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Talk in der Rosenau mit Andreas Renner

Über den Weg vom Oberbürgermeister in Singen bis hin zum Lobbyisten bei EnBW - er verantwortet dort aktuell den Bereich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Konstanz, 22. März 2018. – Stiftsdirektor Herbert Schlecht stellt den Talk-Gast des Abends vor: Andreas Renner. Nach 12 Jahren als Oberbürgermeister der Stadt Singen wechselte er im Jahr 2005 von der Kommunal- in die Landespolitik. Seit 2015 verantwortet Renner beim Energieversorger EnBW den Bereich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Moderator Stephan Schmutz startet mit einer tagesaktuellen Meldung in den Talk: Das operative Ergebnis von EnBW ist im Geschäftsjahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent gestiegen. Der Gast wertet das Geschäftsergebnis als Erfolg des gesamten Teams um Frank Mastiaux. Der Konzern komme ja aus dem Bereich Kernenergie, doch die Wende sei gelungen und man sei im Bereich der erneuerbaren Energien stark gewachsen. Das gute Gesamtergebnis sei jedoch auch auf zurückerstattete Brennelementesteuer zurückzuführen, die infolge eines Gerichtsurteils rund 1 Milliarde Euro in die Kasse von EnBW spülte.

Wie ein erfolgreicher Arbeitstag von Renner aussieht? Als Beispiel nennt der Talkgast einen Kommunaltag in Stuttgart, bei dem er zwei Seminare abhielt zum Thema „Energiepolitik in Deutschland und Europa“ und insgesamt etwa hundert Kommunalpolitiker dazu begrüßen konnte: Gemeinderäte, Kreisräte, Bürgermeister, Landräte. „Ein erfolgreicher Tag ist aber auch, wenn ich mit meinem Chef in Brüssel oder Berlin unterwegs bin und wir Gespräche mit Verbänden oder der Regierung führen“, so Renner.

Als "Chef-Lobbyist" vertritt Andreas Renner die Interessen des Energieversorgers EnBW

„In der Umgangssprache nennt man diesen Job Lobbyist“, konstatiert Stephan Schmutz. Das habe für viele ein „Gschmäckle“. Der Talkgast bleibt entspannt: „Ich bin ja sogar der Chef-Lobbyist, wenn man so will. Ich gehe damit locker um.“ Und in Brüssel sei der Lobbyist sehr angesehen. Manche denken, er gehe mit einem Geldkoffer durch die Welt. Das sei Unsinn. „Im Grunde genommen bin ich eine Art Dolmetscher zwischen der Lebenswirklichkeit meines Unternehmens und der Lebenswirklichkeit der Politik“, sagt Renner. Auch dazu hat er ein Beispiel parat: Es habe eine Verordnung zur Luftreinhaltung aus Brüssel gegeben, die alles neu aufgerollt habe, obwohl die ganzen Kraftwerke erst Milliarden in die Luftreinhaltung investierten hatten. Mit Verweis auf den Umstand, dass in Osteuropa diesbezüglich überhaupt nichts gemacht werde und die Wirtschaft davon stark betroffen wäre, konnte man durch Gespräche eine Übergangsregelung erwirken.

Stephan Schmutz hat ein weiteres Zitat zu EnBW dabei: „Dieses Unternehmen will mit der Zeit gehen und sich für die Energiewende einsetzen und deshalb künftig nur noch in Windkraft an Land und auf See sowie in Gaskraftwerke investieren.“ Dazu der Gast: „In Laufenburg haben wir bereits das modernste Wasserkraftwerk in Europa. Und wir haben über 20 Neckarkraftwerke.“ Das letzte Kernkraftwerk des Konzerns – Neckarwestheim II – werde 2022 geschlossen. Aufgrund des hohen Zuwachses an erneuerbaren Energien habe der Konzern in den vergangenen drei Jahren in Baden-Württemberg faktisch alle Kohleblöcke stillgelegt, die nicht für Fernwärme gebraucht werden. Angesichts der aktuellen Kohle- und CO2-Diskussion prognostiziert Renner, dass es künftig zur Sicherung der Grundlast neben erneuerbaren Energien nur noch Gaskraftwerke geben wird. EnBW hat Transportnetze, Kraftwerke und Gas.

