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Andreas Büscher: "Pflege ist ein Problemlösungs- und Beziehungsprozess"

KWA Symposium 2019 „Gutes Leben, gute Pflege“ in Berlin – Auszug aus den Beiträgen von Prof. Dr. Andreas Büscher von der Hochschule Osnabrück und von KWA Pflegeexpertin Bianca Jendrzej sowie aus der Talkrunde mit der Leiterin der Abteilung Pflege des AOK-Bundesverbandes und dem KWA Pflege-Verantwortlichen Manfred Zwick.

Berlin, 7. Februar 2019. – KWA Symposium unter dem Titel "Gutes Leben. Gute Pflege?"

Der Wirtschafts-, Sozial- und Pflegewissenschaftler Professor Dr. Andreas Büscher stellte das „Six Senses Framework“ von Mike Nolan vor, der sich seit mehr als 30 Jahren wissenschaftlich mit Pflege befasst und an der University of Sheffield eine Professur für gerontologische Pflege („Gerontological Nursing“) hält. Das Six Senses Modell wurde Ende der 1990er Jahre entwickelt, nimmt eine personenorientierte Perspektive ein. Andreas Büscher übersetzt „Senses“ in diesem Fall mit „bedeutsame Aspekte im Kontext von pflegerischen Beziehungen“. 

Ein Großteil der Probleme in der Pflege beruht laut Büscher darauf, dass wir Pflege auf Verrichtungen reduzieren. Doch von Pflegebedürftigkeit sei das ganze Umfeld betroffen. Das werde bislang wenig beachtet. Teilhabe sei ein Ausgangspunkt zur Einschätzung von Pflegequalität. Büscher will sich nicht vorstellen, dass eine staatliche Stelle jemandem seine Lebensqualität beschreibt. Was Lebensqualität ausmacht, sieht jeder anders – zumal sich die persönliche Situation und auch die Beziehungen über die Jahre verändern. 

Das Six Senses Modell stelle im Wesentlichen die Fragen: Was ist für den Einzelnen am hilfreichsten? Und was nützt ihm am meisten? Das Einschalten eines ambulanten Pflegedienstes könne beim einen die Situation verkomplizieren, beim anderen entkrampfen. Er selbst, Andreas Büscher, habe bereits in der Ausbildung gelernt: „Pflege ist ein Problemlösungs- und Beziehungsprozess.“ Zweitgenanntes werde oft vergessen. Viele seien froh, dass die Beziehungsdimension wieder mehr Berücksichtigung finden soll. Zu Pflegende müssen bei der Auswahl passender Pflegeleistungen einbezogen werden.

Evidenzbasierte Pflegeprozesse folgen derzeitigem Wissensstand. Für eine Beziehungsgestaltung sei eine methodische Herangehensweise jedoch nicht geeignet. „Six Sense Frame“ basiert auf einer Vielzahl quantitativer Studien, so Büscher. Er stellte alle Six Senses vor. Diese sind: 

Sicherheit (Sense of security)
Kontinuität (Sense of continuity)
Zugehörigkeit (Sense of belonging)
Zielgerichtetheit (Sense of purpose)
Etwas erreichen können (Senses of achievement)
Bedeutsamkeit (Sense of significance)

Zu allen sechs Punkten beschrieb Büscher die wechselnden Perspektiven. Für ältere Menschen ist der Aspekt "Sicherheit" vor allem auf Bedürfnisse gerichtet. Für pflegende Angehörige geht es bei Sicherheit vorrangig um Wissen, Fähigkeiten und verfügbare Unterstützungsnetzwerke. Bei professionell Pflegenden adressiert der Aspekt "Sicherheit" sowohl sichere Arbeitsbedingungen als auch das Sich-frei-Fühlen in Bezug auf Kontrollen oder physische Bedrohungen.

Auch als Leiter des Deutschen Netzwerkes für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) sei ihm, Büscher, wichtig, dass wir uns nicht auf die fachlich korrekte Durchführung von Pflege beschränken, sondern uns mehr an den individuellen Bedürfnissen orientieren. Worauf Büscher außerdem hinwies - und was nur wenigen bekannt sein dürfte: Die Zahl der Haushalte ohne professionelle Pflege steigt, ist also nicht rückläufig.

