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KWA Stift im Hohenzollernpark
Leben - so wie ich es will im KWA Stift im Hohenzollernpark

Dialog im Stift mit der Stadtführerin Jenny Schon

Von Böhmen übers Rheinland nach China und Berlin. - Sie habe sich in ihrem Leben oft als zwischen den Stühlen sitzend gefühlt, sagt die Berliner Stadtführerin, Autorin, Buchhändlerin, Malerin, Steuerberaterin, Sinologin und Feministin Jenny Schon. Im Gespräch mit dem Moderator Reinhard von Struve berichtet sie im Dialog im KWA Stift am Hohenzollernpark über ihren Lebensweg, ihr politisches Engagement und die Suche nach Spuren ihrer böhmischen Heimat in Berlin.

Berlin, September 2016. – Von den zahlreichen Facetten ihrer Persönlichkeit, die von Struve aufzählt, ist Jenny Schon die Lyrikerin am wichtigsten. Dabei schien dem böhmischen Flüchtlingskind im Rheinland alles andere als eine schriftstellerische Zukunft vorgezeichnet zu sein. Der Enge ihrer proletarischen Familie, in der sie ohne ein einziges Buch aufgewachsen war, entzog sie sich in eine Welt der Phantasie. Sie schrieb Märchen und als Heranwachsende Romane, die allerdings den ersten kalten Winter in Berlin nicht überlebten: Sie wurden im Kachelofen verfeuert. Das Gefühl des „Zwischen-den-Stühlen-Sitzens“ in religiöser, sprachlicher und sozialer Hinsicht verstärkte sich nach dem Mauerbau, als Schon in der Folge des Mauerbaus nach Berlin ging. Tagsüber im Büro und an der Buchladenkasse, in der knappen Freizeit Abendschule und Kontakt zu anderen aufbegehrenden jungen Menschen.

Chinas Außenminister Tschu En-Lai schickte ihr ein Visum

Jenny Schon begeisterte sich für die Kulturrevolution in China. Aus der chinesischen Botschaft in London kam sie mit einem Sack Mao-Bibeln zurück und verkaufte sie in der geteilten Stadt. Nach einem Brief an Außenminister Tschu En-Lai bekam sie Anfang der siebziger Jahre als eine der ersten Deutschen ein Besuchervisum für die Volksrepublik. Diese und weitere Reisen mündeten zwar in eine Magisterarbeit über die Lage der Frauen in China, ließen sie aber auch die Schattenseiten des kommunistischen Systems erkennen, wo sie ähnliche Ausbeutung von Arbeitern erlebte wie im kapitalistischen Westen.

Berlins Hugenotten waren Seidenspinner, die Böhmen Leineweber

Auf ihren Chinareisen begeisterte sich Jenny Schon für die Seidenraupenzucht, deren Berliner Überreste sie als Stadtführerin heute auf Führungen zeigt, etwa die Maulbeerbäume auf dem Zehlendorfer Friedhof und in Dörfern südlich der Stadt. Die Seidenraupenzucht in Brandenburg wurde von den preußischen Königen eingeführt, um den wachsenden Seidebedarf im 18. Jahrhundert zu stillen. Dabei halfen die hier angesiedelten Hugenotten mit ihrer Erfahrung. Eine andere nach Brandenburg geholte Volksgruppe, ebenfalls in ihrer Heimat aus religiösen Gründen verfolgt,  waren evangelische Böhmen. Ihr Handwerk war die Leineweberei, die der Soldatenkönig für die Uniformen seiner „Langen Kerls“ nutzte. Er siedelte sie in der Friedrichstadt an. Aber auch in Rixdorf, Schöneberg und Friedrichshagen entstanden „Böhmische Dörfer“, in denen die eingewanderten Flüchtlinge ihrer Kultur und Sprache treu blieben.

Bald setzte sich der Begriff „Böhmische Dörfer“ in der Alltagssprache fest für alles, was man nicht verstand. Jenny Schon führt Besucher heute unter anderem auf den Rixdorfer Friedhof, wo viele Grabtafeln zeigen, dass die Böhmen drei Generationen gebraucht haben, um sich im Deutschen zuhause zu fühlen. Diese in Europa einmaligen Überreste eines „Böhmischen Dorfes“ in der Fremde hat sich sogar der tschechische Staatspräsident Havel auf seinem Berlinbesuch angesehen.  


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