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Talk in der Rosenau: "Bauchfrei"?

Monique Würtz im Gespräch mit Dr. Heinrich Everke: Die Themenbandbreite spannte sich von seinem Buch über Diäten bis hin zu seinem Engagement im Konstanzer Hospizverein.

Konstanz, 29. Oktober 2014. – Dr. Heinrich Everke ist seit vielen Jahren in Konstanz als Arzt für Allgemeinmedizin, Akupunktur, asiatische Medizin und Homöopathie tätig. Vielen Konstanzern ist er auch bekannt als Gründer des Konstanzer Hospizvereins sowie als ehrenamtlicher Stadtrat. Ein vielbeschäftigter Mann, der sich dennoch die Zeit genommen hat, ein Buch zu schreiben: „Bauchfrei“.

„Sie werden es nicht glauben, da haben doch einige unserer Gäste im Saal mir ernsthaft vorgeschlagen, Sie heute auf unserer Bühne mit freiem Bauch zu begrüßen! Aber ehrlich“ – und dann geht es in gemütlichem ‚Alemannisch‘ weiter  – „I' hab' mi' aber net so richtig ’traut, au wenn i' e' weng stolz bin auf mei' flach's Bäuchle, gell“, so die Begrüßung des Gastes durch Stiftsdirektor Herbert Schlecht. – „Dann haben Sie aber Glück gehabt und brauchen auch mein Buch nicht zu lesen, von dem ich einige Exemplare für interessierte Gäste am Bühnenrand ausgelegt habe", antwortet der große, schlanke Mediziner. – Spot on – Mikrofone auf! Und schon nimmt Moderatorin Monique Würtz den Faden von Herbert Schlecht auf. Natürlich habe auch sie sein Buch gelesen und frage sich: „Wie kommt man dazu, die Fülle vorhandener Ratgeber und Diät-Angebote in den Medien um ein weiteres Buch zum Kampf gegen ungeliebte Röllchen und Pölsterchen zu bereichern?"

Kann man wirklich mit einer Nadel mühelos abnehmen?

Dr. Everkes Antwort: „Da muss ich – wie bei vielem in meinem Leben – mit einer Geschichte beginnen.“ Schon früh habe er sich für Akupunktur interessiert. Auf einem österreichischen Kongress zum Thema habe er einen Wiener Professor die Frage stellen hören: „Ja, kennen Sie denn den Fresspunkt net?“ – Ein Punkt im Ohr, in den man mit einer Akupunktur-Nadel nur hineinzupieken brauche, schon lasse sich der Appetit eines Menschen zügeln. „Zu schön, um wahr zu sein! Sie können sich denken, ich war mehr als skeptisch, aber genauso neugierig und hab' mich getraut.“

Zunächst sei eine Mitarbeiterin bereit gewesen, „beim Zaubern“ mitzumachen und – „ja, sie war begeistert!“ In seiner Praxis habe man zunächst Stillschweigen verabredet. Aber auf wundersame Weise sei die Sache doch bekannt geworden. So habe sich seine Praxis mit Patienten gefüllt, die auch vom Nadel-Wunder des mühelosen Abnehmens profitieren wollten. „Und es gab Patienten, die mühelos abgenommen, aber irgendwann auch wieder zugenommen haben." Aber wann und warum? Warum hielt der Zauber nicht an, ab welchem Gewicht rebellierte offensichtlich der Körper gegen die Nadeln? So habe sich das Thema Abnehmen über die Jahre zu einem seiner Hauptarbeitsgebiete entwickelt.

Leider, so der Arzt, haben Familie, Freunde, Kollegen, die Werbung und die ganze Gesellschaft großen Einfluss auf unsere Wünsche und Hoffnungen; irgendwann im Leben gebe es bei fast jedem Menschen Phasen, wo Schlanksein mit Attraktivität, Leistungsfähigkeit und Erfolgreichsein gleichgesetzt werde, dabei aber meistens völlig ausgeblendet bleibe, wie unser Körper über unsere Träume vom Schlankwerden denkt.

Seelisches und körperliches Wohlbefinden durch Bewusstseinsveränderung

Ja, er erinnere sich an Schicksale, wo Menschen ihrem Körper im Auf und Ab des Kämpfens mit der Waage über die Jahre mehr Kilos abgerungen hätten, als ihrem gesamten Körpergewicht entsprach: verlorene Jahre der Entbehrung, des Verlustes an Lebensqualität und Lebensfreude.

