Zur Haupt-Navigation springen | Zum Inhalt springen

50 Jahre KWA Kuratorium Wohnen im Alter
Menue
KWA Stift im Hohenzollernpark
Leben - so wie ich es will im KWA Stift im Hohenzollernpark

„Dialog im Stift“ mit Eberhard Diepgen

Der frühere Berliner Regierende Bürgermeister war so lange Stadtoberhaupt wie kein anderer, knapp 16 Jahre zwischen 1984 und 2001, trotzdem verpasste er ausgerechnet den wichtigsten Moment in der jüngeren Berliner Geschichte – den Fall der Mauer.

Berlin, im Juli 2017. – Ja, räumt Eberhard Diepgen ein, das sei damals schon eine frustrierende Situation für ihn gewesen: Jahrelang musste er sich im Amt des Regierenden Bürgermeisters als kalter Krieger beschimpfen lassen, weil er für die Wiedervereinigung kämpfte, die andere als „Lebenslüge“ bezeichneten; als sie dann aber Wirklichkeit wurde, fand er sich nach der Wahlniederlage Anfang 1989 auf der Oppositionsbank wieder. 

Diepgen erinnert sich im Dialog mit dem Journalisten Reinhard von Struve noch an einen anderen Rückschlag: 1963 wurde er an der Freien Universität nur wenige Tage nach seiner Wahl zum AStA-Vorsitzenden per Urabstimmung wieder abgesetzt, weil er Mitglied einer Burschenschaft war. Im Rückblick kommt er zu dem Schluss, dass er seinen Aufstieg in der Politik wahrscheinlich solchen „gravierenden Niederlagen“ zu verdanken hat. 

„Aus der Insel Berlin eine Halbinsel machen“

Die Frage des Moderators, ob sich für den Regierenden Bürgermeister Berlins in der zweiten Hälfte der 80er Jahre der bevorstehende Zusammenbruch des Ostblocks irgendwie angekündigt habe, beantwortet Diepgen so: Er habe erstmals im Frühjahr 1989 daran gedacht. Da sei ein führendes Mitglied des Zentralkomitees der ungarischen KP in Berlin zu Besuch gewesen. Dem stellte er sich als Oppositionsführer vor und bekam von dem Funktionär eines Einparteienstaates zur Antwort, das sei er vielleicht bald auch. Da war für Diepgen klar, dass eine Neuordnung Europas kommen werde. Allerdings rechnete er noch mit Jahren und nicht mit wenigen Monaten. 

Seiner Maxime in den 80er Jahren sei es gewesen, aus der Insel Berlin eine Halbinsel zu machen, also die Bindungen der Stadt an den Westen zu verstärken und auszubauen, sagt Diepgen. In welch engen Grenzen sich dabei der Regierende Bürgermeister bewegen musste, schildert er unter Hinweis auf das Viermächtestatut, denn Briten, Amerikaner, Franzosen und Russen waren rechtlich die oberste Gewalt in Berlin. Jeden Monat hatte das deutsche Stadtoberhaupt den westlichen Alliierten Bericht über seine Aktivitäten zu erstatten, auch wenn dieses „Antanzen“, wie Diepgen sagt, eher symbolisch gewesen sei. Ungläubiges Kopfschütteln löst bei vielen im Publikum die Erinnerung des Gastes an die damalige „Bevorratungspolitik“ in Berlin aus: Die Alliierten bestimmten, wie viel Energie, Lebensmittel und Konsumartikel bis hin zu Damenschuhen in der Stadt auf Halde gelegt werden mussten, um eine etwaige Notsituation überstehen zu können. 

Soziale Spannungen in Berlin vermieden

1991 gewann die CDU die erste Wahl im wiedervereinigten Berlin und Diepgen kehrte ins Rote Rathaus zurück. Das sei eine unglaublich aufregende Zeit gewesen. Als größten Erfolg seiner Amtszeit betrachtet er es, dass in Berlin keine sozialen Spannungen ausbrachen. Immerhin habe sich der Westen Berlins jahrzehntelang als Vorposten gegen den Kommunismus verstanden und im Ostteil der Stadt sei die Elite der kommunistischen DDR versammelt gewesen. 

Auf die Frage des Moderators, welche Aufgaben er heute als erste anpacken würde, wenn er wieder im Amt wäre, sagt Diepgen: Integration, Industrieansiedlung und Verkehrsinfrastruktur. Er frage sich, warum der Senat unter seinem Nachfolger Wowereit den Plan fallen gelassen habe, den Flughafen BER privat bauen zu lassen. Dann wäre er 2006 fertig gewesen. Die Verträge hätten unterschriftsreif vorgelegen. Dass Berlin den Flughafenbau in die eigenen Hände genommen habe, sei der entscheidende Fehler gewesen.  

Blick auf die Bundestagswahl: Für das geringere Übel entscheiden

In der Diskussion melden sich im Publikum überraschend mehrere Zuhörer zu Wort, die Teile des politischen Weges von Eberhard Diepgen begleitet haben. Ein ehemaliger Diplomat berichtet, wie der Regierende Bürgermeister 1991 den auf den angeblichen „Sieg des Sozialismus“ stolzen simbabwischen Präsidenten Mugabe in Berlin ins Leere laufen ließ. Ein damaliger Bundestagsabgeordneter erinnert sich, dass es im Gegensatz zu heute früher nicht üblich war, dass der Regierende Bürgermeister einen seiner Senatoren öffentlich „in den Senkel stellte“.  Eine einstige Mitarbeiterin das Auswärtigen Dienstes lässt noch einmal den fast handgreiflich ausgetragenen Kampf zwischen Bonn und Berlin um den Regierungssitz wach werden.  

„Wer an hundertprozentige Übereinstimmung mit einer Partei glaubt, ist ein Dummkopf“

Zum Schluss berichtet Diepgen über die vergangenen Tage, an denen er im Bundestagswahlkampf unterwegs war. Er beklagt, wie abfällig und hysterisch Politikern heute öffentlich begegnet werde. Er selbst sei auch nicht mit allem einverstanden, was politisch auf bundes- und landespolitischer Ebene passiert: „Aber ich finde, dass man sich für das geringste Übel entscheiden muss. Wer an hundertprozentige Übereinstimmung mit einer Partei glaubt, ist ein Dummkopf." 

 

nach oben

© KWA

nach oben