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„Dialog im Stift“ mit dem Politiker, Anwalt und Publizisten Gregor Gysi

Der Besuch des gerade zum siebten Mal für die Linke und die PDS in den Bundestag gewählten Berliner Politikers, Rechtsanwalts und Publizisten Gregor Gysi ließ den Saal des KWA-Stiftes im Hohenzollernpark aus den Nähten platzen. Gut hundert Zuhörer verfolgten den „Dialog“ des Journalisten Reinhard von Struve mit dem 69-Jährigen. Gysi erzählte Anekdoten aus seiner soeben erschienenen Autobiografie, blickte auf den Untergang der DDR zurück und nahm Stellung zur aktuellen Politik.

Berlin, im Oktober 2017. – Es war Zufall, dass dieser „Dialog im Stift“ mit der Eröffnungssitzung des neuen Bundestages zusammenfiel. Da Gregor Gysi an allen Abstimmungen über den  Bundestagspräsidenten und dessen Stellvertreter teilnahm, traf er erst verspätet in Schmargendorf ein. Hier lässt er keinen Zweifel daran, dass wir einen historischen Tag erleben: „Es gab seit 1949 schon immer mal einen Nazi im Bundestag, aber noch nie eine ganze, große Fraktion, die nationalistisch und rassistisch ist.“ Gysi betrachtet den Einzug der AFD auch mit Blick auf seine jüdischen Vorfahren als „schwerwiegendes Ereignis“. Was tun, fragt ihn das Publikum. 

„Aus der AFD keine Märtyrer machen“

Er rät dazu, sich sachlich mit der AFD auseinanderzusetzen und ihr keine Märtyrerrolle zu geben. Daher hält Gysi es für einen Fehler, dass der Bundestag im Sommer noch schnell die Geschäftsordnung änderte, damit kein AFD-Vertreter als ältester Abgeordneter die konstituierende Sitzung eröffnen und die erste Rede halten könnte. 

Hinter dem Wahlerfolg der Rechten sieht Gysi mehrere Gründe: Viele Menschen gerade im Osten seien verunsichert durch die Globalisierung. Sie erlebten sich schon vor der Wende als Verlierer der Geschichte, danach durch den Abbau sozialer Leistungen der DDR und die überraschende Arbeitslosigkeit auch als Deutsche zweiter Klasse. Dazu sei Angst vor den Flüchtlingen gekommen, denn in der DDR habe niemand Menschen muslimischen Glaubens gekannt. 

„In der Geschichte gibt es kein Zurück“

Auch im Ausland treiben vergleichbare Einstellungen Menschen in die Arme nationalistischer Kräfte. Gysi spricht von einer Art „Gegenreformation“ und nennt Polen, Ungarn, Frankreich, Holland und auch die USA, wo Präsident Trump die Zeit zurückdrehen wolle: „Aber es gibt in der Geschichte kein Zurück.“ Der 69-jährige Berliner räumt ein, dass er sich in der Eröffnungssitzung zum ersten Mal die Frage gestellt habe, ob es klug gewesen sei, noch einmal in den Bundestag zu gehen. „Aber jetzt denke ich: Nee, Gysi, drück dich nicht und setz dich mit denen auseinander.“ Dazu dient ihm auch sein neues Amt des Präsidenten der Europäischen Linksparteien.  

Nach Gysis Ansicht könnten die anderen Parteien durch ein gemeinsames Vorgehen den Nationalisten so das Wasser abgraben: Die Politik muss sich in die Gesellschaft hinein öffnen, damit Außenseiter wie Trump nicht als Heilsbringer auftreten können. Es müsse einen „sozialen Schub“ geben, damit Niedriglöhne und prekäre Beschäftigung verschwinden. In der Pflege braucht es mehr Personal und bessere Bezahlung. Die Fluchtursachen in den Herkunftsländern sollten bekämpft werden und nicht zuletzt dürften die etablierten Parteien Begriffe wie Heimat und Tradition nicht länger der AFD überlassen.

Die Stasi-Vorwürfe weist Gysi als „Blödsinn“ zurück

Sein rhetorisches Talent, für das er mehrfach ausgezeichnet wurde, hat Gysi, wie er schmunzelnd sagt, schon als kleiner Junge an seinem Vater geschult. Um dessen Redefluss zu unterbrechen, habe er sich viel einfallen lassen müssen. Später wurde es für ihn als Rechtsanwalt in Strafprozessen tägliche Praxis, sich in seine Gegner hinein zu versetzen.

Obwohl politische Verfahren nur etwa fünf Prozent seiner Tätigkeit ausmachten, geriet Gysi vor allem damit in die Schlagzeilen. Noch bis voriges Jahr hielten sich Vorwürfe, er habe sich zum Nachteil von Klienten, wie Havemann, Bohley und Lengsfeld, von der DDR-Staatssicherheit  benutzen lassen. „Das ist alles Blödsinn“, sagt der Linken-Politiker, „man hat mir nie einen konkreten Sachverhalt vorgeworfen, zum Beispiel das oder jenes hätte ich verraten.“ Es gebe nur die immer gleichen allgemeinen Beschuldigungen, gegen die er sich erfolgreich vor Gericht zur Wehr gesetzt habe. 

Gerichtliche Auseinandersetzungen zahlten sich politisch aus

Er gewann juristisch auf ganzer Front, obwohl – wie er sagt - der Mainstream mit der Bild-Zeitung gegen ihn gewesen sei. Gerade in den ersten Jahren nach der Wende zahlten sich die gewonnenen Verfahren für Gysi auch politisch aus. Er berichtet, dass er so eigene Parteimitglieder, die der Bundesrepublik skeptisch gegenüber standen, von der Bedeutung der Rechtstaatlichkeit überzeugen konnte. 

Auf die Frage von Struves, wie er den Hass ertragen konnte, der ihm als PDS-Vorsitzender und später als Fraktionschef  der Linken entgegen schlug, antwortet Gysi: „Ich bin Preuße und wir Preußen haben den Vorteil, stur zu sein.“ Darüberhinaus lobt er die Journalisten, die ihn in Talkshows einluden, damit er seine Sicht der Dinge schildern konnte. 

Zum Schluss zitiert Gysi den letzten Satz seiner Autobiografie: „Ich bin wild entschlossen, das Alter zu genießen.“ Und als Beispiele für Genuss zählt er Oper- und Konzertbesuche auf, Städtereisen mit seinen Kindern, Lesen und mit jemandem Essen gehen, den er mag.


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Gregor Gysi im KWA Stift im Hohenzollernpark in BerlinBuchcover "Ein Leben ist zu wenig" - Autobiographie von Gregor GysiGregor Gysi im KWA Stift im Hohenzollernpark in Berlin

 

 

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