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KWA Stift im Hohenzollernpark
Leben - so wie ich es will im KWA Stift im Hohenzollernpark

Europa-Vorkämpferin im "Dialog"

In der ersten Ausgabe 2019 von "Dialog im Stift" war die Politik-Beraterin Ulla Kalbfleisch-Kottsieper zu Gast im KWA Stift im Hohenzollernpark.

Berlin, im Januar 2019. – Der Termin passte: Am Vormittag würdigten in Aachen Kanzlerin Merkel und Präsident Macron den neuen deutsch-französischen Vertrag, am Nachmittag sprach die Europa-Vorkämpferin, Redenschreiberin und Politikberaterin Ulla Kalbfleisch-Kottsieper mit dem Journalisten Reinhard von Struve im "Dialog im Stift".

Den Auftritt Merkels und Macrons hat sich Ulla Kalbfleisch-Kottsieper, die sich der Einfachheit halber gern Kako nennen lässt, am Morgen im Fernsehen natürlich nicht entgehen lassen. Den Vertragsabschluss empfindet sie als "wohltuend nach dem Brexit-Chaos der vergangenen Tage". Der Auftritt der Kanzlerin dagegen hat sie als professionelle Beobachterin enttäuscht, nicht vom Inhalt, aber vom Vortrag her. Merkel habe im Gegensatz zu Macron an ihrem Manuskript geklebt, fahrig gesprochen, sich mehrfach verhaspelt und kaum Kontakt zum Publikum aufgenommen. Bei ihr sei wenig Begeisterung für Europa und Frankreich zu spüren gewesen. Schon seit Macrons Amtsantritt folge sie ihm nicht auf seinem europapolitischen Pfad, auch wenn sie ihn oft treffe. "Darum allerdings beneide ich sie manchmal", fügt Kako schmunzelnd hinzu.

Was macht eine gute politische Rede aus?

Da muss Kalbfleisch-Kottsieper nicht lange überlegen. "Für mich ist Redenschreiben wie ein Stück fürs Theater schreiben. Das Publikum erwartet gleichermaßen Unterhaltung und Information. Und es muss eine Botschaft rüberkommen. Zu einer guten Rede gehören Bilder und Sätze, die im Gedächtnis bleiben.“ Sie erinnert an historische Formulierungen von Politikern wie Heinemann, Brandt, Wehner, Kennedy oder an das legendäre Motto des SPD-Kanzlerkandidaten Johannes Rau aus dem Wahlkampf 1987 "Versöhnen statt  spalten". 

Für den NRW-Ministerpräsidenten schrieb Kako 17 Jahre lang Reden, Debattenbeiträge und Glückwunschbriefe. Dabei machte sie die unterschiedlichsten Erfahrungen: Mal übernahm Rau einen mehr als 100-seitigen Entwurf von ihr Wort für Wort, mal hielt er sich an keinen einzigen ihrer Vorschläge und redete frei, wie bei einem Auftritt vor Senioren. Kako hatte ihm einen anspruchsvollen Text geschrieben über Rentenreform und Gesundheitsvorsorge. Rau aber legte das Manuskript mit den Worten beiseite, sein Team habe ihm zwar eine Rede aufgeschrieben, aber jetzt wolle er einmal erzählen, wie seine Großmutter die Sache gesehen habe. 

Schlechte Erfahrung mit religiösen Anspielungen

Von religiösen Anspielungen ließ sie bald die Finger, obwohl Rau das Etikett anhaftete, er sei ein Prediger. Sie hatte Rau für eine Kirchentagsrede den Satz formuliert: "Als Christ glaube ich an das Gute im Menschen". Das Manuskript schickte ihr der Ministerpräsident aber mit der dicken Randbemerkung zurück "Nee, Kako!" Als die beiden sich vor ihrem Büro begegneten, sagte Rau: "Wenn Sie wüssten, wie es auf der Synode zugeht, würden Sie einen solchen Satz nicht schreiben." Und Bibelzitate, für die Rau bekannt war, hatte er sowieso immer selbst parat, wie sich Kalbfleisch-Kottsieper erinnert.

