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Talkgast im KWA Parkstift Rosenau im Oktober 2018: Stephan Grumbt

Stephan Grumbt ist seit 2014 der Behindertenbeauftragte der Stadt Konstanz. Welche Aufgaben dieses Ehrenamt mit sich bringt, berichtete er im Gespräch mit Stephan Schmutz.

Konstanz, 11. Oktober 2018. - Dinge, die einem selbstverständlich erscheinen, können zu Hindernissen werden, die schwer zu überwinden sind – wenn man eine Behinderung hat. Darauf verwies im Rahmen der Begrüßung zum Talk in der Rosenau Stiftsdirektor Herbert Schlecht. Talkgast Stephan Grumbt hatte den Weg auf die Bühne mit seinem E-Mobil zu diesem Zeitpunkt bereits genommen: über eine Rampe.

Der gebürtige Konstanzer ist keiner, der zum Aufgeben neigt. Im Gegenteil: Kaum ein öffentlicher Anlass in der Stadt, bei dem Stephan Grumbt nicht anwesend ist, Kontakte sucht und findet. Sein Ziel: Aufmerksamkeit wecken für rund 9000 behinderte Menschen in der Stadt. Er selbst ist seit 2014 der Behindertenbeauftragte der Stadt Konstanz. Wie er dieses Ehrenamt mit seinem Beruf verbindet, war unter anderem Thema des Gesprächs, das Stephan Schmutz mit ihm beim Oktober-Talk führte.

Grumbt war vor seiner Erkrankung Rugbyspieler, somit Leistungssportler, stand außerdem als Sänger auf der Bühne, ehe er an Multipler Sklerose erkrankte. Inzwischen braucht er einen Rollstuhl oder sein E-Mobil, wenn er eine gewisse Strecke selbstständig zurücklegen möchte. Busfahren ist für Stephan Grumbt immer wieder eine Herausforderung. „Da wäre es gut, wenn der eine oder andere Fahrgast behilflich wäre“, so der Talkgast, denn nicht immer könne der Busfahrer gleich zur Stelle sein.  

Mit Disziplin und Spaß am Leben meistert Stephan Grumbt seinen Alltag

Ob er sich auf das Leben im Rollstuhl vorbereitet habe, möchte Moderator Stephan Schmutz von seinem Gast wissen. Vorbereiten könne man sich nicht wirklich, sagt Grumbt. „Aber man kann sich mit der Herausforderung auseinandersetzen. Und das muss jeder für sich alleine machen.“ Durch seine Erziehung und auch durch den Leistungssport habe er gelernt, dass man nicht nur austeilen kann, sondern auch einstecken muss. „Man muss sich durchkämpfen“, so Grumbt. Insbesondere seiner Mutter sei er dankbar. Vieles was er von ihr gelernt habe, gebe ihm Kraft. Und auch das, was unausweichlich zum Leistungssport gehört: Disziplin. „Wenn ich gegenüber Jüngeren von Disziplin spreche, werde ich oft in eine falsche Ecke gedrängt“, berichtet Grumbt. Doch für ihn war Disziplin ein entscheidender Faktor im Umgang mit der Erkrankung und den Einschränkungen. 

Viele Menschen ziehen sich bei einer Erkrankung oder nach einem Schicksalsschlag aus der Öffentlichkeit zurück – so die Beobachtung von Stephan Schmutz. „Du aber bist das Gegenteil. – Nur Disziplin kann das nicht sein.“ Dies bestätigt sein Gegenüber. „Nein. Das ist der Spaß am Leben. Das Leben geht weiter, wenn auch anders.“ 

Als er erfahren hat, dass es eben doch Multiple Sklerose ist, habe er sich erst einmal in Konstanz an den Hafen gesetzt, um auf seiner „Festplatte“ Einiges neu zu ordnen. Alles was geplant war und mit zwei Beinen zu tun hatte, habe er erst einmal in einen Ablageordner geschoben – aber auch schon einen neuen Ordner geöffnet. „Ich hab‘ mir vor allem überlegt: Wie macht man das auf vier Rädern.“ Nach drei Stunden war für ihn, mehr oder weniger deutlich, ein Weg erkennbar. Da habe er sich gesagt: „So machst du das jetzt.“

