Zur Haupt-Navigation springen | Zum Inhalt springen

50 Jahre KWA Kuratorium Wohnen im Alter
Menue
KWA Parkstift Rosenau
Leben - so wie ich es will im KWA Parkstift Rosenau

Talk in der Rosenau: Stephan Schmutz im Gespräch mit Harald Jacoby

Das Engagement des Naturschützers gilt dem Wollmatinger Ried.

Konstanz, 24. November 2016. – Auf dem Foto des Ankündigungsschreibens für diesen Abend sieht Harald Jacoby – mit seinem tief gebräunten Gesicht, dem schicken "Mehr-Tage-Bart", der Sonnenbrille und der NABU-Schirmmütze, dem Holzfällerhemd und der Wetterjacke, neben sich sein Spektiv  – aus wie ein richtiger „Ranger", obgleich dieses Wort den ganzen Abend nicht fallen wird.

Die Konstanzer kennen "ihren" Vogelschützer und sie alle wissen, was sie an ihm haben, darum ist der Saal im KWA Parkstift Rosenau auch diesmal wieder voll besetzt. Wer ihn nicht persönlich kennt, hat zumindest von ihm gehört oder in der Presse gelesen. Zahlreiche Bücher und Artikel hat er zu seinem Lebensthema, dem Natur- und Vogelschutz, geschrieben. Wer hier am See respektvoll von ihm spricht, denkt zuerst an sein größtes Projekt, das er auch heute noch – inzwischen 76 Jahre alt – als ehrenamtlicher Leiter des Naturschutzzentrums Wollmatinger Ried mit betreut. 

In vielen Organisationen war er tätig, unter anderem Geschäftsführer der internationalen Bodensee-Stiftung und Mitbegründer der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Bodensee. Das Wollmatinger Ried wurde 1973 vom Internationalen Rat für Vogelschutz zum Europareservat erklärt, nachdem es schon vorher – im Jahr 1968 – das Europa-Diplom des Europa-Rates erhalten hatte; und so stieg es in die „Premier League“ der bedeutendsten europäischen Naturschutzgebiete auf. – Eine große europäische Ehrung, die aber an hohe Auflagen gebunden ist und in gewissen Abständen immer wieder neu verdient werden muss. Harald Jacoby also Mister „Wollmatinger Ried“?

Ein Leitgedanke von Harald Jacoby: Vögel brauchen die Natur, und die Natur braucht sie

„Wir beide kennen uns schon viele Jahre und wir duzen uns auch", so Stephan Schmutz bei der Begrüßung. „Bei vielen Exkursionen durch das 750 Hektar große Ried zwischen der Insel Reichenau, Allensbach und Konstanz mit seinen Feuchtwiesen, Auwäldern, Schilfflächen und Flachwasserzonen hast du auch mich für die Bedeutung des Natur- und Vogelschutzes rund um unseren See sensibilisiert. Was war der Grund, dich nach vielen Jahren im Schuldienst hauptberuflich dem Natur- und Vogelschutz zuzuwenden?“

Schon als fünfzehnjähriger Schüler habe er das Leben des eigenen kleinen Zeisigs in seinem Käfig daheim und später des Kanarienvogels aus der Tierhandlung als trostlos empfunden. „Vögel wollen fliegen, brauchen die Natur, und die Natur braucht sie. Das wurde zu einem Leitgedanken meines Lebens. Der Wechsel war für mich nur konsequent.“

Ein gesunder See und eine gesunde Natur schaffen Lebensqualität

Und dann wendet er den Blick den Gästen im Saal zu: „Schauen wir uns den Flächenverbrauch rund um den See an, weil Verkehrswege ausgebaut werden müssen oder neue Siedlungsflächen entstehen. Auch Wirtschaft und Tourismus haben ihre Berechtigung in dieser jahrhundertealten Kulturlandschaft. Aber sind uns die Folgen eines ungezügelten Wachstums wirklich klar!? Wenn wir und unsere Kinder auch in Zukunft hier gesund leben wollen, dann brauchen wir eine gesunde Natur und müssen ihr dafür vernünftig dimensionierte Flächen überlassen, wo Tiere und Pflanzen geschützt leben können. Ein verödeter See ist kein Touristen-Magnet. Noch kommen fast 30 Millionen Besucher jedes Jahr hier zu uns. - Ist nicht leicht einzusehen, dass nur die Summe aus gesundem See und gesunder Natur in unser aller Interesse liegt, weil sie Lebensqualität schafft und sogar zu einem Wirtschaftsfaktor für uns wird?“

Hier sehe er große Verdienste der kleinen Insel Mainau, die sich das Ziel gesetzt habe, ihren zahlreichen Gästen möglichst viel Natur zu zeigen: „Theo Leutengger hat da tüchtig Vorarbeit geleistet. Gäbe es die Insel nicht, müsste man sie erfinden!“

Der Bodensee: ein strategisch wichtiger Ort für Europas Zugvögel

Der Moderator: „Du hast mir bei unseren Streifzügen durchs Ried erzählt, dass der See und das Naturreservat Ried Lebensraum und Brutstätten für rund 60 verschiedene Vogelarten bieten und du hast uns einige Bilder von ihnen mitgebracht, die wir später auf unserem Großbildschirm sehen werden. Warum hat unser See eine so große Bedeutung für die Vogelwelt Europas?“

