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Leben - so wie ich es will im KWA Georg-Brauchle-Haus

Von Kastanienbäumen zu Bananenbäumen und zurück

Liselotte Barz, Bewohnerin im KWA Georg-Brauchle-Haus, lebte fünf Jahre in Venezuela. In der aktuellen Ausgabe des KWA Unternehmensmagazins alternovum ist ein Portrait von ihr erschienen.

Rings um das Anwesen Zuckerrohr so weit das Auge reicht, bis an die Ränder des Urwalds, innerhalb des Anwesens Bananen-, Zitronen-, Kakao- und Kaffeebäume bis zur Veranda. So hat Liselotte Barz fünf Jahre lang gelebt: in Venezuela. Ihr Lebenspartner, ein Holländer, war dort Direktor in einer Zuckerfabrik.

Einmal im Monat fuhren sie ins 700 Kilometer entfernte Caracas. Trotz einer Begegnung mit Straßenräubern erinnert sie sich gerne an das pulsierende Leben und die kleinen Straßencafés.
Während ihr Mann bei Meetings war, nutzte sie die Gelegenheit, die Stadt auf sich wirken zu lassen und Dinge einzukaufen, die auf dem Land nicht zu bekommen waren. Dreimal im Jahr flogen sie über den Atlantik, um Verwandte zu besuchen oder neue Städte und Länder kennenzulernen. Deshalb weiß sie, wovon sie redet, wenn sie sagt: „Venezuela ist wunderschön.“

Abends gingen sie mit den beiden Hunden gerne am Strand spazieren: am nahen Maracaibo-See, einem Binnenmeer, das die größten Erdölvorräte Südamerikas birgt und im ganzen Land für Wohlstand sorgen könnte. Doch Korruption und Kriminalität verhindern dies. Am Wochenende sind sie oft in die Berge gefahren oder nach Aruba geflogen. Zu den ABC-Inseln war es nicht weit. Dort lebten viele Holländer, mit denen auch sie sich gut unterhalten konnte. Ihr Spanisch war nicht so gut.

Was sie besser konnte war Russisch. Das hat sie als Mädchen an der Schule gelernt – sie ist in Meißen geboren und aufgewachsen. Dass sie ein gutes Leben haben würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Der Vater fiel im Krieg, sie selbst war eine „aufmüpfige“ junge Frau. An ihrem ersten Arbeitsplatz – sie war Sekretärin an der Hochschule in Dresden – prophezeite ihr ihr Chef „Das wird noch ein böses Ende nehmen!“ – wenn sie wieder mal seinen Hut auf eine Büste von Karl Marx warf. Sie war viel in Westberlin, immer westlich gekleidet. „Die wussten genau, dass ich das Regime verachte“, sagt sie. Und so musste sie 1959 dann auch Hals über Kopf fliehen, hatte nur einen Aktenkoffer dabei, als sie in Berlin nahe der Sektorengrenze bei ihrer Tante unterschlüpfte. Als Reiseziel schwebte ihr Frankfurt am Main vor, weil ein alter Freund des Vaters dort eine Fabrik und somit Arbeit für sie hatte. Doch daraus wurde nichts. Der einzige Flug, der zu bekommen war, ging nach München.

Bis auf die Kleider am Leib und ein paar Mark in der Tasche hatte sie nichts, als sie am Tag nach der
Ankunft von einem kleinen Zimmer in Schwabing zur Hochschule München marschierte, um nach
Arbeit zu fragen. Tatsächlich konnte sie dort als Sekretärin anfangen. Damit war der Anfang gemacht. Der Bruder kam nach, gründete hier eine Familie. Auch die Mutter folgte, als sie Rentnerin war und ausreisen durfte. Sie selbst lernte in München sowohl ihren ersten Mann kennen – einen Kaufmann, der aus St. Petersburg stammte – als auch den Mann, dem sie 1990 nach Venezuela folgte. Sie war früh verwitwet, wagte mit Ende 50 den Sprung in eine andere Welt. Die Wohnung in München hat sie jedoch immer behalten. Und als der Partner in den Ruhestand ging, kamen sie hierher zurück. Nirgendwo hat Liselotte Barz länger gelebt als in München. Die Stadt der Biergärten mit mächtigen Kastanienbäumen ist ihre Heimat. Seit einem Jahr lebt sie im Georg-Brauchle- Haus, ganz nahe am Ostpark.

Erschienen in alternovum | 2/2017
Autorin: Sieglinde Hankele


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