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Andreas Westerfellhaus: „Gute Pflege kann, soll und wird es geben“

KWA Symposium 2019 „Gutes Leben, gute Pflege?“ in Berlin – Auszug aus den Grußworten des stv. Bezirksbürgermeisters Arne Herz und von KWA Vorstand Dr. Stefan Arend sowie aus den Ausführungen des Bevollmächtigen der Bundesregierung für Pflege

Berlin, 7. Februar 2019. – KWA Symposium unter dem Titel "Gutes Leben. Gute Pflege?"

Bezirksstadtrat Arne Herz betonte in seinem Grußwort für Charlottenburg-Wilmersdorf, dass man sich darüber freue, KWA in Berlin zu haben. Die Zusammenarbeit mit dem Wohnstift sei sehr gut, auch künftige Interessen von KWA werde man gerne unterstützen. Tatsächlich sei in Berlin sein Bezirk einer von wenigen, die versuchen, Leben im Alter aktiv zu gestalten – mit einer Stiftung und entsprechenden Einrichtungen. Trotz finanzieller Fragen sollte Menschen mit einer gewissen Lebensleistung ein Lebensabend ermöglicht werden, der eher dem Standard von KWA entspricht. Gleichzeitig müsse es für Angehörige, die zu Hause pflegen, gute Lösungen geben. „Bei allem Verständnis für Systemfragen müssen wir wieder zu den Wurzeln zurückkehren“, so Arne Herz.

KWA Vorstand Dr. Stefan Arend hat beobachtet, dass in der Tagespresse Fragen nach der Qualität und Kultur von Pflege nur selten gestellt werden, im Fokus stehen eher Fragen der Quantität: Wie viele Pflegekräfte brauchen wir? Und woher holen wir die Mitarbeiter für die 13.000 Stellen, die jetzt in den vollstationären Einrichtungen neu besetzt werden könnten? Auch werden, so Arend, von der Politik nicht wirklich ernsthaft Fragen nach einer inhaltlichen und strukturellen Weiterentwicklung von Pflege aufgeworfen.

Es sei von daher der richtige Zeitpunkt, sich mit der Frage zu befassen, was gute Pflege ausmacht. Der Chef des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Andreas Wirsching, hat in seiner vielbeachteten Wiener Vorlesung 2016 „Kollektiver Freizeitpark oder Burnout-Gesellschaft“ wichtige Hinweise zum Lage der modernen Gesellschaft gegeben. Er sagt:„Der heutige mündige Mensch (ist es) gewohnt, in den Kategorien von Wahlfreiheit, Planung und Entscheidung zu denken. Er fühlt sich als Herr seiner selbst und sucht in seinem Lebenslauf ein Maximum an Optionen einzubauen. Der Mensch unserer Gegenwart wird somit zum Lebenslauf-Strategen. (…) Was diese Vorstellung freilich durchkreuzen kann, ist das Leben selbst.“  

Auch der Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse erinnert in der Handreichung „Im Alter neu werden können“, dass Grenzsituationen wie Pflege und der Tod zum Leben gehören. Und noch mehr: Kruse berichtet von den Erfahrungen jüngerer Menschen, die in der Begegnung mit alten Menschen Anregungen für ihre gedankliche und emotionale Beschäftigung mit grundlegenden Fragen des Lebens gewonnen haben. „Selbst die Begegnung im Sterben kann Lebensgewinn für die nachfolgenden Generationen bedeuten“, so Kruse. Freilich brauche es dafür eine altersfreundliche Kultur in unserer Gesellschaft. „Die wirkliche Nagelprobe haben wir aber bei der Fragestellung zu bestehen, inwieweit dem alten Menschen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und eine Entfaltung seiner Ressourcen und Potenziale ermöglicht wird“, so Arend.

