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KWA Stift im Hohenzollernpark
Leben - so wie ich es will im KWA Stift im Hohenzollernpark

„Dialog“ mit dem Ökonomen Marcel Fratzscher

Marcel Fratzscher ist Professor an der Humboldt-Universität und leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Mit dem Journalisten Reinhard von Struve sprach er im KWA Stift im Hohenzollernpark über die Wirtschaftsentwicklung, seine Befürchtungen und seine Hoffnungen.

Berlin, im Mai 2018. – Gleich zu Beginn des Abends räumt Fratzscher ein, dass seine Branche in den vergangenen Jahren viel Kritik einstecken musste, sah doch kein Konjunkturforscher die globale Finanzkrise 2008 oder die Griechenland-Krise 2015 voraus. Verschmitzt sagt er: "Prognosen sind unglaublich schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen." Dabei hat sein DIW einen guten Namen und einen wichtigen Auftrag: Es legt zweimal jährlich zusammen mit den anderen vier führenden deutschen Forschungsinstituten ein Konjunkturgutachten vor.

"Die Ökonomie hat es anders als die Physik mit Menschen zu tun"

Dass die Ökonomen mit ihren Berechnungen nicht immer richtig liegen, begründet Fratzscher mit der komplexen Verbindung seiner Wissenschaft zum unberechenbaren Menschen. Niemand weiß vorher, wie sich diese in einer Krise verhalten, ob sie investieren, was sie kaufen und wie viel sie sparen.

Das DIW behilft sich bei seinen Voraussagen mit Analogien aus der Geschichte: Welche Reaktionen gab es in ähnlichen Situationen vor einigen Jahren oder Jahrzehnten? Das Institut kann dazu auf eine Datenbank mit den Ergebnissen einer der weltweit größten Umfragen zurückgreifen. Seit 1986 befragen die DIW-Forscher jedes Jahr 30.000 Deutsche zu ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld, ihrer Gesundheit, ihrer Zufriedenheit und ihren Zukunftsplänen. Dazu kommen Statistiken, etwa über Inflation, Exporte und Währungskurse.

Der Konjunkturforscher zeichnet "Landkarten"

Am Ende steht etwas, das Fratzscher mit einer Landkarte vergleicht. Er sagt Regierung und Unternehmern, wie Staat und Wirtschaft von A nach B kommen; er nennt das Entscheidungshilfen. Die Ziele müssen andere setzen, da halten sich die Forscher heraus. Fratzscher bedauert, dass seine Wissenschaftler zwar die Entwicklung der Gesellschaft in den kommenden zwanzig Jahren im Blick hätten, die meisten Politiker aber nur bis zur nächsten Wahl planten.

Fratzscher beschreibt ein "reiches armes Deutschland"

Besorgt zitiert der DIW-Chef eine Passage aus seinem Buch "Verteilungskampf". Demzufolge sind Einkommen, Vermögen und Chancen fast nirgendwo in Europa so ungleich verteilt wie in Deutschland. Nirgendwo schafften weniger Kinder den sozialen Aufstieg. Nirgendwo gingen weniger Arbeiterkinder zur Universität.  

Fratzscher sieht nur einen Ausweg: "Der Schlüssel für die Chancengleichheit ist das Bildungssystem." Er empfiehlt Ganztages-Kitas für alle Kinder ab dem dritten Lebensjahr, denn die ersten sechs Jahre im Leben seien entscheidend für den späteren Bildungsabschluss.

"Unser Arbeitsmarkt steht vor einem grundlegenden Wandel"

Der Konjunkturforscher ist überzeugt, dass Menschen ohne gute Bildung den Anschluss verlieren werden. Die Wirtschaft verändere sich immer schneller: In der Industrie ersetzen Roboter Arbeiter, Jobs werden in andere Länder verlagert, gleichzeitig fehlen hochqualifizierte Fachkräfte und Pflegepersonal in Deutschland. Dazu komme als riesige Herausforderung die Alterung der Gesellschaft.

Keine Alternative zur Zuwanderung

"Ich bin aber durch und durch Optimist", betont Fratzscher. Der technische Wandel verändere die Welt schon seit 200 Jahren und immer wieder seien dabei neue, bessere Jobs entstanden. Seine Hoffnung für die Zukunft: "Fließbandarbeit wird verschwinden. So bekommen wir mehr Zeit, das auszuleben, was uns ausmacht – Kreativität, Empathie, Arbeit mit anderen Menschen." 

Der Ökonom ist überzeugt, dass sich unser Wohlstand ohne Zuwanderung nicht sichern lässt. Deutschland profitiere schon lange von der Freizügigkeit in Europa. Dabei sind die meisten Zuwanderer nach seinen Statistiken besser qualifiziert als der durchschnittliche Deutsche. Für die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten gelte das jedoch kaum. Umso wichtiger sei, dass der Staat alles für ihre Integration tue, auch wenn das in den kommenden Jahren "wahnsinnig viel Geld kostet". 

Er warnt davor, die Ausgaben für die Flüchtlinge als "Verlustgeschäft" zu bezeichnen. Geld sei genug da: Jedes Jahr nimmt der Staat 45 Milliarden Euro mehr ein als er ausgibt, die Kosten für die Flüchtlinge schon eingerechnet.

"Ein Euro-Austritt Italiens wäre ein Desaster"

Eine aktuelle Frage aus dem Publikum sticht heraus: Was passiert, wenn Italiens neue Regierung den Euro abschafft? "Das wäre für Deutschland und Italien ein wirtschaftliches Desaster." Einkommen und Ersparnisse in der neuen Währung wären weniger wert, Importe verteuerten sich enorm, Banken blieben auf hohen Euro-Schulden sitzen und brächen zusammen, eine Bankrottwelle überrollte das Land.

Zum Schluss warnt Fratzscher davor, die künftigen Renten für sicher zu halten. Beim jetzigen Stand könnten die Jungen die Altersrenten bald nicht mehr finanzieren. Einen Ausweg sieht er in der Verlängerung der Lebensarbeitszeit - für diejenigen, die sich dafür entscheiden.


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