KWA Pflegeexpertin Bianca Jendrzej beschrieb ihre praktischen Erfahrungen. Als im Jahr 2015 bei KWA erstmals Nolan's Six Senses vorgestellt wurden, kamen prompt Rückmeldungen, dass dieser Ansatz in der Pflegerealität gar nicht leistbar sei. Unabhängig von KWA belegte eine Studie tatsächlich, dass sich Mitarbeiter emotional kalt machen müssen (Cool out), um den Alltag bewältigen zu können. Doch damit wollte sich KWA nicht zufriedengeben. Jendrzej eröffnete die Diskussion. Das Fazit: Fehlende Dimensionen der Pflege sollen durch starke Führungspersönlichkeiten und klare Prozesse gefördert werden.

Da Mitarbeiter das Gefühl hatten, dass sie als zentrale Akteure der Beziehungsarbeit nicht ausreichend in den Blick genommen werden, wurde auch das ein großes Thema, brachte die Erkenntnis: KWA Begleitung und Pflege muss eine Balance herstellen zwischen Mitarbeitern, Bewohnern und Angehörigen. Denn: "Zufriedene Mitarbeiter pflegen gut", so Jendrzej. Mit dem KWA Leitbild Begleitung und Pflege gibt es seit 2018 einen verbindlichen Leitfaden für die Arbeit in der Pflege.

Der Mitarbeiterfokus wird auch im Magnetkrankenhaus-Modell hervorgehoben, das auf Basis einer Benchmark-Studie in den USA entwickelt wurde. Krankenhäuser, in denen nach dem Magnetmodell gearbeitet wurde, hatten bei den Mitarbeitern deutlich weniger Burn-out-Fälle zu verzeichnen. Erste Konsequenzen, die bei KWA daraus resultieren: Laut Jendrzej wird ein "Springer"-Pool aufgebaut. Die Extra-Mitarbeiter sollen beispielsweise krankheitsbedingte Ausfälle kompensieren. Auch Mitarbeiter-Kinder nimmt man bei KWA in den Blick, durch flexible Arbeitszeitmodelle oder - wie im KWA Albstift Aalen - durch die Einrichtung einer Kindertagesstätte. KWA Akademie befasst sich durch Fort- und Weiterbildungen momentan noch vorrangig mit klassischen Themen wie basale Stimulation oder Validation. Doch das müsse künftig breiter gedacht werden. Auch Assistenzberufe seien in den Blick zu nehmen.

KWA entwickelt derzeit eine Kompetenzmatrix, die für alle Berufsgruppen Rechte und Pflichten beschreibt. Jendrzej versucht, "Kritikpunkte in positive Energie umzuwandeln." Was Jendrzej auch betonte: "Wir müssen in manchen Bereichen noch lernen, dass ganz KWA ein großes Team ist, egal ob Standort oder Hauptverwaltung, egal ob Früh- oder Spätschicht." Mitarbeiter werden mehr Verantwortung bekommen als bisher. Der Verantwortungsgrad sei definiert.

Seinen Abschluss fand das KWA Symposium mit einer Talkrunde unter der Leitung von Thomas Klie. Auf die Bühne gebeten wurden außer Andreas Büscher die Leiterin der Abteilung Pflege des AOK-Bundesverbands Nadine-Michèle Szepan sowie der KWA Pflege-Verantwortliche Manfred Zwick. Hier nur einige wenige Kernaussagen:

Nadine-Michèle Szepan: Wir von der AOK teilen Ihre Ansichten. Eine der größten Hürden ist das Zusammenspiel vieler Akteure, nicht nur vor Ort. Die Organisationsstrukturen sind ein Riesenthema. Auch Personalleasing-Agenturen: Sie werben Fachkräfte aus festen Arbeitsverhältnissen ab. Was wir schon haben, sind kleine Detailregelungen und eine Flut von Einzelvorschlägen, aber es fehlt ein Masterplan. Das alles in eine Struktur und in Maßnahmenpaket zu bringen, ist große Kunst. Doch immerhin sitzen alle an einem Tisch: Kostenträger, Verbände, Ministerien. Als große Herausforderung sehe ich das Realisieren flächendeckender Tarife und die Gewinnung von Fachkräften im Ausland.