Dem DAK Pflegereport 2018 ist zu entnehmen, dass die Frage nach einem guten Leben bei Pflegebedürftigkeit auch Pflegebedürftigen gestellt wurde. Die Antworten öffnen den „Blick für Lebensthemen, Wünsche und Bedürfnisse, die in einer existenziellen Weise bedeutsam sind“, so Studienleiter Thomas Klie. Auch die KWA Kundenbefragung 2018 brachte interessante Ergebnisse. „Am sozialen Leben teilzunehmen“ ist den meisten Stiftsbewohnerinnen und -bewohnern ausgesprochen wichtig. 85 % der hochbetagten Bewohner der KWA Einrichtungen sind der Meinung, dass es wichtig ist, „Aufgaben im Leben zu haben“, und 60 % der Teilnehmer gaben an, dass ihnen das freiwillige Engagement als Stiftsbewohner wichtig sei. Besonders ausgeprägt ist bei den Bewohnern das Interesse an aktuellen Entwicklungen, an Politik, Kultur und Gesellschaft.

Träger von Senioreneinrichtungen sind demnach aufgefordert, ihre Angebote und Dienstleistungen, vor allem aber ihre Kultur entsprechend auszurichten und so ein gutes Leben möglich zu machen. Doch reichen die Ressourcen lediglich für die Sicherung einer „Grundversorgung Pflege“ der Bevölkerung aus? Oder können wir es uns „leisten“, die Idee von einem „guten Leben“ auch für Pflege und Begleitung umzusetzen? Andreas Kruse macht darauf aufmerksam: „Die finanzielle Situation der Pflegeeinrichtungen führt dazu, dass die Zeit für die notwendige Pflege immer stärker beschnitten wird. Die Zeitknappheit führt dazu, dass pflegebedürftige Menschen oft nicht mehr als Person in der Pflegebeziehung ernst genommen werden können, sondern zum Objekt der Verrichtung werden. Viele Pflegekräfte leiden darunter, nicht mehr als beziehungsbereite Menschen wahrgenommen, sondern als Pflegewerkzeuge eingesetzt zu werden."

Die rigorose Ökonomisierung des Sozialen, der (Aber)Glauben an den Markt mit der immer stärkeren Herausbildung von börsennotierten und gewinnmaximierenden Pflegekonzernen birgt laut Arend die große Gefahr einer den menschlichen Bedürfnissen und Bedarfen verschlossenen Sackgasse, in der zwar normiert und staatlich beaufsichtigt wird, aber das gute Leben des Menschen keinen Platz mehr hat.

Der Bevollmächtigte der Bundesregierung für Pflege, Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, betonte in seinem Impulsvortrag, dass für ihn als gelernter Krankenpfleger der Mensch nach wie vor im Mittelpunkt stehe. Anders als in den Jahren der Opposition gehe es für ihn jetzt aber darum, um Partner zu werben. Die Umstellung auf Pflegegrade sei gelungen. Für einen Strukturwandel brauche es jedoch einen Paradigmenwechsel. Gesundheitsminister Jens Spahn mache eine ordentliche Taktzahl. Ihm, Westerfellhaus, sei bewusst, dass vieles dringlich ist und dass die Menschen für die Erhöhung des Pflegeversicherungsbeitrags auch etwas sehen wollen. „Menschen sind bereit, mehr zu zahlen, wenn sie merken, dass sie etwas davon haben“, so Westerfellhaus.

Derzeit fließen die meisten Gelder in stationäre Pflege, das müsse sich ändern. Im SGB XI sei der Grundsatz „ambulant vor stationär“ verankert. In bestimmten Regionen und Situationen gebe es zur stationären Pflege keine Alternative. Es sei jedoch gefährlich, „an den Bedürfnissen vorbei zu entwickeln“. Leistungen und Ansprüche sind ausgebaut worden. Derzeit stehen für den Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung zwei Dinge im Vordergrund: professionelle Pflegefachkräfte und ausreichend Plätze für Kurzzeitpflege.

