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Gräfin Bernadotte im KWA Exklusiv-Interview

„Mit gemeinsamen Werken kann man Brücken schlagen“

Die als Sandra Angerer in St. Gallen geborene Gräfin Bernadotte ist studierte Sozialpädagogin und geschäftsführende Vorsitzende des Vereins "Gärtnern für Alle e. V.". 2010 hat sie auf der Insel Mainau das Café Vergissmeinnicht eröffnet. Das Café wird von lernschwachen Jugendlichen betrieben,
die im Fachbereich „Pro Integration“ des gemeinnützigen Vereins auf der Mainau eine elfmonatige, berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme durchlaufen. Neben dieser Tätigkeit engagiert sich Sandra Gräfin Bernadotte in den verschiedensten Bereichen ehrenamtlich, darunter als
• Vorsitzende des Hospizvereins Konstanz,
• Mitglied des Stiftungsrats von "Pro Juventute", Schweiz,
• Vorsitzende der Stiftung "Singen mit Kindern",
• Beiratsmitglied Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf Wahlwies e. V.,
• Aktionärin der gemeinnützigen Aktiengesellschaft KWA Kuratorium Wohnen im Alter.

Gräfin Bernadotte, beschreiben Sie doch bitte kurz das Projekt "Pro Integration".
Wir betreuen im Rahmen von "Pro Integration" auf der Insel Mainau Jugendliche im Alter von 16 bis 24 Jahren mit einer Lernbeeinträchtigung. In einer elfmonatigen berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme begleiten wir junge Menschen auf ihrem Weg ins Berufsleben. Meistens haben wir fünf oder sechs, höchstens zehn Jugendliche pro Jahrgang. Wir arbeiten jetzt seit 25 Jahren mit der Bundesagentur für Arbeit zusammen, die Zusammenarbeit klappt sehr gut und wir unterstützen uns gegenseitig.

Welche Art von Aufgaben haben die Jugendlichen?
Zunächst gab es hier nur die gärtnerische Arbeit. Mit dem Café Vergissmeinnicht habe ich vor sechs Jahren ein neues Aufgabengebiet erschlossen. Das Projekt verbindet beide Elemente miteinander und die Jugendlichen lernen dabei einen festen Arbeitsalltag kennen. So helfen sie im Garten und im Café. Sie arbeiten an der Spüle, richten Brote, helfen an der Theke, schneiden Kuchen, geben Kuchen aus, räumen die Tische ab, achten auf die Sauberkeit und dekorieren im Café. Wichtig ist mir, dass sie dabei auch die Prozesse verstehen: So stammt zum Beispiel der Schnittlauch für das Café aus dem Schulgarten. Wenn die Jugendlichen vergessen, den Schnittlauch zu gießen, haben wir kein Schnittlauchbrot zu verkaufen.

Werden die Jugendlichen während der elfmonatigen Bildungsmaßnahme auch beschult?
Das ist uns von der Bundesagentur für Arbeit freigestellt. Aber wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, die Jugendlichen jeden Vormittag zu unterrichten. Unterricht erhalten sie beispielsweise in Mathematik, Deutsch, Ernährung, Sozialkunde, Geografie und Pflanzenkunde. Oder wir nehmen aktuelle Fragen auf. Und wenn ich merke: Heute früh hat es schon Unstimmigkeiten gegeben, nehmen wir uns die Zeit und klären dies.

Sie arbeiten nicht nur bei "Gärtnern für Alle e. V.", sondern engagieren sich auch in verschiedenen Ehrenämtern wie beispielsweise bei "Pro Juventute".
Genau, da bin ich jetzt im vierten Jahr im Stiftungsrat tätig. Pro Juventute ist die größte Schweizer Kinder- und Jugendhilfe. Die Organisation, die es seit mehr als 100 Jahren gibt, ist Teil meiner Kindheit – die Organisation kennt wirklich jeder in der Schweiz. Die Hauptaufgabe ist heute die Beratung von Jugendlichen und Kindern über eine Telefon-Hotline. Das geht von: "Meine Mama hat morgen Geburtstag, was soll ich ihr schenken?" bis zu: "Ich stehe vor dem Zug" – also vor dem Suizid. Eine wichtige, großartige und in manchen Fällen tatsächlich lebensrettende Arbeit.

