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50 Jahre KWA Kuratorium Wohnen im Alter
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Einge Mitarbeiter von KWA

Ein Hilfeschrei an die Politik: Heimbewohner brauchen Ärzte

KWA Forum in Stuttgart zur heimärztlichen Versorgung – Prof. Dr. Adelheid Susanne Esslinger stellte Studie vor – Rüdiger Kucher von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg und Britta March von der AOK BW stellten sich den Fragen von Prof. Dr. Thomas Klie und diskutierten mit Sonja Laag von der BARMER GEK Wuppertal, dem Aalener Arzt Michael Maas und Birgit Heyden von der Hochschule Aalen

Stuttgart / Unterhaching, 4. Februar 2016 – In Deutschlands Pflegeheimen leben rund 800.000 Menschen. Seit Jahren ist die ärztliche Unterversorgung von Heimbewohnern bekannt. Und seit Jahren machen verantwortungsbewusste Heimleiter Kopfstände, um tragbare Lösungen zu finden. Doch es will nicht gelingen. Deshalb hat KWA Kuratorium Wohnen im Alter zu einem Forum nach Stuttgart geladen. Die kassenärztliche Vereinigung und auch Krankenkassen haben sich der Diskussion gestellt.  Geladene Politiker hingegen blieben der Veranstaltung fern. Obwohl es ohne sie nicht gehen wird. – Sind 800.000 Menschen nicht Grund genug, sich endlich des Problems anzunehmen?

Theoretisch besteht neben der „normalen“ kassenärztlichen Versorgung für Pflegeheime die Möglichkeit zu Selektivverträgen, Kollektivverträgen und lokalen Sonderformen. Doch solche Kooperationsverträge basieren auf Freiwilligkeit – weder Ärzte noch Krankenkassen sind verpflichtet, zu unterschreiben. „Als Betreiber haben wir keine Möglichkeit, das in die Realität umzusetzen“, so KWA Vorstand Dr. Stefan Arend. „Um Bewohnern den Zugang zur ärztlichen Versorgung zu sichern, müssen die Betreiber stationärer Einrichtungen mit Ärzten Absprachen treffen, die sich nicht im Vertragsrecht wiederfinden.“

Manfred Zwick, Hausleiter des KWA Albstifts Aalen, ist an einem Punkt angelangt, wo er nicht mehr weiter weiß. Deshalb ist er froh, dass Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigung zum Forum nach Stuttgart gekommen sind. – Doch was treibt den Hausleiter eigentlich um? Nun: Zwick beobachtet schon seit langem, dass sich der Allgemeinzustand von Bewohnern mit kognitiven Beeinträchtigungen  durch Krankenhausaufenthalte oftmals verschlechtert – weil Krankenhäuser keine passenden Betreuungsstrukturen bieten können. So drängte sich ihm die Frage auf, ob es nicht besser wäre, Bewohner, soweit möglich, in der gewohnten Umgebung zu belassen – wenn die heimärztliche Versorgung sichergestellt wäre. Auch zwischen verschiedenen Ärzten unabgestimmte Medikamentenverordnungen bereiteten ihm Kopfzerbrechen. Doch das waren nur subjektive Eindrücke. Die wollte er objektiv untermauern und initiierte deshalb eine Studie der Hochschule Aalen. Beide KWA Vorstände gaben grünes Licht zur Finanzierung der Studie: Man wollte endlich vorankommen.

Ärztliche Versorgung in Deutschland ist auf mobile, selbstständige Menschen ausgerichtet, nicht auf Heimbewohner

Die für die Aalener Studie verantwortliche Professorin Dr. Adelheid Esslinger beschrieb – zum besseren Verständnis der Dringlichkeit, die heimärztliche Versorgung zu verbessern – den Status Quo in Deutschland: Mehr als 50 Prozent der Bewohner in Heimen sind heute älter als 80. Chronische Erkrankungen, Multimorbidität und Gebrechlichkeit sowie Funktionseinschränkungen und kognitive Beeinträchtigungen, insbesondere Demenz und Alzheimer-Erkrankungen kommen zum Tragen. Die ärztliche Versorgungsstruktur in Deutschland sei jedoch eher auf den mobilen, selbstständigen Menschen ausgerichtet.

