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Talk in der Rosenau mit Dr. Rüdiger Schulz vom Institut für Demoskopie in Allensbach

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler beantwortete Fragen von Stephan Schmutz.

Konstanz, 16. März 2017. – „Angst essen Seele auf!“ Sie erinnern sich? An Rainer Werner Faßbinders Film aus den siebziger Jahren mit Brigitte Mira in der Hauptrolle? Der Film ist Geschichte, aber der Filmtitel blieb und wurde zum geflügelten Wort. 

Auch wer politisch nicht besonders interessiert ist, hat es mitgekriegt: Unser großes europäisches Friedens-Freiheits-und Wohlstands-Versprechen, unsere Europäische Union, ist krank. Ausgerechnet im 60. Jahr ihres Bestehens laufen wir – 540 Millionen Europäer – Gefahr, das große Erbe von Robert Schuman, Alcide de Gasperi, Charles de Gaulle, Jean Monnet und Konrad Adenauer zu verspielen. Wie soll Feierlaune entstehen, wenn genau im Geburtstagsmonat März 2017 sich sechzig Millionen Briten aus dem Staub machen? Und Europas Führungseliten nicht mehr als laue Durchhalte-Appelle dazu einfallen? Es ist nicht nur das britisches „Good Bye Europe“ und seine unklaren Folgen, es sind auch die vielen inneren und äußeren Widersprüche und Bedrohungen, die dem „europäischen Rest-Verbund“ heftig zusetzen. Noch geht es uns gut in unserem Land. Doch was verheißt der Blick in die Zukunft?

Haben wir Angst? Weil wir wissen, dass wir – jeder mit seinem Wahlschein – auf unser deutsches und europäisches Schicksal nur begrenzt Einfluss nehmen können? Handeln wir in der Wahlkabine angstbestimmt, setzen auf „Bloß kein Risiko!“ oder mutig auf „Trau Dich, jetzt mal Veränderung“? 

Demoskopie aus Allensbach genießt weltweit Ansehen

Eine tolle Idee der Rosenauer Talk-Macher, in dieser Stimmungslage jemand zum Gespräch einzuladen, der „es wissen“ müsste. Dr. Rüdiger Schulz ist Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler „gleich um die Ecke“ in Allensbach bei uns am See, dort am renommierten Institut für Demoskopie, das im Jahr 1947 gegründet und bis vor einigen Jahren von seiner Gründerin, Prof. Dr. Elisabeth Noelle-Neumann, geleitet wurde. Das Institut mit seinen neunzig Mitarbeitern wird in diesem siebzigsten Jahr seines Bestehens von Prof. Dr. Renate Köcher weitergeführt. Die „demoskopische Stimme“ aus Allensbach hat Gewicht, sie wird bis nach Amerika, Russland und Fernost gehört.

Stephan Schmutz, der erfahrene Rundfunkmann, weiß, was „seine Gäscht“ heute im Saal interessiert und bringt es auf den Punkt: „Herr Dr. Schulz, wir beide kennen uns schon lange, Ihren Namensvetter Martin a bissele weniger. Wird er unser nächster Kanzler in Berlin?“ – Auch wenn er aus „fünfzig Jahren Allensbach“ alle Facetten moderner Demoskopie kennt, viele Studien zur Stimmungslage in Deutschland selbst erstellt hat, in die Zukunft könne auch er nicht sehen. Da helfe die beste Glaskugel nicht. „Wie nachhaltig der fulminante Aufstieg von Matin Schulz sein wird, das werden die nächsten Monate zeigen.“

50 Jahre bei Allensbach: „Um herauszufinden, warum Menschen so denken, wie sie denken.“

„Was“, so der Moderator weiter, „hat Sie als Wissenschaftler gerade an Allensbach so fasziniert, dass Sie dort fünfzig Jahre geblieben sind?“ In seinem geschliffenen Hochdeutsch – an dem sogar Martin Luther seine helle Freude gehabt hätte – antwortet der Gast: „Da ist schon mal der Blick aus meinem Bürofenster, mit der grandiosen Sicht auf das Weltkulturerbe auf der  Reichenau. Dann die Faszination, die Herausforderung, im Team der „sehr fordernden, aber auch fördernden“ Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Noelle-Neumann mitzuarbeiten, das habe ihm den Verzicht auf andere Karrierewege leicht gemacht. 

Sein entscheidendes Motiv sei gewesen, „herauszufinden, warum Menschen so denken, wie sie denken“. Die Arbeit im Institut habe er verbinden können mit Lehraufträgen an den Universitäten in Mainz, Konstanz, Berlin und Friedrichshafen. – So sei die Sache für ihn rund geworden.

„Erinnern Sie sich noch an ihre erste Arbeit in Allensbach?“ – Das sei 1964 während eines Praktikums gewesen, eine Marktforschungsstudie zum Thema Eiskonfekt Moritzle – mitten im heißen Sommer. Und dann erzählt er von seinen „spannendsten“ Aufgaben in fünfzig Jahren Allensbach: Das waren Untersuchungen für die Schwergewichte der deutschen Tagespresse wie FAZ, Berliner Tagesspiegel, Hamburger Abendblatt oder Die Welt.

