Zur Haupt-Navigation springen | Zum Inhalt springen

50 Jahre KWA Kuratorium Wohnen im Alter
Menue
KWA Veranstaltungen

20. Talk in der Rosenau: Monique Würtz im Gespräch mit Edzard Reuter

Edzard Reuter war dem Publikum vor allem als einstiger Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG in Stuttgart bekannt, einigen Gästen auch als Buchautor. Im KWA Parkstift Rosenau hat er über seine Kindheit berichtet und auch Stellung bezogen zu aktuellen Fragen.

Konstanz, 30. Juli 2014 – Dieser letzte Mittwoch im Juli 2014 könnte Eingang in die Annalen der Konstanzer Rosenau finden! Aus diesem Jubiläums-Talk ist ein sehr persönliches, einfühlsam geführtes Gespräch zwischen Monique Würtz und Edzard Reuter geworden, ein bleibendes, unerwartetes Jubiläums-Geschenk, zum „Mitnehmen nach Hause“ für alle 150 Gäste, teils aus der nahen See-Region, teils auch weit aus der Schweiz. Auch die beiden KWA Vorstände Horst Schmieder und Dr. Stefan Arend waren präsent sowie KWA Aufsichtsratsmitglied Wolf-Dieter Krause und der Vorsitzende des Konstanzer Stiftungsbeirats Dieter Kluge.

Die beiden Gäste – Edzard und Helga Reuter – betreten den Saal, lassen das Blitzlichtgewitter über sich ergehen; dann nimmt der schlanke, groß gewachsene Edzard Reuter die Stufen zur Bühne, rückt seinen Sessel so zurecht, dass er seine Gesprächspartnerin und die Gäste im Saal im Blick behält. Herbert Schlecht, Stiftsdirektor im KWA Parkstift Rosenau, erinnert in seiner Begrüßungsansprache an die Anfänge des „Rosenau-Talks“ vor zwei Jahren, an die ersten 19 prominenten Talk-Gäste aus Kunst, Kultur und Politik der Vierländer-Region um den See, die mit dazu beigetragen haben, dass „der Talk in der Rosenau“ eine Erfolgsgeschichte wurde, die aus einer „tollen Idee von Marina Gernard und Monique Würtz" im Jahre 2012 entstanden ist. Doch nun zum Talk:

Skifahren und Theaterbesuche bereiten Edzard Reuter immer noch Vergnügen

„Herr Reuter“, startet Monique Würtz, „wir kennen uns aus gemeinsamen Stuttgarter Tagen, aus Pressegesprächen: Ich, die junge Journalistin der Wirtschaftsredaktion des Süddeutschen Rundfunks und Sie, der große Auto-Manager, wo es um Bilanzen und Strategien „beim Daimler“ ging. Ich weiß, die Zeit des großen „Auto-Bosses“ haben Sie lange und ganz bewusst hinter sich gelassen. In jener Zeit gab es Erfolge, aber auch Enttäuschungen für Sie. – Sie haben Ihrem Leben schon lange andere Prioritäten gegeben, sich gemeinsam mit Ihrer Frau Helga an vielen Orten in der Welt sozial engagiert, um Menschen in Not zu helfen. Sie haben zahlreiche Bücher geschrieben, schätzen Kunst, Musik, Oper und Theater, Sie sind ein begeisterter Segler auf unserem See und laufen beide Ski. Auch heute, im Alter von 86 Jahren, sind Sie ein geschätzter Ratgeber – beispielsweise in der Wirtschaft. Ihr Wort hat Gewicht! Aber Sie sind auch jemand, der mit Leidenschaft aneckt, wenn Sie sehen, wo in unserer Gesellschaft – Beispiel Bankenkrise oder Euro – etwas aus dem Ruder läuft.“

Dazu hat Reuter gleich eine humorige Antwort parat: „Ein ganze Menge stimmt ja bei dem, was Sie gesagt haben.“ Das Segeln sei jedoch gestrichen, das Zurückklettern ins Boot nach einem Platscher ins Wasser sei doch etwas anstrengend geworden. Das Skifahren betreibe er mit seiner Frau und Freunden immer noch mit viel Vergnügen, oft seien sie in Stuttgart im Theater, „aber  zwingen Sie mich bitte nicht, nach Bayreuth zu fahren!“ – Der Beifall ist lebhaft, der Gast bei seinen Zuhörern angekommen.

