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„Dialog“ mit dem Berliner Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele

Seine kritische Haltung führte ihn zunächst in die APO und in ein Sozialistisches Anwaltskollektiv, später dann in den Bundestag und zu Edward Snowden.

Berlin, im Mai 2017. – Einer der Gründerväter der Grünen, Hans-Christian Ströbele, hat sich im „Dialog im KWA Stift im Hohenzollernpark“ den Fragen des Journalisten Reinhard von Struve gestellt. Warum er sich nach 21 Jahren aus dem Bundestag zurückzieht? „Die 12 bis 16 Stunden langen Arbeitstage in den Sitzungswochen sind mir inzwischen einfach zu stressig geworden“, sagt Ströbele und verweist auf seinen bevorstehenden 78. Geburtstag. Mit Schmunzeln ergänzt er von Struves Begrüßung, er sei wohl der bekannteste Radfahrer der Republik: „Ich fahre zwar noch täglich, aber ich nehme jetzt ein Damenrad statt meines uralten Herrenrades, weil ich die Beine nur noch schlecht über die Stange bekomme und das im Straßenverkehr gefährlich werden kann.“ 

Im Stadion mit der Reporterlegende Herbert Zimmermann von der Fußball-WM 1954

Beim Rückblick auf seine Kindheit berichtet Ströbele über seinen Onkel mütterlicherseits, den Sportjournalisten Herbert Zimmermann. Dessen Reportage über das WM-Endspiel gegen Ungarn 1954 mit dem erlösenden Schrei ins Mikrofon „Aus, aus, aus, aus! – Deutschland ist Weltmeister“ fehlt auch heute noch in keinem Fußballrückblick. Oft durfte der kleine Christian seinen Onkel bei Reportagen begleiten und vom Tribünendach aus das Spiel beobachten.

Dass ihn der Beruf des Anwalts reizte, merkte Ströbele im Wehrdienst. Damals besorgte er sich alle Gesetzestexte, informierte sich über seine Rechte und beriet andere Rekruten bei Konflikten. 

Ströbele wollte die Revolution und gründete das „Sozialistische Anwaltskollektiv“

Im Studium schloss er sich in Berlin der Außerparlamentarischen Opposition an und radikalisierte sich. Auslöser war der tödliche Schuss eines Polizisten auf den Demonstranten Benno Ohnesorg: „Ich war damals ein richtiger Linker“, sagt Ströbele. „Ich wollte die Verhältnisse in Deutschland ändern und trat für eine Revolution ein, allerdings ohne Gewalt.“ Das unterschied ihn von anderen APO-Angehörigen, die er später mit seinem „Sozialistischen Anwaltskollektiv“ verteidigte. Sein Kollege Horst Mahler tauchte in den Untergrund zu den Terroristen der Roten Armee Fraktion ab. Ströbele verteidigte zwar RAF-Mitglieder vor Gericht, wurde aber zum großen Prozess in Stammheim nicht zugelassen. Er hatte Informationen zwischen RAF-Gefangenen weitergeleitet, was er auch heute noch für richtig hält. Dafür erhielt er zehn Monate Gefängnis auf Bewährung.

In den siebziger Jahren wurde Ströbele und seinen Mitstreitern klar, dass sie die Forderungen aus den sozialen Bewegungen zu Bildungsreform, Frieden, Frauen-Gleichberechtigung, Homosexuellenrechten und gegen Atomkraft nur mit einem „Marsch durch die Institutionen“ verwirklichen könnten. Sie gründeten die Grünen und Alternative Listen. Ströbele rotierte, wie das bei den Grünen damals üblich war, 1985 für zwei Jahre in den Bundestag. Dann wurde er Bundesvorsitzender der Partei und schmiedete in Berlin die erste rot-grüne Koalition. Seit 1998 gehört er dem Bundestag ununterbrochen an. 

Wahlkampf gegen die Parteispitze: „Ströbele wählen heißt Fischer quälen“

Im Zuge des Balkankonfliktes und der Anschläge vom 11. September ging Ströbele auf Distanz zur Mehrheit seiner Fraktion. Er hielt sich an den Parteitagsbeschluss, keine Einsätze der Bundeswehr im Ausland zuzulassen, was der damalige grüne Außenminister Fischer mit dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder aber in den Fällen Kosovo und Afghanistan durchsetzte. Ströbele und weitere drei Grünen-Abgeordnete blieben bei ihrem Nein. Er sagt: „Es gibt Fragen, da lasse ich nicht mit mir handeln.“ Und 15 Jahre später dürfe man ja nach dem Erfolg des Afghanistan-Einsatzes fragen. Ströbele hält die Situation in dem Land heute für bedrohlicher als damals. 

Bei der Aufstellung der Landesliste der Berliner Grünen zur Bundestagswahl 2002 bekam Ströbele keinen aussichtsreichen Platz mehr und entschied sich zu dem Versuch, seinen Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg im Alleingang als Direktkandidat zu gewinnen. Er schaffte die dazu nötige Verdoppelung der Grünen-Stimmen und bestätigte diesen Erfolg bei allen folgenden Wahlen, einmal sogar mit 46 Prozent der Stimmen. Nachgemacht hat ihm das bisher keiner in seiner Partei. 

„Ich halte Snowden für den wichtigsten Aufklärer des Jahrhunderts“

Ströbele ist inzwischen der versierteste Geheimdienstexperte des Bundestages und sitzt in allen zuständigen Ausschüssen. Das muss sich im Sommer 2013 auch bis zum amerikanischen NSA-Kritiker Edward Snowden herumgesprochen haben. Der meldete sich nach vergeblichen Kontaktversuchen Ströbeles bei ihm und lud ihn in sein Moskauer Exil ein. Der Grünen-Abgeordnete zeigt sich beeindruckt von der Persönlichkeit des Whistleblowers Snowden und der Beweislast seiner Spionageunterlagen: „Ich halte ihn für den wichtigsten Aufklärer des Jahrhunderts.“ In Deutschland freies Geleit für Snowden zu bekommen, damit er hier aussagen kann, hat Ströbele bisher aber nicht erreicht. In den USA wird der ehemalige Geheimdienstler als Spion und Landesverräter gesucht.

Trotzdem lobt Ströbele die USA. Als Folge der von Snowden aufgedeckten Überwachungsskandale wurden viele Gesetze geändert, die Geheimdienste dort könnten wirkungsvoller als die in Deutschland kontrolliert werden, sagt er: „Am politischen Selbstheilungssystem der Amerikaner können wir uns ein Beispiel nehmen.“

 


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