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Pflege außer Kontrolle?

Beim KWA Symposium 2018 in München als Referenten: Dr. Bernhard Opolony vom Bayerischen Gesundheitsministerium, Ingeborg Germann vom Rheinland-Pfälzischen Sozialministerium, Reiner Kasperbauer vom MDK Bayern, Prof. Dr. Thomas Klie vom Institut agp Sozialforschung und KWA Pflegeexpertin Bianca Jendrzej.

München, 9. Februar 2018. – Gerade dann, wenn kein Pflegeskandal Schlagzeilen macht, muss über Pflege geredet werden. Entlastung und ein Sofortprogramm verspricht der mühsam ausgehandelte Koalitionsvertrag. Noch ist er nicht in trockenen Tüchern. Beim diesjährigen KWA Symposium im KWA Georg-Brauchle-Haus wagte man unter der Überschrift „Pflege außer Kontrolle?“ eine Bestandsaufnahme und versuchte, zu skizzieren, wie Kontrollen in der Pflege künftig aussehen könnten.

KWA Vorstand Dr. Stefan Arend„Auf Pflege Angewiesene müssen auf Pflegequalität vertrauen können!“ – Mit dieser klaren Ansage positionierte sich KWA Vorstand Dr. Stefan Arend in seiner Begrüßung zum 16. KWA Symposium im KWA Georg-Brauchle-Haus in München. Der provokative Titel des Symposiums „Pflege außer Kontrolle?“ hatte bereits im Vorfeld Aufmerksamkeit erregt. Beleuchtet wurde dann vor allem das Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Vertrauen. Arend wies darauf hin, dass schon allein Begrifflichkeiten die Bandbreite des Verständnisses von Kontrolle belegen: Mal heißt es „Besuch“, „Begehung“, „Assessment“ oder „Inaugenscheinnahme“, mal geradeheraus „Prüfung“. 

Dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) und Heimaufsicht (FQA) nach völlig unterschiedlichen Kriterien prüfen, führe bei Mitarbeitern zu Verunsicherung und Unverständnis. Der KWA Vorstand sieht die Pflege unter zunehmendem Zwang, permanent Rechenschaft ablegen zu müssen. Das bindet Zeit, die an anderer Stelle für Zuwendung fehlt. In Bezug auf den Titel des Symposiums verwies Arend auf ein Buch des israelischen Historikers Yuval Noah Harari. In „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ setzt dieser sich mit der Entwicklung des Menschen auseinander. Die Titel der Buchkapitel lassen erahnen, wohin der Autor die Welt driften sieht, nämlich von „Homo sapiens erobert die Welt“ über „Homo sapiens gibt der Welt einen Sinn“ hin zu „Homo sapiens verliert die Kontrolle“. – Somit auch die Pflege außer Kontrolle?

Peter Steiert, stv. Amtschef am Bayer. Ministerium für Gesundheit und PflegeDer stellvertretende Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege Peter Steiert überbrachte Grüße von Staatsministerin Melanie Huml und Amtsleiterin Ruth Nowak. „Mit Veranstaltungen wie heute leisten Sie einen wichtigen Beitrag für die öffentliche Diskussion“, so Steiert. Die staatliche Verantwortung für Pflegebedürftige sieht er in Artikel 2 des Grundgesetzes begründet: Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Und: Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. 

Der aktuelle MDS-Pflege-Qualitätsbericht des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (GKV) zeigt laut Steiert einerseits Verbesserungen, so zum Beispiel seien seltener freiheitsentziehende Maßnahmen festgestellt worden. Andererseits gebe es noch einen Nachholbedarf in den Bereichen Wundversorgung und Schmerzmanagement. Forderungen, wonach MDK und FQA* zusammengefasst werden sollen, sehe man im Ministerium kritisch, weil der Dienst der Versicherungen und die staatliche Stelle unterschiedliche Ansätze verfolgen. Das Festhalten an getrennten Prüfungen heiße aber nicht, dass man nicht kooperieren könne. „Es geht uns nicht nur um Kontrolle. Wir alle können Bedingungen für Freiräume schaffen für mehr Zuwendung. Dazu brauchen wir auch die Angehörigen und die Einrichtungen. Verantwortung für gute Pflege tragen wir alle.“

Prof. Dr. Thomas Klie, Leiter des Instituts agp Sozialforschung an der Hochschule FreiburgEine Straßenumfrage, die KWA im Vorfeld des Symposiums in Zusammenarbeit mit der Hochschule Ansbach in Berlin und Nürnberg durchführen ließ, stimmte Prof. Dr. Thomas Klie, Institutsleiter von agp Sozialforschung, nachdenklich. Keiner der Befragten wusste etwas über die Kontrolle von Pflegeeinrichtungen. Klies Fazit: „Es scheint wichtig, soziale Aufmerksamkeit für die Pflege zu schaffen.“ Problematisch ist aus Klies Sicht, wenn man Menschen mit Pflegebedarf behandelt und bewertet wie Kunden. Das sei ein Zeichen der Ökonomisierung. „Verdienen muss man können. Aber die sozialstaatliche Aufgabe muss im Mittelpunkt stehen“, so Klie. Aufsicht und Supervision seien aus rechtsstaatlichen Gründen unverzichtbar.

Die Pflegeversicherung ist eine Teilleistungsversicherung. Das zwinge so manche Angehörige, entweder die Erwerbstätigkeit aufzugeben oder Hilfskräfte aus Osteuropa zu beschäftigen – die zum Teil ohne jegliche Qualifikation nicht nur den Haushalt führen, sondern auch pflegen. Was in keinem GKV-Bericht steht: „20 Prozent der Menschen, die in der eigenen Häuslichkeit gepflegt werden, sind zeitweise fixiert“, so Klie. „Da schauen wir weg.“ Der regulären Pflege gelte hingegen die volle Aufmerksamkeit. 

Interne und externe Qualitätssicherung in Pflegeeinrichtungen müssten ins richtige Verhältnis gesetzt werden. Eine personenzentrierte Qualitätssicherung scheint dem Pflegeexperten interessant. Was der MDK bei Begutachtungen feststellt, sei wertvoll. Dass wir weiterhin die 50-%-Fachkraftquote prüfen und bei Nichterreichen Abteilungen schließen, sei jedoch nicht sonderlich intelligent. Klie ist überzeugt: „Wenn viele Ehrenamtliche und Angehörige in Institutionen ein- und ausgehen, brauchen wir nicht viel Kontrolle.“ Durch Anreizsysteme könne man das fördern. 

Im Hinblick auf den Umgang mit Pflegebedürftigen zitierte Klie den Philosophen Aviaschai Margalit: „Eine Gesellschaft ist dann anständig, wenn ihre Institutionen die Menschen nicht demütigen.“ Die Kunst von Pflegenden und Angehörigen sei: durch Würde und Zuwendung dafür zu sorgen, dass es keine Demütigung gibt. Pflege und Vertrauen gehören für Klie in hohem Maß zusammen. Der bayerische Weg, zur Stärkung der Pflege keine Pflegekammer einzuführen, sondern eine „Vereinigung der Pflegenden“ als Körperschaft des öffentlichen Rechts ohne Pflichtmitgliedschaft, sei ein mutiger Weg. 

* FQA steht für: Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht, ist die Nachfolgeeinrichtung der Heimaufsicht. 

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