Der Körper sei autonom, er habe einen eigenen Willen. Die Sprache, in der wir mit unserem Körper kommunizieren könnten, sei unser körperliches Wohlbefinden. Er wolle Patienten mit Gewichtsproblemen darum Wege zu einer Bewusstseinsveränderung zeigen. Sie versöhnen mit den Bedürfnissen ihres Körpers, ihnen zeigen, dass der Körper nach seinen eigenen Regeln funktioniert. „Nur wenn unser Körper sich wohlfühlt, können auch wir uns wohl fühlen." Er wehre sich, wenn Grenzen überschritten werden, er hole sich zurück, was wir ihm zu viel wegnehmen! Er trage eine individuelle Programmierung in sich, die bei jedem Menschen anders sei. Zwei, drei Kilo rauf oder runter trage der Körper gutmütig mit. Gegen massivere Grenzverletzungen wehre er sich aber. Unser Körper durchlaufe mit uns verschiedene Lebensphasen, in denen wir und unser Körper sich veränderten, so auch „unser“ Sollgewicht.

Everke berichtet von sich dehnenden Fettzellen, von der Bedeutung des Wachstums-hormons STH und vom Insulin, von unseren Essgewohnheiten und, und, und … So gebe es genetische und hormonelle Unterschiede zwischen den Menschen. Schließlich zieht er das Fazit, dass es ein ganzes Puzzle von Ursachen gebe, die einzeln oder in Kombination unser Körpergewicht beeinflussen. – Ob unter den nachdenklichen Zuhörern jetzt vielleicht doch der eine oder andere den Kauf von „Bauchfrei“ in Erwägung zieht?

Wer das Buch liest, findet eine Fülle von Anregungen zum Thema Abnehmen und zum besseren Verstehen des „Wunders unseres Körpers", aber auch dazu, Träume Betroffener und ihre individuellen Lebenswirklichkeiten – realistischer und trotzdem voller Lebensbejahung – wieder miteinander auszusöhnen.

Nach Jahren ein Wiedersehen mit einer fröhlichen Patientin

Auf der letzten Seite seines Buches zitiert Heinrich Everke eine frühere Patientin, bei der das Abnehmen auch mal nicht so richtig geklappt habe. Bei einer späteren Begegnung sei sie plötzlich wohlgelaunt und schlank (!) gewesen und habe gesagt: „Ach Herr Doktor, eigentlich habe ich nichts gemacht, sondern nur aufgehört über mein Gewicht nachzudenken. Mir geht’s, so wie ich bin, einfach gut. … Ich bin glücklich … und abgenommen hab' ich dabei auch noch!“

Dr. Heinrich Everke: Ein Mensch mit großem Herz und ganz viel Neugier

Monique Würtz wechselt das Thema, fragt den Gast nach dem Hospiz in Konstanz. Dazu sagt Everke: Ein guter, an Krebs erkrankter Freund aus England habe ihn auf die Idee gebracht. Das Hospiz erfreue sich inzwischen großer Wertschätzung in der Region und finanziere sich ausschließlich aus Spenden und einigen Zuwendungen aus Erbschaften. Es sei ein Hospiz, das in erster Linie auf die häusliche Pflege setze, was sich die meisten Patienten wünschten. Darauf habe er sich mit seinen Helfern entsprechend spezialisiert. Das Hospiz sei ihm nach wie vor eine Herzensangelegenheit.

Auch sein Mandat als ehrenamtlicher Stadtrat nehme er mit großem Vergnügen und noch mehr Neugier wahr; das liege in seiner Familie wohl in den Genen, da gebe es noch eine ganze Reihe von Bürgermeistern! Und dannn kommt „der Doktor“ so richtig ins Schwärmen, was er als Stadtrat noch so alles bewirken könne in seiner Stadt!

„Gibt es denn noch irgendwas, was Sie der Stadt, über alle Ihre Ideen hinweg, ganz besonders wünschen?“, möchte die Moderatiorin noch von ihm wissen. „Ja“, antwortet er strahlend, „unbedingt: ein Konstanzer Museum für moderne Kunst!“

Giselher Sommer


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