Die 13.000 zusätzlichen Pflegekräfte sollen der Arbeitsverdichtung entgegenwirken. Der Anspruch gilt ab dem 1.1.2019, kann auch rückwirkend refinanziert werden, von der zuständigen Pflegekasse. Die AOK möchte gestalten, nicht nur verwalten. Die Wünsche der Betroffenen sind in der Fokus zu nehmen. Dabei ist das Zusammenspiel mit den Kommunen entscheidend. Vorerst offen ist die Frage: Was passiert in der Häuslichkeit? Fast Dreiviertel der Pflegeempfänger leben im häuslichen Bereich. Alle Einrichtungen haben heute ein Benchmark, über Indikatoren. Über häusliche Pflege wissen wir fast nichts. Die aktuellen Vergütungsmodelle passen eigentlich nicht zum Pflegebedürftigkeitsbegriff.

Prof. Dr. Andreas Büscher: Die Pflegeversicherung ist grundsätzlich etwas Gutes. Ich habe den Eindruck, dass das, was wir auf den Weg gebracht haben, zusammenpasst. Der Blick liegt nun nicht mehr auf Pflegeverrichtungen, sondern auf der Einschränkung von Selbstständigkeit. Pflegedienste sollen sich daran ausrichten, das ist noch nicht umgesetzt. Mit dem Pflegebedürftigkeitsbegriff sind wir jedoch einen entscheidenden Schritt weiter.

Mich reizt, dass wir nun endlich häusliche Pflege in den Fokus nehmen können. Aber das ist komplex, hinter jeder Haustür verbirgt sich etwas anderes. Es gibt jedes Jahr mehrere Millionen Hausbesuche von Pflegekräften. Deren Informationen müssen wir uns anschauen. Die Höhe der Gelder, die zur Verfügung stehen, ist entscheidend. In den Niederlanden schicken sie Pflegefachkräfte in die Häuser, und lassen die entscheiden, was notwendig und sinnvoll ist. Unser deutsches System würde es vertragen, dass verschiedene flexible Optionen nebeneinander stehen. Flexibilität wäre durch ein Zeitbudget zu erzielen.

Manfred Zwick: Ich selbst bin aus der Industrie über Zivil- und Rettungsdienst in die Krankenpflege gekommen, konnte eine onkologische Abteilung mit aufbauen. Doch im Klinikbereich sind die Möglichkeiten, Menschen zu begleiten, begrenzt. Ich denke, wir sollten in der Altenpflege mit breiterer Brust auftreten. Einrichtungsleiter müssen täglich vor Ort sein, Probleme aufnehmen und an deren Lösung mitarbeiten. Allerdings weiß die Wohnbereichsleitung besser wie der Pflegealltag funktioniert, da muss sich der Einrichtungsleiter auch mal zurücknehmen.

Was der Pflegebedürftigkeitsbegriff bisher gebracht hat? Wir arbeiten bisher noch verrichtungsorientiert. Wir brauchen auch bei uns in den Einrichtungen einen Paradigmenwechsel. Mitarbeiter müssen erst noch lernen, ein Mehr an Zeit sinnvoll zu verwenden. Wir sehen uns in der Experimentierphase, sind gespannt auf Richtlinien. Wenn man ein Zeitbudget hätte, wäre das ein bewohnerzentrierter, zielführender Ansatz. Auch für Kurzzeitpflege brauchen wir einen anderen Ansatz, der beispielsweise Physio- und Reha-Aspekte berücksichtigt.

Autor: Sieglinde Hankele

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Von links: KWA Vorstand Dr. Stefan Arend, KWA Pflegeverantwortlicher Manfred Zwick, KWA Pflegeexpertin Bianca Jendrzej, Referent Prof. Dr. Andreas Büscher, Moderator Prof. Dr. Thomas Klie

 

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