Der einstige Daimler-Benz Vorstandsvorsitzende glaubt an Ingenieurskunst und Mobilität auch in Zukunft

Reuter greift auch das von Monique Würtz gegebene Stichwort „Verletzungen“ am Ende seiner Zeit bei Daimler auf. „Nennen Sie mir ein Leben ohne Verletzungen. Doch aus Verletzungen werden Narben, die nicht mehr schmerzen“. Im Übrigen sei auch die Zeit seines Nachfolgers längst abgelaufen. Den Leistungen der heutigen ersten Ebenen in Stuttgart, München und Wolfsburg zolle er aber hohen Respekt. Dort werde versucht, das Auto für die Herausforderungen der nächsten zwanzig Jahre fit zu machen. – Bei der Frage nach dem Auto in fünfzig Jahren bleibt Reuter vage – und räumt das auch ein. Es mache keinen Sinn, die knapper werdenden Lebensräume der Menschen „mit immer mehr Autos  zu verstopfen“. Das Auto – so wie wir es heute kennen – sei eine „Spezies“, die ihren Höhepunkt auf der ganzen Welt mehr oder weniger überschritten habe. „Da ich ein Optimist bin, glaube ich, dass menschliche Ingenieurskunst bis dahin mit dann verfügbaren Technologien ganz andere Mobilitätskonzepte anbieten kann, die auch künftig  die notwendige Mobilität der Menschen gewährleistet“. Darüber werde auch heute schon nachgedacht.

„Lieber Herr Reuter, Ihr Leben, wenn Sie jetzt zurückblicken, war lang und aufregend, lassen Sie uns ein wenig daran teilhaben. Sie sind der Sohn des legendären, unvergessenen Ernst Reuter, der zunächst Oberbürgermeister in Magdeburg war, dann von den Nazis abgesetzt und zweimal ins KZ geschickt wurde, zwei Mal fliehen konnte und nach dem Krieg in der Zeit von 1948 bis 1953 Regierender Bürgermeister im abgeschnürten Westberlin war – im Berlin der legendären Rosinenbomber. Sie waren ein kleiner Junge, in die Zeit des Niedergangs der Weimarer Republik und der folgenden Machtergreifung der Nazis hineingeboren. Gibt es eigene bewusste Erinnerungen des kleinen Edzard?“

"Kriege, Dikaturen und ihre Bösartigkeiten haben schreckliche Konsequenzen für Kinderseelen" 

Edzard Reuter antwortet: Ja, er habe klare Erinnerungen. Er habe ein sehr politisches Elternhaus gehabt. Politik sei ständig präsent gewesen. Er erinnere sich an die Entlassung des Vaters aus dem Amt des Oberbürgermeisters in Magdeburg, die beiden Festnahmen des Vaters, seine Flucht nach London, und auch daran, wie die Familie später in Hannover sorgenvoll auf ein Zeichen des Vaters gewartet habe, um nachzukommen. Der Vater sei in England als Flüchtling auf völliges Unverständnis gestoßen, weil Hitler vorübergehend als der Politiker eingeschätzt  worden sei, dem man zutraue, endlich das Chaos in Deutschland aufzuräumen. Aus dieser Zeit habe er zwei traumatische Erinnerungen mitgenommen: Da war der mit Spannung erwartete erste Schultag mit Ranzen und Schultüte, der sehr schmerzlich endete: Als Sohn eines unerwünschten sozialdemokratischen Vaters sei er von einem „feindseligen“ Lehrer  gleich abgewiesen und allein in die allerletzte Bank unter ein Bild des Führers verbannt worden.

Und ein zweites Erlebnis von Ohnmacht und Furcht sei ihm präsent geblieben. Bei einem Spaziergang mit der Mutter in Magdeburg habe er in kindlichem Übermut ein herunterhängendes Wahlplakat der Nazis von einer Wand gerissen, ein mürrischer Polizist in Helm und dunkler Uniform habe zu Hause geklingelt und von der Mutter streng die Bestrafung des Kindes verlangt. „Die Konsequenz solcher Erfahrungen mit Bösartigkeit oder dunklen, dumpfen Uniformen und Helmen bei Kindern ist eine früh in ihren kindlichen Seelen versenkte, bleibende Furcht!“ – Nachdenklich fügt er hinzu: „Und das, was mir damals widerfuhr, was wir alle gerade in unserer Welt erleben, mit ihren Kriegen, ihren Diktaturen  und ihren Bösartigkeiten gegenüber Kindern, wird wieder schreckliche Konsequenzen für Kinderseelen haben!“

