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„Dialog im Stift“ mit dem Pädagogen, Psychoanalytiker und Politiker Hinrich Lühmann

Der frühere Gymnasialdirektor hat mit Kritik an Bildungsreformen und PISA-Studien Schlagzeilen gemacht. Außerdem analysiert er Literatur von Platon bis Harry Potter.

Berlin, im Juni 2017. – Das Datum des „Dialogs“ mit dem Berliner Pädagogen Hinrich Lühmann hätte nicht besser liegen können: Fünf Tage nach dem 250. Geburtstag Wilhelm von Humboldts, einem seiner Säulenheiligen, wie er im Gespräch mit dem Journalisten Reinhard von Struve sagt. Zu Beginn beschreibt Lühmann dem Publikum im KWA Stift im Hohenzollernpark, worin er den wesentlichen Unterschied im Bildungsbegriff Humboldts und der heutigen Bildungsreformer sieht.

Lühmann über Bildung: „Qualität ist in Quantität umgeschlagen“

Bis in die neunziger Jahre war unumstritten, dass die Schule Allgemeinbildung vermitteln soll. Neben dem Erlernen von Fakten ging es darum, Strukturen und Zusammenhänge zu erkennen, zu verstehen, wie sich andere Menschen mit der Wirklichkeit auseinandergesetzt haben und daran selbst zu wachsen. Wie Lühmann sagt, verabschiedeten sich die Bildungsreformer von diesem Ziel nach dem sogenannten PISA-Schock, als die deutschen Schüler im internationalen Vergleich auf hinteren Plätzen gelandet waren. Als neues Ziel gaben sie aus, Schule müsse für den Arbeitsmarkt fit machen. Der Lernerfolg sollte sich nicht mehr im Gespräch über Inhalte zeigen, sondern im Bestehen von Tests und dem Erreichen von Punkten. Lühmann nennt das die „Ökonomisierung“ von Bildung: „Qualität ist in Quantität umgeschlagen.“

„Hamlet stört“ – diesen Eindruck hat Hinrich Lühmann

Mit Leidenschaft umreißt der ehemalige Schuldirektor den beobachteten Verlust: Überhaupt Englisch zu sprechen ist für die Schüler wichtiger geworden als worüber. Shakespeare-Leser seien für den Arbeitsmarkt verdorben, spitzt er zu: „Hamlet stört.“ Danach gefragt, was von Humboldt über die heutigen Gymnasien sagen würde, meint Lühmann, er würde sich über die vielen Abiturienten freuen, wäre aber entsetzt über das gesunkene Niveau.

Seine Kritik zielt auf die Lehrpläne und auf die Politik. Sie habe Dutzende Konzepte und Reformen durchgedrückt, ohne  sie mit dem erforderlichen Geld und dem entsprechenden Personal zu unterfüttern. In Klassen mit 30 Schülern ließen sich zwar Fakten vermitteln, aber das nach seiner Ansicht Wichtigste, die „Zuwendungszeit“, bleibe auf der Strecke.

Lühmanns Professionen: die drei nach Sigmund Freud „unmöglichen Berufe“

Was die Haltung der Lehrer ihren Schülern gegenüber angeht, wünscht sich Lühmann, dass eine größere Zahl seiner Kollegen analytische Erfahrung hätte. Das würde sie dazu befähigen, erlebte Aggressionen und auch Zuneigung in ihren Klassen nicht persönlich zu nehmen. Durch Sigmund Freud habe er verstanden, dass immer die Rolle des Lehrers im Mittelpunkt stehe und nicht der individuelle Mensch. Lühmann bringt es auf die Formel „Der freche Schüler meint gar nicht mich“.

Lühmann erzählt, dass er unbewusst alle drei nach Freud „unmöglichen Berufe“ ergriffen hat: Arzt/Analytiker, Lehrer und Politiker. Im Gegensatz etwa zum Ingenieur, der am Ende sein Bauwerk vor sich sehe, könnten Arzt, Lehrer und Politiker zwar „Weichen stellen“, sie wüssten aber nie genau, wohin ihre Arbeit schließlich führe.

Lühmanns Überzeugung: „Joanne K. Rowling ist eine großartige Erzählerin“

Seit seiner eigenen Analyse betrachtet Lühmann auch Werke der Literatur mit anderen Augen. Er setzt sozusagen den freudianischen Blick ein und analysiert Werke etwa von Platon, Kleist, Fontane und vor allem Joanne K. Rowling. Den Helden ihrer Harry-Potter-Romane brachte ihm die eigene Tochter vor 20 Jahren bei einem gemeinsamen Tischtennisspiel nahe, wie Lühmann schmunzelnd berichtet.

Er bewundert das Erzähltalent der Engländerin – wie sie Spannungsbögen aufbaut und „magische Versatzstücke“ und Bilder aus Jahrhunderte alten Menschheitsgeschichten und Mythen verschiedenster Kulturen nimmt und neu zusammenfügt. Dazu komme die politische Ebene: Rowlings Kritik an Kapitalismus, Ausbeutung und Fremdenhass.

Mit Blick auf Terroristen sagt er: „Es gibt nichts Schlimmeres als Dogmen“

Zum Schluss des „Dialogs“ bringt von Struve das Gespräch auf die politische Arbeit des Gastes: Er ist „Bezirksverordnetenversammlungsvorsteher“ in Berlin- Reinickendorf.  Zu Lühmanns Aufgaben gehört es, als Präsident eines demokratischen Parlaments etwa nach einem Terroranschlag das Wort zu ergreifen. Auch dabei spielt sein „Säulenheiliger“ Wilhelm von Humboldt und dessen Bruder Alexander eine Rolle. Die beiden seien absolute Weltbürger gewesen, sagt er, Anhänger der Freiheit. Mit Blick auf Terroristen meint Lühmann: „Es gibt nichts Schlimmeres als Dogmen.“ Ein freier Mensch könne eine Idee hochhalten, aber sie auch wieder fallenlassen. Dafür zu werben, nennt er sein Lebensanliegen. Er bezeichnet sich als Optimisten und ruft das Publikum auf, sich mit ihm für ein menschliches Miteinander und das Bewahren der geistigen Welt einzusetzen, in der wir groß geworden sind.


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