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KWA Stift im Hohenzollernpark
Leben - so wie ich es will im KWA Stift im Hohenzollernpark

Dialog im Stift: Was ist unser Geld noch wert?

Die deutsche Wirtschaft brummt: Wir haben die höchsten Exportüberschüsse seit 2007, die höchste Beschäftigungsquote seit Jahren und die höchsten Steuereinnahmen seit Jahrzehnten. Doch der kleine Mann geht leer aus: Die Sparzinsen tendieren gegen Null, der Euro verliert an Wert. Uwe Dürkop, Chef-Volkswirt der Sparkasse Berlin, beantwortete im KWA Stift im Hohenzollernpark Fragen von Siegfried Knauer-Runge zur Eurokrise.

Berlin, 21. April 2015. – „Die Europäische Zentralbank pumpt Milliarden Euro in den Markt. Der Euro stand in seiner besten Zeit bei 1,40 US-Dollar, war immer stark, derzeit liegt er bei 1,08“, konstatiert Moderator Siegfried Knauer-Runge zum Einstieg in den Dialog. Seine erste Frage an Gast Uwe Dürkop, den Chef-Volkswirt der Sparkasse Berlin: „Warum sitzen wir jetzt in der Krise?“

Der Euro sei seit seiner Einführung nicht immer stark gewesen, relativiert Dürkop Knauer-Runges Aussage: In den Jahren 2001 und 2002 habe er seinen Tiefstand gehabt, bei 93 US-Cent. Allerdings sei die derzeitige Entwicklung des Wechselkurses nicht erfreulich. „Wir können daran ablesen, dass man der amerikanischen Wirtschaft mehr zutraut." Während die amerikanische Notenbank zu höheren Zinsen tendiert, versuche die EZB, die Wirtschaft mit „quantitativer Lockerung“ anzuschieben. Dadurch verändere sich international das Zinsgefüge.

„Fachleute warnen derzeit vor Deflation. – Ist Deflation nicht eigentlich etwas Gutes?“, Knauer-Runges nächste Frage. Aus der Sicht des Anlegers könne man sich über Deflation freuen, so Dürkop: Weil er bei fallenden Preisen auch ohne Zinsen morgen mehr für das Geld kaufen kann als heute. Trotzdem haben laut Dürkop alle Angst vor Deflation: Weil das, was gekauft wird, erwirtschaftet werden muss. Und für Schuldner entstehe durch sinkende Gehälter und Einnahmen eine Schieflage. Problematisch sei auch die Kaufzurückhaltung von Konsumenten, die angesichts fallender Preise abwarten. Zudem erwartet Dürkop bei Deflation auch zurückhaltende Investoren: Erträge seien schwerer kalkulierbar, Investitionen deshalb riskanter. Dürkops Fazit: „Wenn die Wirtschaftsleistung sinkt und Schuldner ihre Darlehen nicht mehr bedienen können, müssen am Ende auch Gläubiger und Anleger die Zeche bezahlen."

Uwe Dürkop: Immobilienblasen muss man gegensteuern

Da einerseits Sparzinsen gegen Null tendieren, andererseits Darlehenszinsen für Immobilien so niedrig sind wie nie zuvor, sehen laut Knauer-Runge einige bereits eine Immobilienblase. Dazu Dürkop: Eine Blase ist immer schlecht, da müsse man gegensteuern. Wenn Immobilienpreise stetig steigen und auch Menschen Kredite für Häuser aufnehmen, die das gar nicht abbezahlen können, nur, weil sie denken, dass der Preis der Immobilie ja immer weiter steigen wird, wird immer mehr gebaut und so entsteht eine Blase. Irgendwann wird das kippen: Es wird Häuser geben, die keiner mehr haben will. Für solche falsche Investitionen müssten am Ende viele bezahlen. Dürkop glaubt nicht, dass wir uns schon Sorgen machen müssen. „Wir können uns aber nicht mehr ganz so entspannt zurücklehnen wie vor vier, fünf Jahren."

An dieser Stelle bittet der Moderator um einen Rat für den Verbraucher: Soll er sparen oder in Aktien oder Gold investieren? Oder sind gar Kunst oder Wein die richtigen Anlageobjekte? Laut Dürkop sind „Ausweichbewegungen in alle möglichen Richtungen" erkennbar. Pauschale Empfehlungen könne es jedoch nicht geben, man müsse dazu die Vermögensverhältnisse und die Prioritäten des Einzelnen kennen.

Gute Wirtschaftslage in Deutschland dank schwachem Euro und niedrigem Ölpreis

Zur Frage „Was ist unser Geld noch wert?" sagt Dürkop: „Das Geld, das die EZB den Banken gibt, kommt gar nicht in der realen Wirtschaft an. Die Banken halten das Geld, weil sie die Kreditnachfrage an vielen Stellen gar nicht sehen." Und wenn die Wertschöpfung nicht in Gang komme, „kann das Geld im Durchschnitt für alle weniger wert sein“. Deshalb solle uns allen daran gelegen sein, die Wirtschaft wieder mehr in Gang zu bringen, im gesamten Euroraum. Dass es unserer deutschen Wirtschaft im Moment gutgeht, liege zum einen am schwachen Euro, zum anderen daran, dass der Ölpreis so deutlich gefallen ist. Das wird nach Dürkops Einschätzung aber nicht lange so bleiben.