Ein Vertrauensvorschuss des Arbeitgebers half bei der Diagnose Multiple Sklerose

Beruflich ist Stephan Grumbt in der Logistikbranche tätig. „Wie sieht denn da der Alltag aus?“, die nächste Frage des Moderators. Grumbt berichtet, dass er schon seit dreißig Jahren für ein Schweizer Logistikunternehmen arbeitet. Als er im Betrieb seine Krankheit thematisiert hat, war die Replik „Herr Grumbt, wir sind nicht an Ihrer Physis interessiert. Ihr Kopf ist uns wichtig.“ Alles andere lasse sich arrangieren. – Das sei ein ungeheurer Vertrauensvorschuss und in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich. 

Inzwischen arbeitet er von zu Hause aus. Er befasse sich vor allem mit Containern, auf der Schiene und auf dem Wasser, von und nach Europa. Doch auch China werde über die Seidenstraße auf der Schiene bedient. Deshalb spreche er etliche Fremdsprachen. „Und wenn morgens um sechs das Telefon geht, flitze ich schon mal im Rollstuhl an den PC, um zu sehen, weshalb welcher Container wo stehen geblieben und dringend Erwartetes noch nicht angekommen ist.“ Das sei – wenn man so will – ein „24-7-Job“. Er ist 24 Stunden am Tag erreichbar, an sieben Tagen in der Woche.

Grumbt sagt: "Das Wichtigste ist, dass keiner aufgrund einer Einschränkung ausgegrenzt wird."

Diesen Sommer hat Stephan Grumbt für die Jahre 2015 bis 2018 einen Bericht zu seiner Tätigkeit als Behindertbeauftragter vorgelegt. Stephan Schmutz fragt nach der Gesamtbilanz. „Ich führe mein Ehrenamt wie ein Unternehmen, für das ich verantwortlich bin und auch Rechenschaft ablege.“ Genau wie in einem Geschäftsbericht werden auch „Baustellen“ beschrieben und Ausblicke gegeben. Grumbts Erkenntnis: „Wir Konstanzer wollen immer möglichst viel bewahren, bewahren, bewahren. Aber wir dürfen nicht zum Museumsstück werden.“ Man könne noch sehr viel tun für Menschen mit Mobilitätseinschränkung. Egal ob man schlecht sieht, schlecht hört oder schlecht läuft: Man ist angewiesen auf Unterstützung und moderne Hilfsmittel, sei es beim Konzert, sei es beim Busfahren, sei es bei einem Theaterbesuch. Wichtig sei, dass Einschränkungen als etwas Normales wahrgenommen werden, die zum täglichen Leben gehören. „Und das Wichtigste ist, dass keiner aufgrund einer Einschränkung ausgegrenzt wird.“ – Dafür bekommt Stephan Grumbt großen Beifall. 

Ob es einen typischen Tag im Leben eines Behindertenbeauftragten gebe, hakt Stephan Schmutz nach. Da er seine Arbeitszeit relativ frei einteilen könne, lasse sich das gut organisieren. Beruflich arbeite er viel mit E-Mail und Telefon. Bei seinem Ehrenamt ist das ein wenig anders: Da lässt er sich auf das ein, was man im Bus oder auf der Straße an ihn heranträgt. „Ich habe natürlich nicht immer sofort Zeit für ein ausführliches Gespräch und muss oft auch erst Dinge klären. Dann verabrede ich mich beispielsweise zu einem Telefonat. Oder ich rufe zurück.“ Da kann es auch mal um Barrierefreiheit in der Wohnung gehen. Der Behindertenbeauftragte nimmt überdies an Sitzungen oder Ausschüssen teil, sofern es das Ehrenamt betrifft. 

