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Einge Mitarbeiter von KWA

Bayern braucht Nachhilfe von Nordrhein-Westfalen: in Sachen Kennzahlen für die Pflege

KWA Symposium in München, zum Thema: CareKarriere – Personalentwicklung in der Langzeitpflege, mit: Ministerialdirektorin Ruth Nowak, Prof. Dr. Thomas Klie, Prof. Dr. Ulrike Höhmann, Helmut Wallrafen, Rudolf Kast und Prof. Dr. Michael Isfort.

München, 17. Februar 2017. 

„Mitarbeiter sind die Botschafter Ihres Unternehmens“, sagt Rudolf Kast – Inhaber der Personalmanagementberatung KAST.DIE PERSONALMANUFAKTUR. Er empfiehlt deshalb, Mitarbeiter in kleinen Clips auf der Unternehmens-Website sprechen zu lassen. Sehr wirksam seien auch Mitarbeiter-werben-Mitarbeiter-Programme. Wer Personal gewinnen will, braucht laut Kast ein modernes Employer Branding und Recruiting. Auch Guerilla Recruiting sei in Betracht zu ziehen – beispielsweise mit Werbebannern an ungewöhnlichen Orten.

Rudolf KastDer Arbeitsmarkt ist im Wandel. Viele Fachkräfte mit hohem Qualifikationsstatus werden in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Migranten zu qualifizieren wird nach der Einschätzung von Kast viel Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb sei bereits ein Paradigmenwechsel zu beobachten: Heute werden auch über 55-Jährige für leitende Positionen eingestellt – noch vor zehn Jahren undenkbar. Inzwischen sei jedoch wissenschaftlich nachgewiesen, dass Menschen auch noch im Alter lernen können. Wenn sie aus Erfahrungsschätzen schöpfen können, ist der Lernerfolg genauso groß wie bei jüngeren Menschen. Den hohen Wert erfahrener Mitarbeiter haben bereits einige Unternehmen erkannt und bitten deshalb altersbedingt Ausgeschiedene um „Vertretung auf Zeit“ – bei Urlaub oder Krankheit eines Mitarbeiters.

Man müsse jedoch aus allen Altersgruppen rekrutieren und auch lernen, sich vom Wunsch nach einer „eierlegenden Wollmilchsau“ zu verabschieden. Personal- und Führungskräfte haben nach Kasts Erfahrung oft einen eingeschränkten Blick.  Sehr erfolgreiche Menschen wie Bill Gates, Günther Jauch oder Helmut Kohl wären nie eingestellt worden: Weil ihre Biografie nicht makellos ist. „Sitzenbleiben“, Studienabbruch und Ähnliches wird negativ gewertet. „Von diesen traditionellen Denkweisen müssen wir uns verabschieden“, sagt Kast. 

Als interessanten Ansatz stellte der Personalmanagementberater das „Wahlarbeitszeitmodell“ von Trumpf vor. Alle zwei Jahre befragt das Unternehmen seine Mitarbeiter, wie viel sie künftig arbeiten wollen. Die erste Befragung war mit der Befürchtung verbunden, dass die meisten weniger arbeiten möchten. Doch das Gegenteil trat ein: Die Mehrheit hat eine Aufstockung der Arbeitszeit beantragt. – Ausgelöst wurde dieses Modell durch den Wunsch eines Mitarbeiters, ein Sabbatical zu nehmen. 

Prof. Dr. Michael Isfort

„Nordrhein-Westfalen ist das einzige Bundesland, das es sich leistet, über den größten Versorgungsbereich, den wir haben, alle zwei Jahre Kennzahlen zu erheben“ – sagt Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung. Und: „Ohne Kennzahlen ist man argumentationsunfähig.“ Isfort hat an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen eine Professur für Pflegewissenschaft und Versorgungsforschung inne.