„Geht die Investitionszurückhaltung des Staates dann nicht in die falsche Richtung?", folgert Knauer-Runge. Laut Dürkop gebe es beim Wirtschaftsforschungsinstitut, das Wirtschaftsminister Gabriel berät, durchaus Überlegungen, die Wirtschaft durch öffentliche Investitionen anzukurbeln. Dabei werde von einem bis zu dreistelligen Milliarden-Betrag gesprochen, über mehrere Jahre verteilt. „Aber am Ende sind wir da bei einem Thema, das über Europa hinausreicht." Die Investitionen seien in allen Regionen der Weltwirtschaft zu schwach. 

Exportüberschuss des Euroraums bereitet anderen Ländern Probleme

Wachstumsraten gehen auch in China und Brasilien zurück, wirft Knauer-Runge ein – das sind Nationen an die unsere Exporte gehen. Diesen Ball nimmt Dürkop auf: „Erdölförderländer wie Saudi-Arabien, die im Moment noch gefüllte Schatullen haben, werden bei sinkenden Einnahmen auch ihre Investitionen und Konsumausgaben anpassen." Was den Euroraum betreffe, müsse man ihn als Gesamtes betrachten. Vor der Eurokrise seien Import und Export insgesamt etwa ausgeglichen gewesen. Heute exportiere man drei Prozent mehr als man importiere. Das bereite anderen Ländern Probleme. 

Knauer-Runges erneute Frage nach Anlageempfehlungen beantwortet diesmal Stephan Sprosse, Filialdirektor in der Berliner Sparkasse und Leiter des Vermögensanlagecenters. Auch Sprosse sagt, dass es keine allgemeingültigen Anlageempfehlungen geben könne. Wer im vergangenen Jahr in den Aktienmarkt investiert hat, hat hervorragende Ergebnisse erzielt. Wer in den Goldmarkt investiert hat, hat erhebliche Verluste erlitten. Die Rentenmärkte, also die festverzinslichen Märkte seien sehr gut gelaufen. Das Entscheidende sei, dass man bei Anlagen eine Streuung vornehme, sie also verteilt, „weil die Märkte sehr schwanken und man nicht genau einschätzen kann, wie sie sich entwickeln." Sprosse empfiehlt individuelle Gespräche.

Mehrdimensionales Interessengeflecht verhindert rasche Lösung der Eurokrise

Der Moderator wünscht sich zum Abschluss von Uwe Dürkop eine Prognose zum Euro und zu Griechenland. Der Volkswirt sagt, dass er hierauf keine befriedigende Antwort geben könne. Es gebe widerstreitende Interessen innerhalb des Euroraums. Auch die Betrachtung, dass alle Griechen die Schuldner seien und alle Deutschen die Gläubiger, stimme nicht. In Griechenland gebe es auch Reiche, die keine Steuern zahlen. Und Schuldner gebe es auch in Portugal und Spanien. „Diese Länder haben jedoch fünf Jahre lang relativ vernünftige Antikrisen-Politik gemacht. Wenn diese Regierungen sich jetzt mit Griechenland solidarisch in ein Boot setzen würden, würden sie ihre eigene Abwahl betreiben." Das sei ein mehrdimensionales Interessensgeflecht. 

Er fürchtet, dass wir noch lange auf eine Lösung warten müssen, sagt: „Das Positive an der ganzen Sache ist: Wir haben uns fünf Jahre lang relativ erfolgreich durchlaviert." Die pragmatische Vorgehensweise der Kanzlerin sei „wahrscheinlich das Einzige, was man in so einer Situation machen kann". Man habe in dieser Zeit Sicherungsmechanismen entwickelt und Reformprogramme verabschiedet, stehe also nicht da, wo man vor fünf Jahren war. Er denkt nicht, dass der Euroraum zerfällt, sagt: „Ich sehe durchaus eine Chance, dass wir uns erfolgreich weiter durchlavieren."

Sieglinde Hankele

 

Der nächste Dialog im Stift widmet sich dem Thema: „Ökologisch, biologisch, vegetarisch, vegan – wie sollen wir uns vernünftig ernähren?“ Siegfried Knauer-Runge wird dazu den Wissenschaftsjournalisten und Publizisten Michael Miersch begrüßen: am 19. Mai um 17 Uhr, im Saal des KWA Stifts im Hohenzollernpark in Berlin. Sowohl Stiftsbewohner als auch Gäste von nah und fern sind herzlich willkommen. Der Eintritt ist frei.


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