Lehrerin Kudret hat in Ankara bei dem Jungen Edzard den Ehrgeiz geweckt

Monique Würtz: „Und dann gab es die große Wende zum Guten im Leben der Familie, erzählen Sie davon!“ – „Ich war gerade sieben Jahre alt, da erhielt der Vater aus der Türkei das Angebot, in Ankara die neue Regierung unter Kemal Atatürk beim Aufbau einer modernen Verwaltung  zu beraten. Die Türkei war damals gerade auf dem Weg, sich zu einem säkularen, modernen Staat westlicher Prägung zu entwickeln.“ Den Abschied von den deutschen Klassenkameraden und einfühlsamen Lehrern in der zweiten Klasse habe er schmerzlich erlebt – aber da war auch die Neugier auf das Neue! Da lockte das Abenteuer am Bosporus, dem er mit Spannung und Aufgeschlossenheit entgegengefiebert habe. Zu diesem Glückserleben habe eine Frau beigetragen: Frau Kudret, seine neue Lehrerin in Ankara. Sie hat ihn und einige weitere Flüchtlingskinder in Privatunterricht über alle Fächer hinweg bis zur Abitursreife begleitet – „und das ganz ohne Schulbücher, die es damals nicht gab.“

Frau Kudret, eine in der Türkei verheiratete Deutsche, habe ihre Schüler liebevoll und mit der ihr eigenen natürlichen Autorität ohne Zwang unterrichtet, sie, „die wir liebevoll „unsere Ku“ nannten“, habe es verstanden, den natürlichen Ehrgeiz der ihr anvertrauten Kinder zu wecken und ihre Kameradschaft zu fördern. „Sie verlieh uns Flügel. Bei ihr habe ich viel über den Umgang mit Menschen und das Einfühlen in sie gelernt.“ 1946 sei die Familie ins zerstörte Berlin zurückgekehrt; unter schwierigen Bedingungen habe er dort das deutsche Abitur nachmachen müssen. Doch auch hier habe die Erziehung der „lieben türkischen Ku“ über viele Anfangshürden im zerstörten Deutschland hinweggeholfen. „Noch heute bin ich stolz darauf, ein halber Türke zu sein!“, ruft er temperamentvoll.

Die Beschneidung von Freiheiten in der Türkei sieht der "halbe Türke" mit Sorge

Monique fragt den Talk-Gast nach seiner Sicht der aktuellen Entwicklungen in der Türkei. In der Türkei – so Reuter – habe sich in den letzten 20 Jahren in den Lebens- und Arbeitsbedingungen sehr vieles zum Besseren der Menschen verändert. Er sei aber in Sorge, wenn er sehe, wie eine Regierung, die von vielen Menschen durchaus positiv wahrgenommen werde, im Begriffe sei, langfristig grundlegende Freiheiten nach und nach zu untergraben. Eine Türkei, die ernsthaft osmanischen Träumen nachhänge, könne zu einem Problem für Europa werden.

Der Weltbürger Reuter plädiert für eine politische, wirtschaftliche und militärische Einheit in Europa

Monique „lockt“ ihren Gast auf neues Terrain, fragt nach Angela Merkel. – Reuter lässt sich locken, sagt, er habe großen Respekt, wie klug und mit welch ruhiger Hand sie zurzeit Führung in Europa zeige und auch die Eurokrise gemanagt habe. So habe sie Autorität und Respekt in einem nicht immer einigen Europa gewonnen. Auch wenn es derzeit nicht populär sei, müsse Europa – wenn es seine Interessen in einer sich neu formierenden Welt wahren wolle – politisch, wirtschaftlich und auch militärisch zu einer Einheit finden. Dazu gehöre, dass Politiker endlich den Mut aufbringen, den Menschen die Wahrheit zu sagen – selbst um den Preis, mal eine Wahl zu verlieren. „Wenn den Menschen Europas das Ziel aus den Augen gerät, darf man sich nicht wundern, wenn Vereinfacher die Gunst der Stunde nutzen, dreist daraus Kapital zu schlagen!“

Monique Würtz: „Lieber Herr Reuter, danke, dass Sie zu unserem Jubiläum gekommen sind! Und weil es so unterhaltsam ist – bitte ärgern Sie sich auf Ihrem hohen Niveau noch ein bisschen weiter und ärgern Sie auch uns!“

Gastbeitrag von Giselher Sommer

 


« zurück
nach oben

© KWA

nach oben