Die ärztliche Betreuung in Heimen ist in der Relation geringer als im niedergelassenen Bereich. Niedergelassene Ärzte seien zudem keine Heimexperten, auch gebe es eine Schnittstellenproblematik. Zu beobachten sei auch, dass Menschen, die in Pflegeeinrichtungen leben, im Vergleich zu Menschen, die im häuslichen Bereich ärztlich versorgt werden, mehr Krankenhausleistungen in Anspruch nehmen – sie sind damit kumulierenden Risiken ausgesetzt, wenn man nur an MRSA und andere Krankenhauskeime denke. Die Professorin ging auch auf die Problematik von Polypharmazie ein: Medikamenteneinnahmen, die nicht optimal waren, verursachen 10 Prozent der stationären Aufenthalte. 

Repräsentative, wissenschaftliche Studie der Hochschule Aalen zeigt: Etwa ein Drittel der Krankenhauseinweisungen von Heimbewohnern wäre vermeidbar; große Kostenersparnis möglich

Esslinger stellte auch die – repräsentativen – Ergebnisse der Forschungen vor, die im KWA Albstift Aalen durchgeführt wurden, auf der Basis von Arztbriefen, Einweisungsdiagnosen, Lebensläufen und Krankheitsverläufen von 91 Bewohnern, die im stationären Bereich leben. – Die wissenschaftliche Analyse und Bewertung der Krankenhausweisungen im Rahmen einer Forschungsarbeit von Birgit Heyden zeigte, dass etwa ein Drittel der Krankenhauseinweisungen vermeidbar gewesen wäre, wenn es eine Arztpräsenz und Kommunikation zwischen Ärzten gegeben hätte. So hätte man einer ganzen Reihe von Bewohnern diverses Leid ersparen können – und den Krankenkassen Kosten für Krankenhausaufenthalte und Krankentransporte. Die Polypharmazie-Problematik zeigte sich klar: Bei einem der drei Fallbeispiele, die Esslinger vorstellte, waren von verschiedenen Ärzten insgesamt 14 Medikamente verordnet.  

Zur weiteren Bewertung der heimärztlichen Versorgung waren Workshops mit der Hausleitung, der Pflegedienstleitung und Hausärzten durchgeführt worden, mit dem Ziel, verbesserungswürdige Punkte zu finden. Neben vermeidbaren Krankenhausaufenthalten wurden unter anderem ausgemacht: die Koordination und Kommunikation der Versorgung, Prozessabläufe, das Medikamentenmanagement, die Einbindung von Ärzten in Abläufe, die Erreichbarkeit von Hausärzten – und: die fehlende gesetzliche Grundlage  zu einer Kooperation mit Ärzten. 

Auf Basis der Studienergebnisse hat das Albstiftsteam um Manfred Zwick in Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern und interessierten Hausärzten ein Heimarztmodell  entwickelt, das neben einer Reihe von Verbesserungsmaßnahmen eine gesicherte ärztliche Versorgung, mit Bereitschaft auch an Wochenenden, vorsieht. Doch Krankenkassen und Ärzte haben den Versorgungsvertrag bisher nicht unterschrieben. Und das, obwohl Thomas Klie, Gerontologe und Jurist, im Auftrag von KWA einen Versorgungsvertrag entwickelt hat, der sich auf § 119b SGB V stützt. Auch der in der Studie ermittelten möglichen Kostenersparnis in Höhe von rund 93.000 Euro pro Jahr, allein für das KWA Albstift Aalen, durch die Reduktion von Krankenhauseinweisungen messen die Kostenträger bis dato keine Bedeutung bei. 

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