Auf einer Karte zeigte er zunächst die prognostizierte prozentuale Veränderung der Zahl der über 80-Jährigen in Bayern – ein sehr heterogenes Bild. Im Landkreis München wird demnach von 2015 bis 2030 die Zahl der über 80-Jährigen um 75 Prozent steigen. Im Landkreis Wunsiedel hingegen im gleichen Zeitraum nur um 7 Prozent. Für dieses und folgende Schaubilder hat Isfort nach eigenem Bekunden mühsam Daten zusammengetragen. Eine differenzierte Betrachtung sei jedoch für passende Weichenstellungen unbedingt erforderlich. 

Eine Zahl, die aufhorchen ließ: Im Oktober 2016 gab es in ganz Bayern gerade einmal 199 arbeitslose Altenpflege-Fachkräfte – also keinerlei Reserven. Isforts Rat: „Hören Sie auf, Stellenanzeigen zu platzieren, spenden Sie das Geld lieber.“ Und eine damit verbundene Erkenntnis: „Sie können keine Auswahl treffen, sondern denjenigen nehmen, der sich bewirbt.“ Deshalb geht es aus Isforts Sicht in der Langzeitpflege ausschließlich um Personalentwicklung und darum, dafür zu sorgen, dass Mitarbeiter gerne im Unternehmen arbeiten. 

Reserven sieht Isfort lediglich darin, beispielsweise aus einer 60-Prozent-Stelle eine 75-Prozent-Stelle zu machen. Für Heime in Oberbayern gibt es diesbezüglich jedoch nur wenig Potenzial. Bei ambulanten Diensten sehe es besser aus. Und dann stellte Isfort eine These auf: „Sie müssen die Altenpflege dahin bringen, dass sie für Abiturienten interessant wird.“ – Dazu zeigt er eine Karte mit den Regierungsbezirken. Demnach gab es in Oberbayern im Jahr 2015 doppelt so viele Abiturienten wie Schüler mit Mittelschulabschluss. Isfort hatte auch eine Zahl zum Mobilisationsradius von Schülern: Sie würden im Durchschnitt 31 Kilometer fahren für eine Traumstelle. Das ist nicht weit. 

Da es in der Region München um Sofort- und Ersatzbedarf geht, empfiehlt Isfort trägerübergreifende regionale Allianzen. Der Ersatzbedarf für die Region München ist derzeit drei Mal so groß wie die Zahl qualifizierter Berufseinsteiger. Ein Ministerium zu haben, das sich für Pflege interessiert sei schon mal was, das sei nicht in allen Bundesländern so. Die Ausführungen von Ministerialdirektorin Nowak in Bezug auf eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten wollte der Pflegewissenschaftler dennoch nicht so stehen lassen. „Ich glaube, Politik ist mächtig. Politik kann viele Impulse setzen.“ Daseinsvorsorge dürfe man nur bedingt dem Markt überlassen. 

KWA Vorstand Horst SchmiederKWA Vorstand Horst Schmieder zeigte sich beeindruckt von den vielfältigen Ausführungen, Gedanken und Empfehlungen und konstatierte zum Abschluss des Symposiums: „Angesichts der Zahlen könnte einem bange werden. Optimist werde ich, wenn ich zurückschaue. Denn wir haben gesehen: Die Pflegebranche ist innovativ.“ KWA hat die Anzahl der Auszubildenden in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. „Dass dies gelungen ist, haben unsere Heimleiter geschafft.“ Gute Bezahlung sei wichtig. Doch was die Industrie im Vergleich zur Pflegebranche nicht bieten könne, sei ein sicherer Arbeitsplatz.  Entscheidend ist seines Erachtens ein gutes Arbeitsklima. Dazu gehöre gute Führung. Die Strukturen in der Altenpflege haben sich in den vergangenen dreißig Jahren deutlich verbessert nach Schmieders Einschätzung. 

Sieglinde Hankele

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Von links: Prof. Dr. Ulrike Höhmann, Rudolf Kast, Ministerialdirektorin Ruth Nowak, KWA Vorstand Dr. Stefan Arend, Prof. Dr. Thomas Klie, KWA Vorstand Horst Schmieder, Helmut Wallrafen


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