Zur Haupt-Navigation springen | Zum Inhalt springen

50 Jahre KWA Kuratorium Wohnen im Alter
Menue
Immer auf dem Laufenden

Wurde der Anstieg des Demenzrisikos überschätzt?

Bislang gingen klinische Epidemiologen davon aus, dass die Zahl der Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, deutlich steigen wird: von heute rund 1,5 Millionen Erkrankten auf 3 Millionen im Jahr 2050. Sieht man von Prognosen ab und betrachtet stattdessen Erkenntnisse aus Studien, die die tatsächliche Entwicklung der letzten Dekaden untersuchen, gelangt man zu einem anderen, weniger düster gezeichneten Bild. So wurde in Kohortenstudien aus Großbritannien, Schweden, Spanien und den Niederlanden ermittelt, dass in Europa weniger Demenzkranke leben, als noch vor zehn oder 20 Jahren prognostiziert wurde.

In der spanischen Saragossa-Studie fand man Ende der 1980er-Jahre unter den 65-jährigen und älteren Spaniern eine Demenzrate in Höhe von 5,2 Prozent. Sieben Jahre später lag sie bei Personen im selben Alter nur mehr bei 3,9 Prozent – also um ein Viertel niedriger. Dieser Trend ist auch in anderen Ländern erkennbar. In Großbritannien betrug Anfang der 1990er-Jahre bei den 65-Jährigen und Älteren die Demenzrate 8,3 Prozent, 20 Jahre später 6,5 Prozent.

Eine Auswertung von Forschern der Universität Cambridge zeigt im Vergleich zweier Kohorten, die zwischen 1976 und 1989 beziehungsweise zwischen 1994 und 2008 beobachtet wurden, dass sowohl der Anteil der Demenzerkrankungen als auch die Zahl der Neuerkrankungen zum Beispiel bei den 70-Jährigen rückläufig war. „Der angedeutete Rückgang des Auftretens von Demenz fällt zusammen mit Verbesserungen bei schützenden Faktoren (wie Bildung und Lebensbedingungen) und einer
allgemeinen Verringerung bei den Risikofaktoren (wie Gefäßkrankheiten) in den vergangenen Jahrzehnten“, so Carol Brayne von der Universität Cambridge, gemäß Tagesspiegel vom 09.09.2015.

Auch die renommierte Framingham-Studie der Universität Boston belegt ein kontinuierliches Sinken der Demenzrate. Zugleich stieg das Alter bei der Demenzdiagnose im Laufe von vier Dekaden von 80 auf 85 Jahre. Allerdings profitieren nicht alle Studienteilnehmer gleichermaßen von der Risikoreduktion. Zu konstatieren ist laut Ärztezeitung Online vom 24.02.2016 „ein klarer Zusammenhang zwischen Demenzrisiko und Bildungsgrad, der sich allerdings nicht nur auf die Bildung zurückführen lässt. Während bei Bürgern mit Schulabschluss die Häufigkeit der meisten kardiovaskulären Risikofaktoren – mit Ausnahme von Adipositas und Diabetes – stetig zurückging, war dies bei Schulabbrechern nicht der Fall.“ Dies wird als Indiz dafür gewertet, dass sich eine Demenz durch Modifikation des Lebensstils und Herzkreislaufmedizin verzögern lässt.

Der beschriebene Rückgang der Demenz fällt vor allem in Ländern auf, die im letzten Jahrhundert unter Kriegen gelitten haben. Zwei Studien aus Schweden, das von Kriegen vergleichsweise verschont blieb, belegen demgegenüber eine konstant bleibende Demenzrate – bei einer allerdings steigenden Lebensdauer erkrankter Personen. Forscher vermuten, dass auch Traumata, Armut und Existenzängste Einfluss nehmen.

Erschienen in alternovum. Das KWA Journal | 2/2016
Autor: Prof. Dr. Roland Schmidt

nach oben

© KWA

nach oben