Wenig bekannt: EnBW ist die in Deutschland führende Schnellladesäuleninstallationsfirma 

Schmutz spricht Renner auf ein Projekt zum Straßenverkehr an, an dem Kommunen und das Land beteiligt sind – es geht um Stromladesäulen. Da wolle EnBW dabei sein. Dies bestätigt der Gast und erklärt: Öffentliche Stromtankstellen werden alle mit Ökostrom versorgt. Stuttgart sei in Bezug auf Ladepunkte führend in ganz Deutschland. Das habe man EnBW zu verdanken. „Wir sind die führende Schnellladesäuleninstallationsfirma in Deutschland“, so der EnBW-Vertreter. Man baue aber auch normale Stromtankstellen. Aus Renners Sicht ist das Problem der Elektromobilität nicht die Lade-Infrastruktur.

Welches Projekt der Talkgast für besonders wichtig halte, möchte der Talkmoderator wissen. Die Einsparung von CO2 sei die wichtigste Maßnahme. Das sei inzwischen Firmenphilosophie. – Die neue Bundesregierung ist ihm diesbezüglich zu zaghaft. Man könne nicht auf alle in Europa warten, sollte vielleicht mit Frankreich einen Sonderweg gehen. „Wenn wir als reiches Land in dem Punkt nicht massiv etwas tun, können wir nicht verlangen, dass Entwicklungsländer etwas tun“, so Renner.

Stephan Schmutz schwenkt in die Vergangenheit. Von April 2005 bis Januar 2006 war Andreas Renner Landesminister für Arbeit und Soziales. Das Team des Ministeriums war laut Talkgast sehr motiviert, es sei eine Aufbruchstimmung zu spüren gewesen. „Wir haben in dieser Zeit sehr viele Wegmarken gesetzt.“ Das habe ihm Spaß gemacht, aber auch viel abverlangt, weil die Thematik fachlich komplex sei. Den Grund für seinen Rücktritt nach nicht mal einem Jahr erklärte der Talkgast mit Aussagen, die mit hoher Emotionalität verbunden waren. Er habe gerne unter Günther Oettinger gearbeitet. Dass er seine Pläne im Ministerium nicht verwirklichen konnte, habe ihn zunächst aus der Bahn geworfen. Doch Andreas Renner hatte ein großes Netzwerk – er war 16 Jahre lang im Bundesvorstand der CDU und konnte auch auf Bundesebene Erfahrungen vorweisen.

Als OB von Singen hat Renner Weichen gestellt für: die Landesgartenschau und die Stadthalle

Ob er sich da nicht nach der Zeit als OB von Singen zurückgesehnt habe? Das verneint der Talkgast. Ihm sei immer klar gewesen, dass das ein Amt auf Zeit ist. Er habe in seinem Umfeld drei Beispiele vor Augen gehabt, bei der die dritte Amtsperiode die schlechteste war. Das wollte er weder sich noch der Stadt zumuten. Stephan Schmutz führt Andreas Renner gedanklich zurück nach 1993, in sein erstes Amtsjahr als Bürgermeister, will wissen, was die größte Herausforderung war. Dazu der Talkgast: Der Konkurrenzkampf von Singen und Konstanz war ein künstlicher, weil die Städte überhaupt nicht vergleichbar seien. Konstanz eine alte Stadt am See, Singen eine über zwei Weltkriege gewachsene Arbeiterstadt. Den Schönheitswettbewerb hätte seine Stadt nie gewinnen können. Vorgefunden habe er Schulden und Wohnungsnot. Und dann verrät er, wer ihm beim Start geholfen hat: Der damalige Baubürgermeister von Konstanz, Ralf-Joachim Fischer. „Der ist mit mir einen halben Tag lang durch Singen gelaufen und hat mir gesagt, wo er Handlungsbedarf sieht. Das war ein toller Kollege.“ – Fischer sitzt im Publikum, bekommt Applaus. Er lebt in der Rosenau, engagiert sich hier als Stiftsbeiratsvorsitzender.

