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„Dialog" mit dem Berliner Psychologen und Integrationsexperten Kazim Erdogan

Moderator Reinhard von Struve spricht mit ihm über sein Engagement - und befragt ihn zur Situation der Menschen in der Türkei.

Berlin, im August 2017. – Vom Rentenalter lässt er sich nicht bremsen: Auch nach dem Verlassen des Bezirksamtes steckt Kazim Erdogan voller Projekte und Ideen für seinen Integrations-Verein „Aufbruch Neukölln“. Vor zehn Jahren gründete er die erste türkische Väter- und Männergruppe in Deutschland. Erdogan will sein Erfolgsmodell jetzt auch bundesweit verbreiten. Die von ihm vor fünf Jahren ins Leben gerufene Berliner „Woche der Sprache und des Lesens“ mit über 1.700 Veranstaltungen in mehr als 100 Sprachen soll es ebenfalls bald vielerorts geben. Für sein ehrenamtliches Engagement ist er vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz.

„Die Sprach- und Kommunikationslosigkeit überwinden“

Woher er die Kraft für seinen Einsatz nehme, fragt der Moderator Reinhard von Struve im „Dialog im Stift" seinen Gast. Es liege in seiner Natur, anderen Menschen zu helfen, macht Kazim Erdogan klar. Schon als er 1974 mit dem Wunsch zu studieren nach Deutschland kam, half er Landsleuten bei Behördengängen und dem Ausfüllen amtlicher Formulare. Er bezeichnet sich als glücklichen Menschen, dem noch kein Projekt gescheitert sei. Er erlebe, dass jeder, dem er freundlich und auf Augenhöhe begegnet, auch ihm entgegen kommt. Nein, religiös sei er nicht, sagt Erdogan. Er sieht sich als „Weltmenschen“, der nicht auf Nationalität, Religion oder Abstammung achtet. Als Hauptaufgabe bezeichnet er es, „die Ursache fast aller Probleme, die wir in unserem Land haben, zu überwinden: die Sprach- und Kommunikationslosigkeit“. Sein Fazit: In Deutschland wird viel über die Migranten gesprochen, aber zu wenig mit ihnen.

Fast 600 Telefonate an einem Tag 

Als Beispiel nennt er eine Berliner Gesamtschule, deren Lehrer sich beklagten, dass die türkischstämmigen Eltern kaum Elternabende besuchen. Daraufhin setzte sich Erdogan einen ganzen Tag ans Telefon, rief fast 600 Eltern an (er nennt das „aufsuchende Arbeit“) und überzeugte etwa 400, in die Schule zu kommen. Dabei kritisiert der Psychologe, dass viele Väter die Verantwortung für die Kinder immer noch den Frauen überlassen: „Aber Bildung und Erziehung ohne Väter ist wie Stehen auf einem Bein. Das geht auf Dauer nicht gut.“ 

Seine erste Väter- und Männergruppe gründete er deshalb auch, um Gespräche über Selbstzweifel und Probleme zu ermöglichen. Lachend zitiert Kazim Erdogan das türkische Sprichwort, eher lasse sich ein Stein zum Sprechen bringen als ein Mann. In seinen Gruppen hat er das Gegenteil erlebt: Männer, die anderen offen ihre Hilflosigkeit schildern und weinen, weil sie einsehen, was sie ihren Frauen und Kindern angetan haben. Wichtige Themen in den Gruppen sind Gewalt in den Familien, Zwangsheiraten, Schulversagen, Religion und der falsche Ehrbegriff, von dem keiner der Männer zu sagen weiß, was er eigentlich bedeutet.

„Zwei Wassermelonen unter meinen Armen“

Die Frage des Moderators, ob er sich wie andere Deutsch-Türken als zwischen zwei Stühlen sitzend empfindet, bejaht Erdogan. In seiner direkten Art mit Menschen umzugehen sei er anatolisch, aber er habe auch eine strenge deutsche Seite: „Ich trage unter meinen Armen zwei unterschiedliche Wassermelonen, ohne dass eine davon kaputt geht.“ 

Im „Dialog“ geht es auch um die Lage in der Türkei, aus der Kazim Erdogan erst zwei Tage zuvor zurückgekehrt war. Ja, er habe Angst gehabt, die Reise aber aus familiären Gründen nicht aufschieben können. Schließlich hatte er sich in Deutschland mehrfach öffentlich kritisch über die Politik seines Namensvetters geäußert, den er nur „Erdowahn“ nennt. Die Türkei sei auf dem Weg in eine Diktatur, der Präsident ein Wahnsinniger, dessen Vorgehen verurteile er aufs Schärfste. Erdogan berichtet, dass in seinem Bekanntenkreis zehn Menschen ihre Stellung verloren haben, die kritisch gegenüber der staatlichen Politik waren. Im Vergleich zu seinem Besuch vor einem Jahr sei ihm aufgefallen, dass die meisten Menschen in der Türkei das Lachen verlernt haben; jeder habe Angst, sich zu äußern. 

Nur knapp die Hälfte der Deutsch-Türken beteiligte sich hierzulande an der Abstimmung über die Verfassungsänderung in der Türkei

Auf die Frage aus dem Publikum, warum die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken für den Diktator gestimmt habe, obwohl es ihnen hier in einem demokratischen Land gut gehe, antwortet Kazim Erdogan: „Das will ich relativieren und damit Mut machen.“ Nicht 60 Prozent der hier lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln stimmten für die Erdogan-Partei AKP, sondern tatsächlich nur etwa 30 Prozent, denn der Mehrzahl der Wahlberechtigten war die Abstimmung egal – sie beteiligten sich gar nicht. 

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Wer die Arbeit von Kazim Erdogans privatem Verein „Aufbruch Neukölln“ und seiner ehrenamtlichen Helfer unterstützen will, kann auf folgendes Konto spenden:

Berliner Sparkasse, Bic: BELADEBEXXX, Iban: DE62 1005 0000 1410 0623 30

Im September erscheint das neue Buch über Kazim Erdogan:
Sonja Hartwig: Kazim, wie schaffen wir das? - Verlag: DVA

80 Cent vom Preis jedes Buches gehen an die Kazim-Erdogan-Stiftung zur weiteren Finanzierung von Integrationsprojekten.

 

   

 


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