Eine besondere Herausforderung sei die Begleitung der Wochenzeitung Die Zeit gewesen in der Phase ihres Übergangs von Gerd Bucerius auf die Holtzbrinck Gruppe, als Helmut Schmidt und Gräfin Dönhoff Mitherausgeber waren. Beide waren zunächst entschieden gegen Veränderungen des Layouts. Aber unsere Leserbefragungen haben auch sie überzeugt, dass die meisten Leser die vorgesehenen Veränderungen als zeitgemäße Weiterentwicklung der unverwechselbaren Zeitungspersönlichkeit der Zeit empfanden.

Wettbewerb? – Ja!  Weil es bei der demoskopischen Arbeit statistische Fehlerspannen gibt, die man im Auge behalten müsse. Qualifizierter Wettbewerb sei deshalb – auch aus der Sicht der „Konsumenten“ der Demoskopie – sehr wichtig. 

Das Vier-Augen-Gespräch ist auch heute noch die beste Option für Befragungen

Stephan Schmutz fragt nach der Anfangszeit des Institutes. „Die Allensbacher“ feiern in diesem Jahr ihren siebzigsten Geburtstag. Hat die Zeit auch die Arbeit der Demoskopen verändert?“ – Der Gast erinnert sich. Am Anfang – Ender der 1940er Jahre – sei auch Handarbeit im Spiel gewesen. Daten mussten auf Pappstreifen übertragen und farblich markiert werden. Dann erleichterten IBM-Lochkarten die Arbeit. Es war die Zeit der heißen, lauten Hollerith-Maschinen, die Vorläufer der Computer. Mündlich-persönliche Interviews wurden später durch telefonische und Online-Befragungen ergänzt.

Schon Konrad Adenauer legte Wert darauf, zu erfahren „wie die Menschen im Land ticken“. So mussten für das Bundespresseamt einmal im Monat die aktuellen Daten von Allensbach nach Bonn geschickt werden. Um den Datentransfer ins Zentrum der Politik zu beschleunigen, legte einmal im Monat ein in Richtung Norden fahrender Schnellzug außerplanmäßig einen Extra-Stopp in Allensbach ein. „Heute gehen die Allensbacher Berichte sekundenschnell nach Berlin – mit einem Mausklick!“

Das Institut in Allensbach setze nach wie vor auf sein deutschlandweit exklusives Netz von etwa 1.300 Interviewern, die nach dem Quoten-Verfahren eine repräsentative Stichprobe von 1.500 Menschen befragen. „Die Face-to –face-Kommunikation, das Interview im Vier-Augen-Gespräch, sei nach wie vor die beste vertrauensbildende Befragungsmethode. Auch wenn die Vorbereitung teurer und sehr aufwendig sei. Im Trend zu schnellen Online-Umfragen stecken auch Gefahren.

Ob sich das Wählerverhalten der Menschen in Deutschland über die Jahre sehr verändert habe, möchte der Moderator wissen. – In den fünfziger Jahren seien viele noch sehr festgelegt gewesen auf eine bestimmte Partei. Das Wahlverhalten heute sei sehr viel volatiler geworden.

„Häppchen-Journalismus“ und soziale Netzwerke bergen Gefahren

„Gibt es noch den gut informierten Wähler, der sachgerecht unter Abwägen von Pro und Contra entscheiden kann?“ – Beruhte noch bis Anfang der achtziger Jahre die politische Meinungsbildung der Öffentlichkeit ganz wesentlich auf Berichten im Fernsehen und der Lektüre von Zeitungen, haben inzwischen insbesondere Unterhaltungssendungen im Privatfernsehen und Internetnutzung den Auflagen der großen Blätter massiv zugesetzt.  Die Meinungsbildung vor allem junger Menschen findet immer mehr in sozialen Netzwerken statt. Immer mehr Menschen geben sich mit „Häppchen-Journalismus“ zufrieden; hier sieht Dr. Schulz große Gefahren für unsere Gesellschaft. Der Befund des Experten: „Stimmungsumschwünge bei Wahlen bleiben bis zur letzten Sekunde möglich!“  Was schwankende Stimmungslagen der Öffentlichkeit für Folgen haben können, dafür seien der Brexit der Briten und die Wahl von Donald Trump aktuelle Beispiele.

Einstellungsänderungen, so meint er augenzwinkernd, können aber auch mal positive Wirkungen haben. „Können Sie sich heute noch die vorwurfsvolle Mahnung der Eltern früherer Generationen vorstellen: Was sollen bloß die Nachbarn denken!“ – So etwas würde heute kein Elternpaar mehr in den Mund nehmen. Der alte Zopf ist endlich ab!

Stephan Schmutz: „Sie haben uns heute viel über 70 Jahre Qualitäts-Demoskopie in Allensbach erzählt: Wie würden sie im Rückblick auf Ihre Arbeit Demoskopie in einem Satz beschreiben?“ – „Ich habe Ihnen einen Flyer zur Meinungsforschung Allensbach mitgebracht. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns in unserer Jubiläumsausstellung demnächst einmal besuchen würden. Dort finden sie auch eine knackig-kurze Definition: Demoskopie ist ein Mittel der Gesellschaftsdiagnose und sie ist auch Chronistin des Zeitgeschehens.“ 

Giselher Sommer

 

 

 


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