Das nächste Thema: Die Landesgartenschau 2010. Konstanz wollte sie nicht, Singen nahm sie gerne. Im Rahmen einer Gartenschau gibt es viele Fördertöpfe, auch für Tiefbau und Hochbau. Das habe Singen gut brauchen können. „Mit der Gartenschau haben wir tatsächlich 30 Jahre Stadtplanung auf einen Schlag erledigt und der Stadt ein neues Gesicht gegeben. Und vor allem Selbstbewusstsein“, berichtet Renner. Es gab eine hohe Anzahl an Dauerkartenbesitzern. Viele davon seien jeden Tag zu Veranstaltungen auf der Gartenschau gegangen. Singen blühte auf. – Da hat vielleicht so mancher Konstanzer neidisch in die Nachbarstadt geblickt.

Und noch etwas konnte Konstanz laut Stephan Schmutz von Singen lernen: Nämlich, wie man zu einer Stadthalle kommt. – Damit produziert der Moderator Gelächter. Renner beschreibt, dass es ein langer Weg war. Die Scheffelhalle aus den 20er Jahren sei zwar für Faschingsveranstaltungen und Boxkämpfe das Richtige gewesen. Doch die neue Halle habe eine gute Technik und eine gute Akustik, ist somit für verschiedene Zwecke geeignet. Die Konstanzer Interimslösung sieht Renner kritisch, da der Bau als Industriebau konzipiert war. Was er nicht geschafft hat während seiner Amtszeit als OB? „Vieles“, gesteht Renner. „Man wird nie fertig in einer Stadt.“

Renner ruft der Bundesregierung zu: Strengt euch an! Macht was draus! Löst die Probleme!

2012 wollte Andreas Renner OB in Stuttgart werden. Geworden ist es Fritz Kuhn von Bündnis 90/Die Grünen. Seine Kandidatur in Stuttgart hält er im Rückblick für einen Fehler. Für die Zeit als OB in Singen sei er dankbar. Doch jetzt sei er in einer ganz anderen Lebensphase. „Ist die Politik jetzt abgehakt?“, will der Moderator wissen. Nein, er sei immer noch politisch und habe noch viele politische Freunde – und engagiert sich auf kommunaler Ebene nach wie vor in der CDU, hat einen Sitz im Kreistag. Bei den Parteien sieht Renner Erneuerungsbedarf. Das Scheitern von Martin Schulz habe er vorausgesagt. Er leide aber auch mit seiner Partei. „Das mit Merkel ist gerade noch einmal gutgegangen.“ Man müsse den Regierungsparteien sagen: „Strengt euch an. Macht was draus. Löst die Probleme. Und schwätzt nicht immer nur drum herum.“

Stephan Schmutz geht in die Schlussrunde, fragt: „Wenn die gute Fee dir einen Wunsch erfüllen würde. Was würdest du dir mit Blickrichtung Berlin wünschen?“ Renners Antwort: „Ich würde mir die AfD aus dem Bundestag wünschen.“ Und für Brüssel? „Weniger Regulatorik und mehr politische Strukturen, die die Menschen verstehen. – Ohne die EU werden wir international nicht bestehen können.“ Renners Wunsch für das Land Baden-Württemberg? „Ich würde mir wünschen, dass meine Partei wieder mehrheitsfähig wird. – Ich muss aber auch gestehen: Ich bin ein großer Fan und ein guter Freund von unserem Ministerpräsidenten.“ Und für Singen? „Eine Gesundheits-Infrastruktur, die dem Reichtum unseres Landes angemessen ist.“ 

Sieglinde Hankele

Von links: KWA Aufsichtsratsmitglied Wolf-Dieter Krause, Talk-Moderator Stephan Schmutz, Talk-Gast Andreas Renner, Talk-Organisatorin Marina Gernard, KWA Stiftsdirektor Herbert Schlecht (Foto: Hanna Binder)


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