloss sei – neben seiner Funktion als Museum – inzwischen eine wichtige Anlaufstelle für Wissenschaftler aus vielen Ländern geworden.

Und dann deutet Dominik Gügel noch etwas an: Im Juni 2015 werde eine große Ausstellung auf dem Arenenberg eröffnet! Mehr wollte der „Schlossherr aus Konstanz“ seinen Gästen in der Rosenau aber noch nicht verraten ...

Giselher Sommer

 

 

 


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