Kurzzeitpflege sei ein wichtiges Instrument für Krisensituationen. Den Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen hat er selbst schon vor 10 Jahren persönlich erlebt, bei der Suche nach einem Platz für eine Angehörige. Für Anbieter sei die Bereitstellung nicht attraktiv, wegen des hohen Ausfallrisikos. Deshalb blicke er mit Spannung auf die Erprobung des neuen Modells in Bayern – die Bereitstellung von Kurzzeitpflegeplätzen wird finanziell gefördert. Eine wirtschaftlich tragfähige Vergütung nach bayerischem Vorbild wäre bei positiven Resultaten laut Westerfellhaus flächendeckend denkbar.

Die Bundesländer sollten aus der Sicht des Pflegebevollmächtigten vorhandene Möglichkeiten jedoch auch stärker nutzen. Konzepte für altersgerechte nachbarschaftliche Versorgung begrüße er. Und wenn das nicht mit dem SGB V oder SGB XI kompatibel ist, dann müsse man das ändern. 40 Prozent derjenigen, die ambulante Pflege für zu Hause anfragen, bekommen derzeit eine Absage, weil die ambulanten Dienste nicht genug Pflegekräfte haben. Der „Pflegekraft-Exodus“ verstärke das Problem.

Deshalb müsse man Sorge tragen, dass Auszubildende durchhalten und dann auch im Beruf bleiben. Westerfellhaus glaubt nicht, dass es am Beruf an sich liegt, wenn Pflegekräfte den Beruf aufgeben. Immer wieder werde genannt: zu wenig Kollegen, zu wenig Zeit, zu wenig Anerkennung. Die fehlende Autonomie, fehlende Verordnungsfähigkeit und fehlende Entscheidungsmöglichkeiten vor Ort seien weitere Punkte, die von Pflegekräften negativ gesehen werden. „Und wenn Menschen deswegen in Teilzeit oder in andere Länder flüchten, ist das wirtschaftlich und sozialpolitisch eine Katastrophe“, konstatiert Westerfellhaus. Die Rückkehrbereitschaft liegt bei 48 Prozent – bei guten Rahmenbedingungen. Flächendeckende Tarifverträge, neue Arbeitszeitmodelle, begleitende Beratung könnten dazu beitragen.

Gleichzeitig sieht Andreas Westerfellhaus die Gefahr, dass pflegende Angehörige nicht beachtet werden. „Wenn Angehörige aus der Pflege rausgehen, wäre das eine Katastrophe“, so der Pflegebevollmächtigte. Zu ihrer Unterstützung setzt er auf „Pflege-Copiloten“, die als Ansprechpartner „im Kiez“ beraten, beispielsweise im Hinblick auf Unterstützungsmöglichkeiten und die Finanzierung notwendiger Umbaumaßnahmen.

Dass sich drei Ministerien zusammengetan haben, um eine ganze Reihe von Themen gemeinsam anzugehen, stimmt Westerfellhaus zuversichtlich. Die Frage des Symposiums „Gutes Leben. Gute Pflege?“ bejaht er. „Ja, das soll, kann und wird es geben.“ Seine grundsätzliche Haltung zu den vielen Aufgaben, die zu bewältigen sind: „Ich bin für Mut, für Innovation und einfach mal machen.“

Autor: Sieglinde Hankele

Zum Bericht über die Beiträge der Referenten Thomas Klie und Dirk Müller

KWA Symposium 2019, von links: Der stellv. Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf Arne Herz, KWA Vorstand Dr. Stefan Arend, Prof. Dr. Thomas Klie, Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, KWA Pflege-Verantwortlicher Manfred Zwick
KWA Symposium 2019, von links: Bezirksstadtrat Arne Herz, KWA Vorstand Dr. Stefan Arend, Prof. Dr. Thomas Klie, Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, der KWA Pflege-Verantwortliche Manfred Zwick

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