Sie sind auch Vorsitzende des Hospizvereins in Konstanz. Wie tief sind Sie in dieser Materie drin?
Wenn ich ein Ehrenamt oder eine Schirmherrschaft annehme, dann stehe ich dahinter. Ich bin deshalb in die Kurse für Sterbebegleitung gegangen und dann in die einzelnen Abteilungen, hab auch mit Sterbenden geredet. Ich hätte mir auch alles anlesen können. Aber man muss die besondere Atmosphäre spüren.

Beim Thema Engagement denken wir im Moment vor allem an Flüchtlinge. Wenn Berufstätige sagen: Ich möchte nicht nur Geld spenden, sondern mich auch persönlich engagieren. Ist das wirklich für jedermann möglich?
Wer im beruflichen Alltag sehr eingebunden ist, kann sich auf vielfältige andere Weise einbringen.
So gibt es verschiedenste Anlaufstellen, bei denen sich Interessierte informieren können. Und manchmal entstehen auch ganz besondere Ideen. Beispielsweise hatten wir in Konstanz verkaufsoffenen Sonntag, da hat eine Konstanzerin zusammen mit Flüchtlingen gekocht, und zwar Gerichte aus deren Heimat, und diese Speisen dann an einem Stand verkauft. Das kam so gut an. Da spielt es keine Rolle, aus welchem Land sie kommen. Mit einem gemeinsamen Werk kann man ganz viele Brücken schlagen und Grenzen abbauen.

Der Liedermacher Heinz Rudolf Kunze hat sich auch etwas Besonderes ausgedacht. Er hat dazu aufgerufen, Musikinstrumente für Flüchtlinge zu spenden. Er sagt: "Sie brauchen nicht nur Essen und Kleider. Sport und Musik sind die Dinge, mit denen Menschen ihr Leben einigermaßen freundlich gestalten können." Was halten Sie davon?
Priorität A hat für mich, dass die Grundbedürfnisse erfüllt werden, wie: warme Kleidung, Essen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Wichtig finde ich auch, dass die Sprache erlernt wird, damit sich die Asylsuchenden mit uns verständigen und ihre Bedürfnisse weitergeben können. Natürlich können mit Kultur und Musik Barrieren abgebaut werden, die Idee finde ich gut. So kann durch Kultur, aber auch den musischen Bereich, etwas Neues geschaffen werden und verschiedene Kulturen können zusammengebracht werden, ohne Vorgaben und Reglements, sondern mit einer gewissen Leichtigkeit.

Kennen Sie auch Projekte, bei denen sich Senioren einbringen?
Ganz viele – auch bei uns hier gibt es viele Anfragen von Senioren, die sich ehrenamtlich beteiligen möchten. Ich habe hier einen Rentner, der seit fünf Jahren im Café hilft. Er hat vorher bei der Mainau GmbH gearbeitet, in der Schwedenschenke. Das ist schön für beide Seiten. Er als Rentner bleibt jung durch die Jugendlichen. Und die Jugendlichen lernen ganz viel von ihm: von seiner Gelassenheit und von seinem praktischen Wissen, wie ein Café geführt wird. Wir suchen jetzt auch Gartenpaten. Menschen, die sagen, an einem Nachmittag in der Woche hätten wir Zeit, mit den Jugendlichen zu gärtnern. Menschen, die zu Hause vielleicht einen kleinen Garten hatten.

Haben Sie eine Vision, wie es mit „Pro Integration“ weitergehen könnte?
Also ich fände ein zweites Café gut. Mit dem gleichen Grundsatz und der gleichen Idee natürlich wie hier im Café Vergissmeinnicht. Nämlich, dass regionale Produkte verwendet werden und das Café eine kleine Karte hat, die die Jugendlichen bewältigen können. Natürlich sind es höchstens zehn Jugendliche, aber jeder Einzelne, den wir in einem solchen Projekt unterstützen können, zählt.

Das Interview führte Sieglinde Hankele | Erschienen in alternovum. Das KWA Journal 03/2015


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