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"Dialog" mit der Autorin und Übersetzerin Elisabeth Plessen

Der Herbst, der in Berlin ein Sommer war: Bei 20 Grad kommt Elisabeth Plessen ins KWA Stift im Hohenzollernpark, um aus ihrem Leben und von ihrer Arbeit als Schriftstellerin und Übersetzerin zu erzählen.

Berlin, im Oktober 2018. - Gleich zu Beginn des "Dialogs" mit dem Journalisten Reinhard von Struve schwärmt Elisabeth Plessen vom Sommer in Italien, wo sie nahe Lucca ein Haus hat. Dorthin zieht sie sich jedes Jahr lange zurück. Vom Fenster aus kann sie das Mittelmeer sehen und erfreut sich an der Schönheit der toskanischen Natur: "Es ist eine große Harmonie zwischen der Landschaft und mir."

Weil erste Versuche im Journalismus für sie "nicht passten", studierte Elisabeth Plessen Literaturwissenschaft, begann zu übersetzen und veröffentlichte 1976 ihren ersten Roman mit dem  provokativen Titel "Mitteilung an den Adel". Um die Provokation zu verstehen, muss man ihren vollen Namen kennen – Elisabeth Charlotte Marguerite Auguste Gräfin von Plessen. Als Mitglied des schleswig-holsteinischen Hochadels präsentierte die Autorin der Gesellschaftsschicht, der sie entstammt, eine Art Abrechnung. 

Hausverbot und der Vorwurf der "Fäkalliteratur"

In "Mitteilung an den Adel" mischen sich autobiografische mit fiktiven Szenen. Im Mittelpunkt stehen eine in Berlin lebende studentenbewegte Tochter und ihr konservativer Vater. Sie will mit ihm über die erduldete Zeit unter den Nazis reden und über seine Haltung im Krieg als Wehrmachtsangehöriger; er weicht aus, flieht in Sprachlosigkeit, hängt ihr einen Maulkorb um und droht ihr wegen ihrer linken Freunde mit dem Gewehr. Die Reaktion auf ihr Buch: Von der Familie erhielt Elisabeth Plessen ein Jahr Hausverbot, andere warfen ihr „Fäkalliteratur“ vor. Aber die junge Autorin erntete auch - wie sie sagt - "unendlich viel Applaus aus großbürgerlichen und adligen Kreisen". 

Bruch mit der Familie

Da sie wie ihre Protagonistin im Buch keine Gesprächsmöglichkeit mehr sah, brach sie mit ihrer Familie: "Ich habe die Koffer gepackt und mich innerlich und äußerlich verabschiedet." Den Adelstitel legte sie ab, "um als Schriftstellerin nicht mehr so offensichtlich einzuordnen zu sein". Da Elisabeth Plessen schon in Kindheit und Jugend zu Hause viele unterschiedliche Sprachen gehört und Zeit bei Verwandten im Ausland verbracht hatte, verfestigte sich bei ihr der Berufswunsch "Übersetzerin". So wurde der renommierte Intendant und Regisseur Peter Zadek auf sie aufmerksam. Es entwickelte sich eine – wie sich Plessen erinnert – dreißigjährige "symbiotische Lebens- und Arbeitspartnerschaft". 

Zadeks Shakespeare-Übersetzerin

Zadek war als Sohn jüdischer Emigranten in England aufgewachsen und hatte dort seine Liebe zu Shakespeare entdeckt. Wenn er eines von dessen Stücken in Deutschland inszenierte, störte ihn aber die klassische Übersetzung. Er hielt sie für "zu deutsch", zu weit weg von der Poesie, die das englische Publikum in den Originaldialogen empfand. Elisabeth Plessen sagt: "Ich habe versucht, in meinen Shakespeare-Übersetzungen die Phantasie der Zuschauer zu öffnen, denn Shakespeares Sprache ist voller Allegorien. Die herkömmlichen deutschen Übersetzungen dagegen tendierten zu sehr zum Begrifflichen."

Für Plessen liegt die Faszination Shakespeares in seinem reichen Personal. "Seine Figuren sind alles: Bösewichte, Krüppel, der ganze Kosmos taucht auf. Und Shakespeare ist kein Moralist wie etwa Schiller, der die Perspektive auf seine Figuren dadurch einengt. Der Zuschauer soll selbst herausfinden, was er von einer Figur hält." 

Ein anderer "Michael Kohlhaas"

Die langjährige Lebenspartnerin von Peter Zadek kommt dann auf den Erfolgsdruck zu sprechen, der auf einem Regisseur laste. Jeden Tag müssten mindestens 30, an großen Theatern bis zu hundert Leute motiviert und mitgerissen werden, ihr Bestes für die nächste Premiere zu geben. Darüber sei Zadek tablettenabhängig und oft sehr krank geworden. Ihr Part wurde es, sich nach der Übersetzung von den Proben zurückzuziehen, selber zu Kräften zu kommen und Zadek wieder auf die Beine zu helfen. 

Für ein Gespräch über Elisabeth Plessens andere Romane und Gedichtbände bleibt kaum noch Zeit, aber Moderator von Struve möchte zum Abschluss wissen, wie Plessen dazu kam, sich nach Kleist noch einmal an dem Thema „Michael Kohlhaas“ zu versuchen. Die Autorin berichtet, dass sie sich auf die Spuren der historischen Figur gemacht habe, die sie psychologisch verstehen wollte, anders als Kleist. Dank eines Stipendiums konnte sie ein Jahr lang in DDR-Archiven recherchieren und entdeckte schon zu Beginn der Neuzeit einen damals total populären Aufrührer ähnlich der Baader-Meinhof-Gruppe. 

"Stücke sind keine Selbstbedienungsläden"

Aus dem Publikum wird Plessen gefragt, wie sie zum modernen Theater steht. Sie  erinnert an Peter Zadeks Devise, dass erst der Autor komme, dann der Schauspieler und erst an dritter Stelle der Regisseur. Heute erlebe sie oft das Gegenteil: Ein Regisseur oder eine Regisseurin nehme den Autor ans Gängelband der Regie. "Stücke sind aber keine Selbstbedienungsläden," fügt Elisabeth Plessen hinzu und greift nach einem drastischen Bild, "ich ertrage es nicht, dass Regisseure Texte wie eine Salami nehmen und nach Gusto alles hineinstopfen."

Text: Reinhard von Struve


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