Absprachen unter Redenschreibern helfen

Wer bei einem großen Anlass das Publikum begeistern will, muss sich nach Kakos Vorstellung auch auf seinen Vorredner beziehen. Das verleihe dem Auftritt Lebendigkeit und beziehe das Publikum mit ein. Deshalb habe sie sich wenn möglich mit dem Schreiber des anderen Hauptredners verständigt, auf welche Themen beide zu sprechen kommen würden.

Nach einem Beispiel für bildhafte Sprache gefragt, erinnert sich Kako an eine Rede vor Industriemanagern. Da habe sie Rau ins Manuskript geschrieben, die Konjunktur sei "nicht schwarz oder weiß, sondern wie ein Stresemann". Diese Anspielung auf den Gesellschaftsanzug mit gestreifter Hose, heller Weste und dunklem Sakko blieb allen in Erinnerung.

Berufseinstieg unter Polizeibewachung

Dass Ulla Kalbfleisch-Kottsieper mal Reden im Bundeskanzleramt schreiben würde, war ihr nicht an der Wiege gesungen worden, auch wenn sie schon in der Schule leidenschaftlich gern Aufsätze schrieb, wie sie sagt. Nach dem Jurastudium engagierte sie sich im SPD-Wahlkampf und bekam Kontakt zu Bonner Sozialdemokraten. Der Vorstellungstag verlief erfolgreich und plötzlich war Kako Teil des Redenschreiberteams von Bundeskanzler Helmut Schmidt. 

"Das war eine faszinierende Zeit", sagt Kako, "ich als Mädchen aus einem 400-Einwohner-Dorf, Tochter des Dorfschullehrers, war plötzlich mitten in der Politik." An ihrem ersten Arbeitstag fuhren Schützenpanzer durchs Regierungsviertel, darüber kreisten Hubschrauber, alle wichtigen Menschen hatten Personenschutz, überall gab es Polizeistreifen und Soldaten mit Maschinenpistolen. Es waren die Wochen der Schleyer-Entführung und die Hochzeit des RAF-Terrorismus.

Mit anderen Zuarbeitern der Bundesregierung saß sie in Rufweite des Kanzlers und war auf alles vorbereitet. Es mussten Reden für jede erdenkliche Situation geschrieben werden - vom glücklichen Ausgang der Geiselbefreiung in Mogadischu bis zu einem Rücktritt des Kanzlers im Falle eines Fehlschlags. 

Ein toller Einstand in den Beruf

Aus professioneller Sicht war das für Ulla Kalbfleisch-Kottsieper ein toller Einstand in den Beruf. Als ihr Vertrag auslief, wechselte sie in die NRW-Staatskanzlei. Dort packte sie nach vielen Jahren als Redenschreiberin eine neue Leidenschaft, die sie auch heute als Pensionärin nicht zur Ruhe kommen lässt: Europa.

Als Beauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen hat sie den Maastrichter Vertrag mitverhandelt und dafür gesorgt,  dass die Regionen zum ersten Mal politischen Einfluss in der EU bekamen. Kakos Augen strahlen, wenn sie sich an diese Pionierarbeit erinnert: "Wir hatten bei den Verhandlungen alle Freiheiten, denn es gab kein Vorbild. Wir wollten, dass ein Bundesland wie NRW, das als eigener Staat in Europa von der Größe her an achter Stelle stehen würde, auch mitwirken darf."

Ulla Kako beendet ihren spannenden Auftritt im "Dialog" mit dem leidenschaftlichen Appell an alle Zuhörer, zur Europawahl im Mai zu gehen und den nationalistischen Kräften nicht das Feld zu überlassen. Sie kritisiert die stetig gesunkene Wahlbeteiligung, die beim letzten Mal bei nur 48 Prozent lag: "Wir sind schuld, wenn Europa zusammenbricht, weil es im neuen Parlament dann vielleicht eine Anti-EU-Mehrheit gibt. Also nehmen Sie Ihre Kinder und Enkel an die Hand und gehen Sie zur Wahl!"

Text: Reinhard von Struve


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