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Spuren des Lebens: Warum Biografiearbeit wichtig ist

In Erinnerungen schwelgen bedeutet, an die schönen Erlebnisse und glücklichen Momente des Lebens zurückzudenken. Belastende und unerwünschte Lebenserfahrungen legen wir hingegen lieber in einem Ordner ab, den wir ganz hinten im Regal verstauen. Die individuelle Prägung des Menschen jedoch ergibt sich aus der Summe des Erlebten.

Positive und negative Erfahrungen, äußere Umstände und Entscheidungen, die unser Schicksal beeinflussen, bilden die Mosaiksteine unseres Lebens. Dies wird insbesondere bei Demenz deutlich. Die Orientierung in der Gegenwart bricht nach und nach weg. Routine und Strukturen des Alltags verlieren an Bedeutung. Die Realität des Betroffenen findet in einer für Außenstehende schwer zugänglichen Lebenswelt statt. Ereignisse und Personen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließen ineinander und ein sich dadurch zwangsläufig veränderndes Kommunikationsverhalten stößt häufig auf Unverständnis. Gut gemeinte Belehrungen und Richtigstellungen führen mitunter zu vermehrter Verunsicherung und Desorientierung bei den Betroffenen und fordern nicht selten deren Widerstand heraus. Ein „Stöbern” in Erinnerungen kann für alle Beteiligten von großem Nutzen sein. In Gesprächen und Erzählungen in die Vergangenheit einzutauchen hilft, besser zu verstehen.

Auch unliebsame Erinnerungen drängen sich nun häufig ungefiltert und mit aller Macht wieder ins Bewusstsein und werden in die Gegenwart verortet. Geäußerte Ängste und Bedrohungsszenarien
sind somit ernst zu nehmen. Den Alltag wieder positiv zu erleben und mit Sinn zu erfüllen, kann mit Hilfe von Biografiearbeit gelingen. Biografisches Wissen sorgt dafür, dass Pflege persönlich werden kann. Nicht nur Krankheiten und Beeinträchtigungen werden gepflegt, sondern ein Mensch.

Durch die Kenntnis vieler biografischer Mosaiksteinchen kann eine Lebenswirklichkeit geschaffen werden, in der sich der Betroffene verstanden und respektiert fühlt. Ein wertschätzendes Miteinander schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der Angst und Beklemmungen möglicherweise gar nicht erst entstehen.

Ein wesentlicher biografischer Aspekt ist unser Gefühlsgedächtnis. Düfte, Musik, Haptik und körperliche Nähe haben uns unser ganzes Leben begleitet und können die unterschiedlichsten Erinnerungen in uns wachrufen. Wie angenehm roch es, wenn Mutter einen Kuchen gebacken hat. Ich fühlte mich geborgen, wenn Vater mich an der Hand nahm. Der Köter des Nachbarn war bösartig, deshalb fürchte ich mich vor Hunden. Alte Schlager und Kinderlieder kann ich mitsingen.

Je mehr biografische Informationen Mitarbeitern in der Pflege zur Verfügung stehen, je sensibler dieses Wissen eingesetzt wird, desto leichter kann die Isolation, in der sich der demenzkranke Bewohner befindet, aufgebrochen werden. Bei Frau Müller bringt ein gemeinsam gesprochenes
Abendgebet ruhigen Schlaf. Herrn Maier nimmt ein kleines Nachtlicht die Ängste. Jedoch auch Ablehnung, verbal geäußert oder durch abweisende Gestik zum Ausdruck gebracht, gilt es zu achten. Bitte nicht so viel Wasser über mein Gesicht, ich habe doch nie Schwimmen gelernt!

Autorin: Ursula Sohmen | Erschienen in alternovum. Das KWA Journal 01/2016


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