Mit einem Aktionsplan hat Grumbt in Konstanz eine bedeutsame Weiche zur Inklusion gestellt

Besonders stolz ist Stephan Grumbt darauf, dass es gelungen ist einen Aktionsplan zum Thema Inklusion zu erstellen, auf den auch zurückgegriffen wird. Dazu hat er im ersten Schritt ein 600 Seiten umfassendes Dokument, das bundesweit Anwendung findet, auf Konstanz heruntergebrochen, indem er sich angeschaut hat, was davon in Konstanz machbar und sinnvoll sein könnte. So sind es nun 80 Seiten mit realistischen Maßnahmen, die in absehbarer Zeit mit vertretbarem Kostenaufwand umsetzbar seien. „Ich bin Logistiker, arbeite mit dem, wa da ist“, sagt er dazu. Ein sichtbares Ergebnis ist zum Beispiel die Rampe, die nun jeder Bus hat und von jedermann bedient werden kann, nicht nur vom Busfahrer. Auch der Zugang zum See ist inzwischen verbessert. Und viele Geschäfte hätten inzwischen Rampen eingerichtet für einen barrierefreien Zugang. Ein weiteres Beispiel: Für das Rosgartenmuseum konnte Grumbt Kunstwerke beschaffen, die ertastet werden können. 

Nicht zufrieden sei er mit der Deutschen Bahn. „Es ist eine Schande für eine Stadt wie Konstanz, dass man es nicht schafft, zusammen mit einem staatlichen Unternehmen vernünftige Lösungen zu finden.“ Es werden jetzt zwar Aufzüge gebaut, doch das verlaufe äußerst zäh. Insgesamt sei Konstanz im Vergleich zu vielen anderen Städten und Gemeinden rund um den See in puncto Inklusion jedoch schon weit. Es gebe unglaublich viele Vereine, Initiativen und Angebote dazu. Sie seien teilweise nur zu wenig publik. 

Grumbt tauscht sich außerdem in der ganzen Vierländerregion aus: beispielsweise um einheitliche Symbole und Standards zu bekommen, sodass Menschen mit Einschränkungen bei Reisen und Ausflügen besser zurechtkommen. Überdies verfolgt man das gemeinsame Ziel, eine internationale Anerkennung der Behindertenausweise zu erreichen und damit verbunden Ermäßigungen im Öffentlichen Personennahverkehr.

Kultur, Freizeit und Barrierefreiheit werden im Jahr 2019 im Mittelpunkt stehen

In Konstanz möchte Grumbt im kommenden Jahr einen großen Fokus auf Kultur und Freizeit legen, außerdem einen Schwerpunkt in Bezug auf barrierefreies Bauen und der Beseitigung von Barrieren auf der Straße. 

Stephan Schmutz thematisiert noch ein heikles Thema: Viele Menschen haben Hemmungen, auf Menschen mit Einschränkungen zuzugehen. Das bestätigt Stephan Grumbt. Da wünscht er sich einen offenen, angstfreien Umgang. Wenn dann die Antwort kommt: Nein danke, das schaffe ich allein, sei das ja gut. Umgekehrt sollte es normal werden, dass ein Mensch mit Einschränkung um Unterstützung bittet und diese dann auch bekommt. Schade findet er auch, dass beispielsweise der Denkmalschutz beim Kopfsteinpflaster bisher verhindert hat, dass rollstuhl- und kinderwagentaugliche Spuren beziehungsweise Wege geschaffen wurden. Seine Botschaft an alle Verantwortlichen, als er sein Amt antrat: Das Thema Inklusion in die Öffentlichkeit bringen. Das ist noch immer seine Mission, auch wenn es manchmal wehtut oder mit einem Tabubruch verbunden ist. Er müsse manchmal unbequem sein. „Mit mir müsst ihr rechnen, an mir kommt ihr nicht vorbei.“ Geht nicht, gibt’s nicht. Er bleibt beharrlich, auch wenn es Nerven und viel Zeit kostet.

Von der Stadt Konstanz wünscht er sich für die Zukunft mehr Modernität, sodass in zehn Jahren eine bunte Gesellschaft gemeinsam zu einem Fest gehen kann - egal ob behindert oder nicht, egal ob schwarz oder weiß, egal ob Christ oder Muslim. 

Sieglinde Hankele


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