Der Gast: „Unser Bodensee hat eine Fläche von etwa 536 Quadratkilometern. Der See und seine Ufer mit einer Gesamtlänge von 273 Kilometern bieten Rast- und Ruheräume für circa 250.000 Vögel. Das sind neben „unseren” Brutvögeln tausende von Durchzüglern auf ihrem weiten Weg – je nach Jahreszeit – in Richtung Norden oder Süden. Und es gibt die Wintergäste, die hier – so wie im Windschatten des Yachthafens an der Konstanzer Seestraße zu beobachten – bei uns überwintern. Die Zahl der Tiere im Winter kann schwanken und hängt auch von den herrschenden Temperaturen und den Windverhältnissen ab." Es gehöre zur Überlebensstrategie der Tiere, auf ihren teilweise vier- bis fünftausend Kilometer langen Reisen mit ihrer Energie möglichst sparsam umzugehen, also auch mal umzukehren zurück an den See oder hier bis zum Frühling zu warten. Kein Problem für den See, aber ein strategisch wichtiger Ort für die Zugvögel Europas!

Mensch und Tier kommen miteinander aus, wenn sie sich gegenseitig respektieren

Der See „verkrafte“ ohne weiteres etwa 250.000 Tiere. Gerne kommen sie im Winter auch in den Konstanzer Trichter, wo sie „auch keine Berührungsängste mit sich ruhig bewegenden Fußgängern oder Radfahrern an den Seeufern haben. „Und wenn die Sportbegeisterten der neuen Trendsport-Art „Stand-up-Paddling“ die gefiederten Gäste großräumig mit ihren Brettern umfahren, werden sie auch akzeptiert.“

Und er erzählt von einem weiteren Bespiel gelungener Koexistenz zwischen Mensch und Tier in der Konstanzer Bucht: von einem Graureiher-Paar, das man oft am Ufer vor der Seerheinbrücke beobachten kann. Graureiher sind normalerweise sehr scheu. Die beiden aber sitzen am Ufer oder auf einem Pfahl vor dem Inselhotel und lassen sich weder vom Verkehrslärm noch von vorbei gehenden Passanten stören; sie warten! Wenn Fischer Leib frühmorgens mit seinem Boot unter der Brücke in Richtung Stadt zurückfährt, fliegen sie ihm entgegen. Auf seinem Boot hat er zwei kleine Fische als Morgengabe ausgelegt, die sie sich nicht entgehen lassen. „Gelernt isch’ gelernt, so entstehen gute Kompromisse!“

Die Verbesserung der Wasserqualität ist notwendig angesichts des Klimawandels

Stephan Schmutz möchte wissen, wie er die Konsequenzen der zunehmenden Verbesserung der Seewasserqualität beurteilt, wenn er etwa an die Fischer denke. – Dazu Harald Jacoby: Der See werde immer sauberer, das bedeute, dass der See weniger Fische haben und damit auch die Zahl der Wasservögel abnehmen werde. Das sei ein ganz natürlicher Prozess. Der See müsse aber auch mit den Folgen der Klimaerwärmung fertig werden, dafür brauche er sauberes Wasser, dies – so der Gast – müssen auch die Fischer akzeptieren, auch wenn er ihre Sorgen verstehen kann.

Sorgen bereite ihm der Wandel der bäuerlichen Strukturen in große Agrar-Betriebe, die unsere Felder zunehmend in „leer geräumte Agrarwüsten" verwandeln, mit gravierenden Folgen für die Vogelwelt. „Wer hier im Frühsommer das Tirili einer Feldlerche hören möchte, muss sich schon auf den Weg in den Hegau machen!“ So fordert er ein Umdenken in der Agrarpolitik aller See-Anrainer-Länder. Aber auch der einzelne Bürger kann sich beteiligen. Aus vielen kleinen Schritten kann schnell eine große Bewegung werden: Durch Änderung des eigenen Einkaufverhaltens, zum Beispiel „regional und biologisch zu konsumieren“ und dem eigenen kleinen Garten mehr Naturnähe in der Gestaltung zu geben.

"An meiner Lieblings- und Schlussfrage kommt auch du nicht vorbei", beschließt Stephan Schmutz diese Talkrunde. "Wenn dir die gute Fee über den Weg laufen sollte, was, lieber Harald, könnte sie für dich Gutes tun? Der "Ranger" aus dem Ried: „Au weia – die Frage habe ich schon befürchtet!“ Doch Wünsche nennt er keine.  

Gast und Moderator kommen von der Bühne herunter und sind schnell umringt von Gästen, die noch viele andere Fragen haben.

Giselher Sommer

PS: Es war ein sehr interessanter Abend, aber fast zwei Stunden konzentrierten Zuhörens und handschriftlichen Notierens für diesen Artikel haben ihren Preis: Mei... wär jetzt ein knusprig braunes Backhendl toll, mit gaaaanz vielen goldgelben Pommes frites. - Aber die Wienerle der Gastgeber waren auch nicht schlecht!!! 

 

Impressionen vom Talk mit Harald Jacoby (Fotos: Beate Steg-Bayer)
Alle Fotos lassen sich mit einem Klick vergrößern.

Talk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald Jacoby
Talk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald Jacoby
Talk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald Jacoby
Talk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald Jacoby
Talk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald JacobyTalk in der Rosenau mit Harald Jacoby

 

 

 


« zurück
nach oben

© KWA

nach oben